Umstrittene Werbemethoden Wie Finanzberater Studierende umgarnen

Die "Bürgerbewegung Finanzwende" macht Front gegen MLP: Der Finanzdienstleister werbe Studenten mit zweifelhaften Methoden als Neukunden.
Studierende an der Uni Köln (Archivbild)

Studierende an der Uni Köln (Archivbild)

Foto: Christoph Hardt/ imago images/Future Image

"Hol dir 6000 € zurück – das Steuerseminar für Studenten" oder: "Mach dich zum Top-Verdiener – Gehaltsverhandlungen führen mit Strategie".

Solche kostenlosen Workshops bietet der Verein "Hochschulinitiative e.V." auf seiner Website an . Das 15-köpfige Vereinsteam verfolgt damit laut Satzung gemeinnützige Zwecke, nämlich "die Förderung der Berufsausbildung einschließlich der Studentenhilfe".

Man muss schon etwas herumsuchen auf der Plattform, um zu erkennen, dass der Verein bei dieser Mission mit einem Unternehmen zusammenarbeitet, das nicht unbedingt für seine Gemeinnützigkeit bekannt ist: dem Finanzvertrieb MLP, der Geldanlage-, Altersvorsorge- und Versicherungsprodukte verkauft.

Unter der Rubrik "Über uns" wird MLP als Partner der Initiative geführt, neben Firmen wie Flixbus und mymuesli. Tatsächlich sind es mitunter Berater des Finanzdienstleisters mit Sitz im baden-württembergischen Wiesloch, die etwa zum Thema Gehaltsverhandlungen schulen - das allerdings kommt im Anmeldeprozess erst relativ spät zur Sprache. "Das Seminar wird von unserem Partner MLP durchgeführt", heißt es etwa in einer Bestätigungsmail kurz und knapp.

Kein Wort darüber, dass es sich bei MLP um einen der großen Finanzdienstleister Deutschlands handelt, dessen Berater Produkte verkaufen und dafür in vielen Fällen Provisionen bekommen. Oder über den Hintergrund solcher Workshops. Die veranstaltet MLP nämlich, um Studenten von der Kompetenz des Hauses zu überzeugen - "und bei Interesse somit natürlich auch für unsere Finanzberatung oder auch als MLP-Beraterin bzw. -Berater zu gewinnen". So schreibt es das Unternehmen selbst in einem "Kurzüberblick" zur "Studierendenansprache durch MLP" vom Oktober 2019.

Studierende sind die Kernzielgruppe

Die "Bürgerbewegung Finanzwende", die sich für eine Veränderung der Finanzmärkte starkmacht, startet deshalb an diesem Donnerstag eine gezielte Kampagne gegen die Kooperation - und insbesondere gegen die Rolle von MLP. "Der Finanzvertrieb versteckt sich in gewisser Weise hinter einem Verein, der laut Satzung Gemeinnützigkeit für sich in Anspruch nimmt. Dabei ist wohl der eigentliche Zweck solcher Bildungsangebote letztlich die Gewinnung von Neukunden", sagt Finanzwende-Vorstand Gerhard Schick.

Studierende sind eine Kernzielgruppe von MLP. Vor allem angehende Ingenieure, Mediziner, Betriebswirte und Juristen versprechen lukrative und langlebige Kundenbeziehungen, gehören sie doch mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann zu den Besserverdienern.

Die Kooperation mit der Website ist nur einer von vielen Wegen, über die sich MLP Zugang zu dieser vielversprechenden Klientel schafft. An allen größeren Unistandorten hat der Finanzanbieter eigene Geschäftsstellen, oft sogar spezielle "Hochschulteams". MLP arbeitet auch direkt mit "einer Reihe von Hochschulen zusammen", wie das Unternehmen selbst in seinem Kurzüberblick schreibt: Man biete etwa kostenlose Bewerbungstrainings in den Career Centern an, die es vielerorts gibt und die Studierende auf das Berufsleben vorbereiten sollen.

Weil an den Unis das Geld speziell für solche Angebote oft knapp ist, greifen sie gern auf vermeintliche Experten aus der Industrie zurück.

Auch Assessment-Center-Training für Studenten, Excel-Seminare oder Rhetoriktraining gehören zum Standardrepertoire von MLP.  Keiner der Teilnehmer werde "dabei in irgendeiner Form dazu gedrängt", mit MLP zusammenzuarbeiten, betonte das Unternehmen in einem Mailwechsel mit der "Bürgerbewegung Finanzwende" aus dem Oktober 2019: "Aber natürlich freut es uns, wenn Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu der Einschätzung kommen, es in MLP mit einem kompetenten und verantwortungsbewussten Anbieter zu tun zu haben".

Hier und da allerdings verursachte das Auftreten der Finanzvertriebler schon Ärger mit den Universitäten - vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb MLP seine Workshop-Angebote zunehmend ins Internet verlegt. Seit 2017 ist das Unternehmen mit 49,9 Prozent an einem Start-up namens Uniwunder beteiligt, das Studierende über Facebook gezielt auf die MLP-Workshops anspricht. Über die Uniwunder-Plattform "Spitzenstudent" können Studierende ihre Skripte zudem kostenlos ausdrucken - einer der Partner dabei ist: MLP.

Der Gründer und Geschäftsführer von Uniwunder ist gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des Vereins Hochschulinitiative, den die "Bürgerbewegung Finanzwende" in den vergangenen Monaten unter die Lupe genommen hat. Auch die im Impressum hinterlegte Adresse des Vereins ist mit der Firmenadresse von Uniwunder identisch. 

Als man sich an Uniwunder beteiligt habe, sei die Hochschulinitiative bereits ein Verein gewesen, so MLP gegenüber "Finanzwende". Man sei mit den Hauptgesellschaftern jedoch zu dem Schluss gekommen, diesen Status aufzugeben - die Umsetzung folge in Kürze.

"Leicht erreichbare Opfer"

MLP ist ausdrücklich stolz auf seine Aktivitäten an den Hochschulen: Der Ausbau des Hochschulsegments sei "ein wesentlicher Wachstumshebel" für MLP, heißt es im Geschäftsbericht 2018. In den nächsten Jahren soll sich die Zahl der speziell auf Studierende fokussierten Berater noch mal auf 600 verdoppeln.

Für Finanzwende-Vorstand Schick ist das eine Entwicklung in die falsche Richtung: "Ich finde ein Finanzvertrieb hat im öffentlichen Raum einer Hochschule nichts verloren."

Mit dieser Meinung steht Schick nicht allein. "Finanzstrukturvertriebe suchen an deutschen Hochschulen unter den Erstsemestern junge LeOs – Leicht erreichbare Opfer!", schreibt Hartmut Walz, Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen in einem Blog. "Die Finanzvertriebe nutzen gezielt aus, dass gerade Studierende in niedrigen Semestern sich oft noch orientieren müssen und nicht so lebenserfahren sind", so Walz gegenüber dem SPIEGEL.

Deshalb unterstützt er die "Bürgerbewegung Finanzwende" bei ihrer Kampagne.

Walz hat auch Fotos einer "Campus Tour": Der Basketball-Zweitligist "MLP Academics" machte dabei 2018 in Ludwigshafen Station. Es habe ein Gewinnspiel und einen Basketballkorb gegeben, an dem man sein Glück versuchen konnte, erinnert sich der Professor. Ein geschickter Weg, um das Vertrauen der Studierenden zu gewinnen. Dass solche Auftritte nicht ohne Hintergedanken stattfinden, daraus machen auch die "MLP Academics" keinen Hehl. Bei der "Campus Tour" präsentiere das Team sich und den Ballsport, heißt es in einer Mitteilung von 2017 auf der eigenen Website. Garniert werde der Auftritt "mit attraktiven Angeboten von der MLP Finanzdienstleistungen AG und von Baier Digitaldruck."

Aber muss man sich an solchen Werbeaktionen stören? Walz findet: ja. "Wenn solche Aktionen auf dem Unigelände abgehalten werden, wird suggeriert, dass es sich um besonders vertrauenswürdige Unternehmen handelt", sagt er. Oft höre er von Studenten Sätze wie: "Ich dachte, die sind okay, wenn die Hochschule die hier auf den Campus lässt".

MLP-Filiale in Hamburg

MLP-Filiale in Hamburg

Foto: imago images/STPP

Walz kann etliche Geschichten erzählen, auch von anderen Finanzvertrieben, die an den Unis unterwegs seien. Er berichtet von Vertrieblern, die bei Veranstaltungen Fotos machten und sie den Studierenden kostenlos zuschickten - so komme man leicht in Kontakt. Immer wieder würden Studierende nebenberuflich als "Kontakter" oder Berater für die Vertriebe tätig: Einmal habe ihm ein Erstsemester-Student mit geleaster S-Klasse sogar angeboten, sein Mitarbeiter zu werden.

MLP betont in seinem Mailverkehr mit der Bürgerbewegung allerdings, dass alle MLP-Berater als selbstständige Handelsvertreter arbeiteten, und zwar "ausschließlich hauptberuflich". Eine nebenberufliche Kundenbetreuung gebe es nicht.

Trotzdem ist das Unternehmen für die "Bürgerbewegung Finanzwende" ein "besonders zweifelhafter Finanzvertrieb". Nicht nur wegen seiner "aggressiven Verkaufsstrategie" - sondern auch, so fürchtet Schick, weil viele der Produkte, die MLP vermittle, "teuer oder teils auch unsinnig" seien.

Ein typischer Fall sei ein Finanzvertrag, den ein Studierender im Juli vergangenen Jahres von einem MLP-Berater vermittelt bekam: Eine Verbindung aus Rürup-Rente und Berufsunfähigkeitsversicherung - mit einer jährlichen Beitragssteigerung von zehn Prozent.

Eine selbstständige Berufsunfähigkeitsversicherung oder ein Kombiprodukt seien in vielen Fällen sinnvoll, findet MLP und weist unter anderem auf die Steuervorteile in der Beitragsphase hin.

Bei der Bürgerbewegung Finanzwende hingegen stört man sich an den hohen Abschluss- und Vertriebskosten - und an der mangelnden Flexibilität. Eine Kündigung vor dem Rentenalter empfiehlt sich nicht - denn der Kunde hat kein Anrecht auf eine Auszahlung des Guthabens der Rürup-Rente.

So hat der betroffene Student also tatsächlich einen Vertrag für den Rest seines Lebens abgeschlossen. Er kann ihn nur irgendwann einmal beitragsfrei stellen, wenn er ihn nicht mehr für sinnvoll hält.

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