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22. Februar 2018, 10:47 Uhr

Lohngerechtigkeit in Deutschland

Das hab ich nicht verdient!

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Die Löhne in Deutschland müssten gerechter werden, forderte die SPD im Wahlkampf. Doch wie ungerecht fühlen sich Arbeitnehmer tatsächlich bezahlt? Eine neue Studie gibt Antworten.

Verdiene ich das, was ich verdiene? Diese Frage dürfte sich jeder Arbeitnehmer schon einmal beim Blick auf Gehaltszettel oder Steuerbescheid gestellt haben. Zwar steigen die Löhne in Deutschland schon seit einiger Zeit wieder. Zuvor aber stagnierten gerade geringe und mittlere Einkommen oft so lange, dass Arbeitnehmer unter Berücksichtigung der Inflation heute sogar weniger verdienen als früher.

"Deutschland hat (nach wie vor) ein Lohnproblem", warnte das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium im vergangenen Jahr. Die Ungleichheit zwischen den Einkommen sei historisch hoch und ein "Stachel im Zusammenhalt Deutschlands". SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz machte Lohngerechtigkeit zu einem zentralen Wahlkampfthema. Nach seiner Niederlage meinten dann viele, Schulz habe aufs falsche Pferd gesetzt.

Stimmt das? Sind die meisten Deutschen tatsächlich mit ihrer Bezahlung zufrieden? Das hat die Lohnexpertin Helena Schneider vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in einer noch unveröffentlichten Studie untersucht, die dem SPIEGEL vorliegt. Sie basiert auf Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer angesehenen Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Schneider kommt zu dem Schluss, das vom Wirtschaftsministerium konstatierte Lohnproblem lasse sich "nicht pauschal bestätigen". Ihre Ergebnisse zeigen aber auch, dass gerade Geringverdiener sich tatsächlich oft ungerecht bezahlt fühlen. Und sie geben Hinweise darauf, wie sich daran etwas ändern ließe.

Insgesamt empfinden immerhin 61 Prozent der Arbeitnehmer ihren Bruttolohn als gerecht - soweit ein schon Ende vergangenen Jahres publiziertes Ergebnis von Schneider. Die Zufriedenheit lässt jedoch deutlich nach, wenn die Bürger auch Steuern und Sozialabgaben berücksichtigen: Ihren Nettolohn empfinden nur noch 55 Prozent als gerecht. In unteren Lohngruppen ist die Unzufriedenheit zum Teil noch deutlich größer.

Allerdings lässt der Staat die Bürger mit ihren Gehältern nicht ganz allein. Über Transferzahlungen wie Kindergeld oder Sozialhilfe wird zumindest ein Teil der Einkommen umverteilt. Das, so vermutete Schneider, müsste die Zufriedenheit der Betroffenen eigentlich erhöhen.

Tatsächlich scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wer Transferzahlungen erhielt, bewertete sein Einkommen im Schnitt sogar als noch ungerechter. Zwar sind die Transfers im Nettoeinkommen selbst noch nicht enthalten, separate Daten zum Haushaltseinkommen standen Schneider nicht zur Verfügung. Doch auch zur schlechteren Bewertung des Nettoverdienstes sieht sie einen möglichen Zusammenhang: "Die Tatsache, dass es zusätzlicher staatlicher Mittel bedarf, könnte als offensichtliches Zeichen für die Unfähigkeit gewertet werden, den eigenen Lebensunterhalt selbstständig erwirtschaften zu können."

Mehr Geld, mehr Chancen

Was aber hilft dann gegen die wahrgenommene Lohnungleichheit? Zunächst einmal, ganz banal: mehr Geld. Tendenziell steigt mit dem Lohn auch das Gefühl, gerecht bezahlt zu werden. Am oberen Ende nimmt nur jeder Fünfte seinen Bruttolohn als ungerecht wahr, am unteren Ende dagegen nahezu jeder Zweite.

Nach marktwirtschaftlicher Logik sind unterschiedliche Bezahlungen freilich begründet und sogar wünschenswert: Wer mehr leistet oder sich weiterqualifiziert, soll auch mehr verdienen. Problematisch wäre es demnach nur, wenn solch ein Aufstieg nur manchen möglich wäre - die Chancen also ungleich verteilt sind.

Inwiefern die Arbeitnehmer an Chancengerechtigkeit glauben, überprüfte Schneider an der Zustimmung zu Aussagen wie "Im Vergleich mit anderen habe ich nicht das erreicht, was ich verdient habe". Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Wer an Chancengerechtigkeit glaubt, beurteilt auch sein Einkommen positiver - unabhängig davon, wie hoch es ist.

Vor allem hier sieht die IW-Forscherin einen Hebel, um das Gerechtigkeitsempfinden zu verbessern. Mehr Chancengerechtigkeit lasse sich unter anderem durch einen Ausbau der Kindergartenbetreuung, mehr Ganztagsschulen oder vermehrten Einsatz von Schulpsychologen schaffen. "Umfassende Implikationen für Umverteilungsmechanismen abzuleiten, fällt hingegen schwer."

Dieses Fazit wird man gerne hören bei den Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden, die das IW finanzieren und regelmäßig vor zu viel Umverteilung warnen. In der Studie findet sich aber auch eine Erkenntnis, die nicht jedem Unternehmer gefallen dürfte. Schneider zufolge existiert "ein signifikanter Einfluss einer Tarifbindung auf die empfundene Lohngerechtigkeit". Gerade den Beziehern niedriger Einkommen hilft offenbar das Wissen, dass diese zumindest kollektiv ausgehandelt wurden.

Am oberen Ende der Gehaltsskala verschwindet dieser Effekt, eine Rolle spielen Tarifverträge dort indirekt aber auch: Top-Verdiener fühlen sich besonders gerecht behandelt, wenn sie außertariflich bezahlt werden - mit dem Arbeitgeber also einen Verdienst noch über der höchsten Gehaltsstufe ausgehandelt haben.

Zusammengefasst: Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft empfindet eine Mehrheit der Arbeitnehmer ihren Lohn als gerecht. Allerdings ist der Anteil der Unzufriedenen gerade in unteren Einkommensgruppen erheblich. Verändern ließe sich das der Autorin zufolge vor allem durch mehr Chancengerechtigkeit.

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