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03. November 2016, 13:45 Uhr

Preiserhöhung bei Aldi

Milch ist immer noch zu billig

Ein Kommentar von

Aldi macht es vor, die anderen Lebensmittelhändler werden nachziehen: Milch wird teurer und das gleich um 40 Prozent. Leider profitieren davon weder Bauern noch Kühe.

Milch ist zu billig. Daran ändert auch eine Preiserhöhung bei Aldi und Co. von mehr als 40 Prozent nur wenig. Sicher, die Situation der Milchbauern ist so prekär, dass es um jeden Cent geht. Aber das ist seit vielen Jahren so und eine Trendwende wird das erst, wenn sich der Markt wirklich ändert - und danach sieht es nicht aus.

Die Wirklichkeit sieht nämlich so aus: Die großen Handelsketten schreiben ihren Bedarf aus, die Molkereien bieten einen Preis an. Bei einer Handvoll großer Lebensmitteleinzelhändler dürfte schon hier klar sein, wer die größere Macht auf diesem Markt hat. Die Marke spielt da keine Rolle, die Einkaufspreise unterscheiden sich um nicht mehr als ein oder zwei Cent.

Gar nicht mit am Tisch sitzen die Bauern. Und so wird von der jüngsten Preiserhöhung wohl auch kaum etwas bei ihnen ankommen.

Viele äußern Unverständnis über das anhaltende Gejammer der Milchbauern. Auch die Landwirtschaft, so das Argument, unterliegt halt den Gesetzen des freien Marktes. Wer zu klein oder ineffizient ist, der muss halt wachsen oder aufgeben.

In Wirklichkeit geschieht genau das schon seit Jahren: Die Betriebe werden größer, der Anteil der Großbetriebe mit mehr als 100 Kühen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, viele Kleinbetriebe haben bereits aufgegeben. Die Übriggebliebenen investieren in High-Tech-Melkroboter und Hochleistungskühe, die bis zu 10.000 Liter Milch im Jahr geben und nach wenigen Jahren ausgelaugt zum Schlachter gebracht werden.

Es ist eine Entwicklung, die eigentlich keiner haben will. Weder Verbraucher noch Bauern.

Wir aber wollen es offenbar nicht so genau wissen: Wir glauben, wenn wir bei Aldi oder anderswo nicht zur billigsten Milchtüte greifen und Markenprodukte kaufen, unterstützen wir damit Bauern, deren Kühe frei herumlaufen, Gras und Klee fressen und rundum glücklich sind. Der Preis, so die Hoffnung, ist deshalb ein wenig höher, weil es auch dem Tierwohl und dem Bauern etwas bringt. In Wirklichkeit beruhigt es aber nur unser Gewissen.

Wer angesichts der erschreckenden Entwicklungen in der Milchviehhaltung überhaupt noch Milch trinken will, könnte Bioprodukte kaufen - in der ökologischen Landwirtschaft ist die Lage noch eine Spur besser. Bekommen die Bauern aber nicht dauerhaft mehr Geld für ihre Milch, notfalls mit politischem Druck, wird sich an der Lage von Bauern und Kühen nichts ändern.

45 Cent pro Liter brauchen die Milchviehhalter, um sowohl ihre Kosten zu decken, als auch zu investieren und Gewinn zu erzielen, bei Biobauern sind es mindestens zehn Cent mehr. Vom Ladenpreis kommt bei den Landwirten ungefähr die Hälfte an.

Vollmilch kostet bei Aldi jetzt 65 Cent.

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