Mitflugbörsen Im Privatjet nach Kirchheim-Teck für 116 Euro

Die Sharing Economy erobert die Luftfahrt: Auf Börsen wie wingly.io oder flyt.club bieten Hobbyflieger freie Plätze an. Klimaschützer sind alarmiert.
Cessna 172 Skyhawk SP

Cessna 172 Skyhawk SP

Foto: imago

Flüge sind fast schon Produkte des täglichen Bedarfs. Ein dringender Geschäftstermin in Frankfurt? Für 99 Euro fliegt die Lufthansa ab München. Eine Party in Berlin? Abflug in Köln mit Eurowings schon ab 33 Euro. Die Klimabilanz: verheerend.

Jetzt gibt es jenseits der Metropolen eine ganze Reihe weiterer Mikroflugangebote: etwa von Uetersen in Schleswig-Holstein nach Wangerooge in der Nordsee, für 132 Euro, nicht mit Easyjet oder Germanwings - sondern mit Heike Hüsers, Mitte 40, Lehrerin aus Hamburg.

Seit sechs Jahren ist Hüsers Freizeitpilotin, chartert regelmäßig eine Cessna und hebt ab. Fliegen, sagt sie, sei eine Leidenschaft, wie es da oben ruckelt, wie der Wind so an der Maschine zerrt, dass man spürt, dass man in der Luft ist, ein Erlebnis, das sie beglückt, jedes Mal. Und ein teures Hobby.

Seit Kurzem sucht Hüsers auch deswegen gezielt nach Mitfliegern - und findet sie übers Internet. Anschnallen, abheben, einen Strandspaziergang und dann zurück: "Die Inselflüge sind besonders beliebt", sagt sie. Nicht mehr nur Autofahrer inserieren ihre freien Plätze in Internetbörsen; mit Angeboten wie wingly.io oder flyt.club gibt es nun das Pendant für Freizeitflieger wie Heike Hüsers - die Sharing Economy erobert den Luftverkehr. So werden selbst kuriose Strecken erschwinglich, etwa von Braunschweig nach Höxter für 38 Euro oder von Bielefeld nach Kirchheim unter Teck für 116 Euro oder für 102 Euro von Bremen in den Sonnenuntergang.

40.000 Privatpiloten allein in Deutschland

Motorflugvereine vergeben seit Langem freie Bordplätze. Seit 2014 gibt es sogar eine EU-Verordnung, die Privatpiloten das Mitnehmen von Passagieren ausdrücklich erlaubt. Seither gibt es einen kleinen Gründungsboom bei den Mitflugbörsen.

Im Januar startete das französische Unternehmen wingly.io einen deutschen Ableger. Das Leipziger Start-up flyt.club, aus einer Bachelorarbeit entsponnen, war bereits kurz zuvor ans Netz gegangen.

Bei flyt.club sind nach Angaben des Unternehmens inzwischen 700 Piloten registriert, im August will sie rund 100 Passagiere an Privatpiloten vermittelt haben. Von den Fluggästen kassiert die Mitflugbörse zehn Prozent des Preises als Vermittlungsgebühr. Noch ist das kein Riesengeschäft, aber ein wachsendes, hofft Mitgründer Marcus Loffhagen.

Nach den ersten Monaten hätten sie einen knapp sechsstelligen Umsatz gemacht. Mehr als 80.000 Fluglizenzen sind in Deutschland vergeben  - Loffhagen schätzt, dass rund 40.000 Privatpiloten regelmäßig fliegen - ein großes Potenzial für Sharing-Modelle.

Den Piloten selbst ist das Geldverdienen hingegen streng untersagt. Sie dürfen nur Benzinkosten, Flughafengebühren oder den Charterpreis für ihre Maschine auf die Mitflieger umlegen; Kasse machen verbietet das Gesetz.

Ob sich die Piloten allerdings an das Geschäftsverbot halten, kontrolliert zumindest flyt.club  nicht. Spritbelege? Landequittungen? Verlangt man nicht, bislang vertraut die Mitflugbörse voll auf die Angaben der Piloten. "Wer Geld verdient, setzt seine Fluglizenz aufs Spiel. Das wird niemand riskieren, der aus Leidenschaft fliegt", sagte Gründer Loffhagen.

Scharfe Kritik von Umweltschützern

Sharing-Modelle werden oft als Beitrag zum Umweltschutz beworben: Wer als Autofahrer andere mitnimmt oder bei anderen mitfährt, spart Spritkosten - vor allem werden weniger Abgase in die Luft geblasen, als wenn jeder Mitfahrer sich selbst hinters Steuer gesetzt hätte.

Ob das Teilen die Ökobilanz wirklich verbessert, ist bisher kaum erforscht. Ökonomen weisen auf den sogenannten Rebound-Effekt hin, der Einsparungen wieder zunichte machen könnte : Wir nutzen das Auto durch das Teilen vielleicht effizienter und klimaschonender, fahren dafür aber womöglich auch umso häufiger.

Bei Hobbyfliegern könnte dieser Effekt sogar noch krasser ausfallen: Natürlich ist es besser, wenn eine Cessna vollbesetzt mit vier Personen abhebt als mit vielen freien Plätzen. Andererseits dürften die Mitflieger in der Regel selbst keine Piloten sein, die dank wingly.io und Co. auf den eigenen Flug verzichten.

Manchen Hobbypiloten dürfte die Möglichkeit, schnell und unkompliziert Passagiere zu finden, sogar dazu verleiten, noch öfter den Motor anzuwerfen. So ist das zum Beispiel auch bei Heike Hüsers. Sie sagt: "Dank der Mitflugbörse konnte ich in diesem Jahr bestimmt zehn Mal häufiger fliegen als sonst."

Der ökologisch orientierte Verkehrsklub Deutschland lehnt die Börsen denn auch kategorisch ab. "Mitfluggelegenheiten sind aus Umweltsicht bedenklich", teilt eine Sprecherin mit. Die meisten Kleinflugzeuge seien bei voller Besatzung zwar etwas klimafreundlicher als die Verkehrsjets der Airlines - aber immer noch bedenklicher als das Auto.

Das Umweltbundesamt teilt diese Einschätzung: "Das Sharing-Konzept führt zwar zu Emissionsminderungen pro Person, aber die Emissionen liegen immer noch deutlich über denen von Pkw, Bahnen und Bussen", teilt die Behörde mit.

Wie ein Ferienflieger

Noch sind die Risiken für die Umwelt überschaubar. Denn noch lohnen sich Mikroflüge nur als Alltagsabenteuer, nicht als Reisealternative. Aber es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass sich das irgendwann ändert. Heike Hüsers hatte zum Beispiel schon eine Anfrage von einem Vater, der am liebsten eingestiegen wäre wie in einen Ferienflieger: eine Woche Urlaub auf Langeoog, mit der Cessna hin, ein paar Tage später wieder zurück.

Warum eigentlich nicht?, dachte Hüsers. Sie kalkulierte es durch - und kam zum Schluss, dass sich das für den Familienvater nicht rechnet. Die Leerflüge - nach dem Hinflug von der Insel zurück und dann wieder hin zum Abholen - hätten den Preis zu sehr in die Höhe getrieben. Aber wer weiß? Wenn das Mitfliegen populärer wird, wenn für jeden, der von Bord geht, wieder jemand zusteigt, könnte es hinhauen: "Eine Airline arbeitet ja nicht anders", sagt Hüsers.