Kampf um Milchpreise "Die Landwirtschaft ist nicht das Sozialamt"

Warum gibt es in vielen Real-Märkten derzeit keine Milram-Produkte? Und warum tun sich Milcherzeuger so schwer, bessere Preise durchzusetzen? Das erklärt der Landwirte-Sprecher Ottmar Ilchmann.
Ein Interview von Nils Klawitter
Ottmar Ilchmann, 57, ist Milchbauer und Landeschef der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft in Niedersachen/Bremen

Ottmar Ilchmann, 57, ist Milchbauer und Landeschef der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft in Niedersachen/Bremen

Foto: Ilchmann

SPIEGEL: Im Internet kursieren gerade Bilder von Bauern, die in Real-Einkaufsmärkten palettenweise Milram-Quark in ihre Einkaufswagen stapeln. Was ist da los?

Ottmar Ilchmann: Die Molkerei Deutsches Milchkontor (DMK) hat offenbar versucht, gegenüber den Einkäufern von Real und Famila etwas höhere Preise für ihre Milram-Produkte zu verlangen. Die Bauern unterstützen das. Sie sind erbost über Ramschpreise und beschleunigen gerade den Abverkauf dieser Produkte. 

SPIEGEL: Real wirbt bei den Kunden um Verständnis für die Lücken im Regal und spricht von "massiven" und benachteiligenden Preiserhöhungen, die die DMK gefordert habe.

Ilchmann: Ich weiß nicht, wie viel Aufschlag verlangt wurde. Aber die Sorge des Einzelhandels um seine Produzenten scheint, anders als auf dem Gipfel bei der Kanzlerin behauptet, nicht besonders ausgeprägt. Edeka hat das ja neulich in einer Werbeaktion eindrucksvoll gezeigt. Danach hat Essen nur einen Preis verdient: den niedrigsten.

SPIEGEL: In Süddeutschland haben die Discounter gerade die Butterpreise um etwa 20 Prozent gesenkt. Die 250-Gramm-Packung, so schreibt das "Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt", sei sogar günstiger als die Blockware für Industriekunden.

Ilchmann: Da werden Lebensmittel verramscht. Und es zeigt sich die geballte Macht und die Ignoranz des Handels, in dem vier Ketten 85 Prozent des Marktes dominieren. Jeder Produzent muss es sich dreimal überlegen, ob er eine Auslistung riskiert.

SPIEGEL: Auch Sie beliefern über einen Milchhändler DMK in Zeven - immerhin Deutschlands größte Molkerei. Pro Jahr verarbeitet die DMK rund acht Milliarden Kilo Milch zu Lebensmitteln. Als harter Verhandler gegenüber dem Einzelhandel fiel die DMK bisher kaum auf, warum nicht?

Ilchmann: Bei der DMK ist die Größe auch Fluch. Die haben eine Menge Milch – aber Milch, Käse und Quark sind Frischeprodukte, da tickt die Uhr, die Produkte müssen abgesetzt werden. Es bleibt wenig Spielraum für Preisverhandlungen. Zudem kommt von den Bauern selbst nur wenig Druck.

SPIEGEL: Warum nicht, die DMK ist doch eine Genossenschaft?

Ilchmann: Schon, aber Genossenschaft bedeutet auch: lange Kündigungsfristen. Zudem hat die DMK hier im Norden eine sehr dominante Position, die sind in vielen Regionen Quasi-Monopolist.

SPIEGEL: Der Einzelhandel argumentiert, der Preis von einigen Milram-Produkten habe keine Auswirkungen auf den Milchpreis. Ist dieser Preiskampf bloß Show?

Ilchmann: Wo soll die DMK beginnen, wenn nicht bei starken Produkten wie ihrem Quark? Die DMK hat – auch wegen der Größe – lange nur auf Masse gesetzt, man beliefert die Discounter etwa mit H-Milch, das ist deren Geschäft. Für die Bauern ist das desaströs: Auch im letzten Jahr lag die DMK mit dem Milchpreis wieder weit unten, die kamen gerade mal auf etwas über 30 Cent pro Liter. Die Milchbauern bräuchten aber 40 Cent. Viele sind deshalb seit Jahren verärgert. Gäbe es Druck auf die DMK, konkurrenzfähige Milchpreise zu zahlen, würden die nicht lange durchhalten.

SPIEGEL: Die DMK inszeniert sich jetzt als Vorkämpfer für faire Preise und sagt, der Mehrerlös gehe direkt an die Höfe. Stimmt das?

Ilchmann: Ich würde es mir wünschen, aber einen Automatismus gibt es nicht. Auch die Gehälter in der Zentrale wachsen ja. Bessere Preise für die Produkte führen leider nicht direkt zu einem höheren Milchpreis. Müller-Milch etwa macht fast nur Produkte im Hochpreissegment. Die Bauern, die Müller beliefern, bekommen aber eher Durchschnittspreise. Die DMK müsste die Speerspitze im Kampf um höhere Milchpreise sein. Und nicht der Schlaffi, wie bisher.

SPIEGEL: Dann wären die Bauern aber nicht mehr weltmarktfähig, wie es etwa der Bauernverband  und Teile der CDU bis heute fordern.

Ilchmann: Das stimmt. Aber es ist ein komischer Markt, in dem die Politik einerseits die Umweltauflagen erhöht und die Bauern andererseits der Billigkonkurrenz aus dem Ausland ausliefert sind. Das ist nicht zu leisten. Statt des Gefasels vom Weltmarkt brauchen wir einen durch verpflichtende Standards geschützten EU-Binnenmarkt. Und womöglich können wir dann eben auch nicht mehr mit Billigprodukten irgendwie Weltmarktanteile abgreifen. Aber derartige Glücksspiele haben sowieso noch keinen Produzenten gerettet.

SPIEGEL: Einen derartigen Umbau wird der Einzelhandel kaum mitmachen.

Ilchmann: Ein solcher Umbau der Landwirtschaft muss politisch begleitet werden. Die EU-Subventionen dürfen nicht mehr fast allein an Flächen gekoppelt werden, sondern an nachhaltige Produktion. Aber klar, am Ende des Tages müssen wir auch über die Preise reden. 

SPIEGEL: Der Einzelhandel schreckt vor höheren Preisen zurück. Rewe-Chef Lionel Souque erklärte, er sorge damit auch für die 13 Millionen Deutschen, die in Armut oder an der Armutsgrenze lebten.

Ilchmann: Das ist sehr lieb von ihm. Aber verzichtet der Einzelhandel deswegen auf seine fürstlichen Margen? Kümmert er sich um seine Bananenproduzenten in Honduras, die schuften müssen, damit das Kilo Bananen hier für 99 Cent im Laden liegt? Um die rumänischen Akkordarbeiter in den Schlachthöfen? Es klingt vielleicht etwas hart, aber die Landwirtschaft ist nicht das Sozialamt. In einem reichen Land wie Deutschland muss man dann wohl auch mal darüber nachdenken, vielleicht die Hartz-IV-Sätze etwas zu erhöhen. Die sehen im Augenblick maximal fünf Euro pro Tag für die Ernährung eines Erwachsenen vor. Faire Preise sind damit kaum möglich.

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