Magnum-Erfinder Leopold "Nicht nur Gaumenerotik"

Ein Eis am Stil für Erwachsene - verkauft sich das? Aber ja, dachte Heinz Leopold und erfand vor 25 Jahren das Magnum. Was es mit Oralsex-Analogien auf sich hat, und warum in der Cornetto-Waffel unten ein Schokonest ist, darüber spricht er im Interview.

Unilever

Von


SPIEGEL ONLINE: Herr Leopold, wie wird man eigentlich Eis-Erfinder?

Leopold: Das war damals ähnlich cool wie heute bei Google zu arbeiten. Man durfte schon als Anfänger sein eigenes Produkt betreuen, und wir haben enorm viel Spaß gehabt. Außerdem war ich als Kind selbst immer gern am Langnese-Stand.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange gibt es Speiseeis überhaupt schon?

Leopold: Seit der Antike. Könige ließen damals Schnee in Höhlen lagern und von Bediensteten im Sommer in den Palast schaffen. Das war schon ziemlich dekadent. Das Eis selbst ähnelte wohl eher einem Sorbet. Der griechische Dichter Simonides von Keos beschrieb es jedenfalls als "Gletscherschnee" aus "Früchten, Honig oder Rosenwasser".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Magnum vor 25 Jahren selbst eine bekannte Eismarke erschaffen. Wie kam es dazu?

Zur Person
Heinz Leopold, 49, war sechs Jahre Produktmanager für Eis bei Unilever. Magnum, sein erstes Produkt, war gleichzeitig sein größer Erfolg. Rund 250 Millionen Stück pro Jahr essen die Deutschen inzwischen von dem Eis, das er 1989 erfand.
Leopold: Mein Chef sagte damals: Mach mir ein großes Nogger. Nogger Magnum. Damals kam ja auch die Magnum-Champagnerflasche gerade in Mode. Doch das Nogger XL schmeckte nicht. Zu süß, zu viel Schokolade. Also entwarf das Magnum-Team ein komplett neues Produkt. Die Idee war, das erste Eis am Stiel für Erwachsene zu erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Entsprechend war die Werbung. "Ich und mein Magnum" sah fast aus wie Oralsex.

Leopold: Werbung für Kindereis war immer "Sommer, Sonne, Spaß". Bei einem Produkt speziell für Erwachsene gab es andere Möglichkeiten. Wir konnten nun plötzlich betonen, dass Eisessen sinnliches Vergnügen ist. Es ging bei "Ich und mein Magnum" aber nicht nur um Gaumenerotik. Es gab zum Beispiel auch eine Szene, in der die Frau dem Mann nichts abgibt von ihrem Eis - ihn also nicht ranlässt.

SPIEGEL ONLINE: Ed von Schleck, BumBum, "Nogger dir einen" - Eisnamen und Eiswerbung sind ziemlich oft schlüpfrig, oder?

Leopold: Naja. "Nogger dir einen", das ist ja eher Teenagersprache. Und BumBum, das kam nicht aus unserem Haus. Aber meines Erachtens spielt es lediglich auf die damaligen sportlichen Erfolge von Boris Becker an. Auf der Verpackung ist ja auch ein Tennisnetz.

SPIEGEL ONLINE: Und Ed von Schleck?

Leopold: Das war immer das Eis, das nicht tropfte. Ein Produkt für Kinder. Man schiebt es aus der Verpackung hoch, so dass es weniger kleckert. Darum geht es.

SPIEGEL ONLINE: Mach mir ein großes Nogger, und mach es sexy: Solche Ansagen passten gut in den Zeitgeist. Die neunziger Jahre waren die Ära des Hedonismus. Symbolisiert die Marke Magnum den Rückzug der Gesellschaft in den Genuss?

Leopold: Ich würde mir nicht anmaßen, dass wir diesen Zeitgeist geprägt haben. Wir sind aber sicher auf der Welle dieses Trends mitgesurft. Dazu passt auch, dass wir ein Produkt, das es vorher fast ausschließlich für Kinder gab, nun auch für Erwachsene anboten. Aber das war ohnehin konsequent. Als ich meinen Job antrat, sagte man mir: Du kannst noch ein paar Jahre Spaß haben, dann kauft eh keiner mehr Eis. Weil die Geburtenrate extrem zurückgegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Auf den Langnese-Eistafeln haben Sie es nie ganz nach oben geschafft. Dort standen Sie immer unter Cornetto. Ärgert Sie das?

Leopold: Jetzt kommen wir in die tiefenpsychologischen Bereiche der Werbeindustrie. Der Marktforschung zufolge steht der beste Spot immer in der Mitte. Dort verweilt das Auge am längsten. Entsprechend könnte man auch die Eis-Charts anders interpretieren.

SPIEGEL ONLINE: Bei Cornetto ist unten in der Waffel ein kleines Schokonest drin. Absicht oder Produktionsfehler?

Leopold: Das war eine Folge des Produktionsprozesses. Unilever hat damals Schokolade in die Hörnchen gesprüht, damit die Waffel nicht so schnell durchweicht, wenn das Eis schmilzt. Die Schokoschicht diente als Feuchtigkeitsbarriere. Da ein Teil der Schokolade durch die Schwerkraft nach unten rutscht, bildet sich das Schokonest. Mit der Zeit wurde dieser Zufall dann zum Kult.

SPIEGEL ONLINE: Eine Kollegin sagt, Ihr Eis hätte sie früher arm und fett gemacht. Wie lebt es sich mit solchen Vorwürfen?

Leopold: Eine gute Süßigkeit hat nun mal ein paar Kalorien, und das zeigt sich manchmal eben auch auf den Hüften. Das ist einfach so. Laut meiner Jogging-App reichen aber schon 20 Minuten Laufen - dann hat man die Kalorien eines Magnums wieder verbrannt.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Leidet Ihre Branche unter dem steigenden Gesundheitsbewusstsein der Deutschen?

Leopold: Nein. Es ist gut, dass wir gesundheitsbewusster leben. Das schließt gelegentliche Genüsse aber nicht aus. Der durchschnittliche Eisverbrauch eines Deutschen liegt bei sechs Litern pro Jahr. Und sich ab und zu ein Eis zu gönnen, das schadet keinem. Davon wird keiner dick. Entsprechend hat sich an der Eisnachfrage nichts geändert.

Der Autor auf Facebook



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
widower+2 19.04.2014
1. Ich bin heute noch sauer darüber
dass so um 1970 herum Capri Apfel aus dem Sortiment genommen wurde.
padberx 19.04.2014
2. Selbst schuld, oder?
"Eine Kollegin sagt, Ihr Eis hätte sie früher arm und fett gemacht." Nun ja, bis man sich mit Magnum arm gefressen hat, muss man schon ganz schön zügellos gewesen sein ...
günterjoachim 19.04.2014
3. Wieder in die Schule!
SPON hat einen schlechten Stiel!
chickenhead 19.04.2014
4. schlüpfrig?
dann feht noch in der Aufzählung mein Lieblingseis, welches nur kurz eine Renaissance feiern durfte: der Braune Bär
mitch72 19.04.2014
5. @padberx
Zuegellos passt ja auch zum Klischee dieses Produktes ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.