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Mobilität der Zukunft Trafi revolutioniert den Stadtverkehr

Bus, Fahrrad, Carsharing: In Litauens Hauptstadt Vilnius stimmt eine einzige App alle Verkehrsmittel aufeinander ab - und macht private Autos überflüssig. Der Dienst startet bald auch in Deutschland.
Aus Vilnius berichtet Stefan Schultz

Das Thermometer zeigt minus 16 Grad, als Martynas Gudonavicius sein Büro in der Altstadt von Vilnius verlässt, schwarzer Schneematsch säumt die vereisten Straßen. Gudonavicius will kurz einen Kaffee trinken. Danach wird er, wie jeden Tag, daran arbeiten, einen der größten Irrtümer der Menschheit zu bekämpfen: den motorisierten Individualverkehr.

Draußen, an der Bushaltestelle, haben die Wartenden ihre Mützen und Schals tief ins Gesicht gezogen. Sie trippeln umher, vergraben die Hände in den Taschen. Gudonavicius indes kommt fast gleichzeitig mit dem Bus an der Haltestelle an. Er hatte seine Ankunft genau geplant - dank einer neuen App, die die aktuelle Position seines Busses in Echtzeit auf eine Stadtkarte projiziert.

Das Busticket kauft Gudonavicius mit einem weiteren Tippen auf die App. Nach ein paar Minuten verlässt er den Bus schon wieder und geht zu einem Elektroauto, das wenige Schritte von einer Haltestelle entfernt parkt. Noch einmal auf die App tippen, und der Wagen ist entriegelt. Die Bezahlung läuft automatisch.

Seit September 2017 hat die litauische Hauptstadt Vilnius eine der fortschrittlichsten Mobilitäts-Apps der Welt. Ein Programm, mit dem man problemlos ohne privaten Pkw durch die Stadt kommt und das der Stadtverwaltung nebenher so viele Daten liefert, dass sie ihre Verkehrsplanung gerade grundlegend umstellt.

Trafi  heißt der Dienst, mit dem sich die 550.000-Einwohner-Stadt Vilnius im Nordosten Europas gerade zu einem Testlabor für die globale Verkehrswende entwickelt. Martynas Gudonavicius ist nicht nur Nutzer dieser App. Er hat sie zusammen mit einem Freund kreiert.

Zentraler Baustein der Verkehrswende

Gudonavicius setzt sich in eine ruhige Ecke des Cafés und führt die wichtigsten Funktionen von Trafi auf seinem Handy vor. Kernstück der App ist die Echtzeitkarte, die die aktuellen Positionen von Bussen, Trolleys und Uber-Fahrzeugen auf wenige Meter genau anzeigt - als rote, grüne und schwarze Punkte.

An anderen Stellen auf der Karte sieht man orange und blaue Punkte erscheinen und wieder verschwinden. Sie zeigen an, wo aktuell verfügbare Car-Sharing-Autos parken. Ab April, wenn es draußen wärmer wird, werden noch die Positionen der rund 300 Citybikes hinzukommen.

Neben den aktuellen Positionen der Verkehrsmittel fließen noch weitere Echtzeitdaten in Trafi ein: Angaben zu Staus, Baustellen und zum Wetter zum Beispiel. "Wenn es so kalt ist wie heute, versucht die App zum Beispiel die Fußwege zu minimieren", sagt Gudonavicius.

Hinzu kommen die persönlichen Vorlieben der Kunden. Gudonavicius gibt probeweise die Adresse seines Büros ein und bekommt mehrere Vorschläge angezeigt:

  • wenig laufen und zwei verschiedene Busse nehmen ("besonders günstig"),

  • viel laufen und nur einen Bus nehmen ("mehr Bewegung"),

  • ein Car-Sharing-Auto mieten ("besonders bequem") .

Gudonavicius entscheidet sich für die bequemste und schnellste Variante: Er will gleich mit dem Auto zurück ins Büro. Der Algorithmus wird sich seine Präferenz merken und bei der Gewichtung künftiger Routenvorschläge berücksichtigen.

Für Forscher wie Stefan Bratzel sind Dienste wie Trafi ein wichtiger Baustein für die Verkehrswende. "Es gibt momentan nichts, das den Umstieg vom privaten Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel attraktiver macht, als eine App, über die man alle in einer Stadt verfügbaren Verkehrsmittel zentral buchen und bezahlen kann", sagt der Autoexperte von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach.

Intermodale Dienste werden solche Apps im Fachsprech genannt. Auch in Deutschland versuchen sich eine Reihe von Anbietern an solchen Lösungen: zum Beispiel Daimler mit seiner App Moovel oder das Berliner Start-up Door2Door mit seinem Dienst Ally. Bislang aber gibt es in keiner deutschen Stadt eine App, die auch nur im Ansatz so gut funktioniert wie Trafi in Vilnius.

Bratzel sagt, das liege unter anderem daran, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung ein Entwicklungsland ist. Zudem sperrten sich sowohl öffentliche Verkehrsbetriebe als auch Car-Sharing-Anbieter oft dagegen, intermodalen Plattformen ihre Daten zu überlassen.

"Private Pkw werden bald wie Pferde sein"

In Vilnius ist man deutlich offener für neue Technik. "Dienste wie Trafi sind für uns keine Bedrohung", sagt Povilas Poderskis, der Direktor der Stadtverwaltung. "Im Gegenteil: Die vielen Daten, die solche Apps liefern, unterstützen uns bei der Verkehrsplanung."

Poderskis öffnet seinen Laptop und zeigt eine Karte, auf der zu sehen ist, wo in der Stadt besonders viele Fußgänger unterwegs sind. Die Daten dafür hat die Stadt aus der Trafi-App extrahiert. Nun rüstet sie viele dieser Fußgänger-Hotspots mit zusätzlichen Straßenlaternen, Zebrastreifen oder breiteren Bürgersteigen aus.

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Dann zeigt Poderskis eine Route, auf der man mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum schneller vorankommt als zu Fuß, weil die Busse meist im Stau stecken. Auch diese Information stammt aus der Trafi-App. Die Stadt habe inzwischen begonnen, auf solchen Problemrouten den Verkehr umzuleiten oder Bushaltestellen zu verlegen, sagt Poderskis.

Für den Stadtplaner von Vilnius sind solche Auswertungen erst der Anfang. Er hofft, dass Apps wie Trafi eine Kettenreaktion in Gang setzen, die den privaten Pkw letztlich komplett aus dem Zentrum verbannt.

In einem nächsten Schritt könnten Super-Apps zum Beispiel helfen, die verschiedenen verfügbaren Verkehrsmittel effizienter in der Stadt zu verteilen. Man werde bald genau wissen, wie viele Busse, Car-Sharing-Autos, Leihfahrräder oder Taxis zu welcher Tageszeit in welchem Stadtteil gebraucht werden, sagt Poderskis. In der Folge könnten dynamische Busrouten entstehen, die sich je nach Wochentag oder Tageszeit ändern.

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Generell könne Big Data helfen, das Angebot an Verkehrsmitteln so genau auf die Bedürfnisse der Stadtbewohner zuzuschneiden, dass diese ihr Auto immer öfter stehenlassen. Poderskis glaubt, dass private Pkw bald wie Pferde sein werden: "Man wird sie nur noch für die wochenendliche Spritztour aus der Garage holen."

Die Stadt könnte sich dadurch neue Freiräume schaffen. Denn weniger Verkehr würde auch den Bedarf an Straßenspuren und Parkplätzen reduzieren. Auf den freiwerdenden Flächen könnten neue Parks oder Gebäude entstehen. "Wenn es nach mir geht", sagt Poderskis, "dann gerne Parks."

Jakarta fortschrittlicher als Berlin

Im Hauptquartier von Trafi hängt eine Karte des Sonnensystems. Eine Zielvorgabe für die Expansionspläne von Martynas Gudonavicius sei das nicht, sagt ein Mitarbeiter. Die Welt sei dem Start-up-Boss vorerst genug.

Derzeit ist Trafi in Estland, Lettland, Litauen, Brasilien, der Türkei und in Indonesien verfügbar. 2018 soll der Dienst auch in Deutschland starten. Eine Testversion für die Stadt Berlin gibt es schon, doch Gudonavicius ist damit alles andere als zufrieden.

Die deutschen Städte ließen ihn bislang nicht auf die Echtzeitdaten ihrer öffentlichen Verkehrsmittel zugreifen, moniert er. Und manche Car-Sharing-Anbieter würden sich sperren, ihre Dienste in seine Plattform zu integrieren.

Während man in Deutschland noch über das Für und Wider von offen zugänglichen Daten diskutiert, haben ihn die Behörden im indonesischen Jakarta mit offenen Armen empfangen.

Jarkarta hat jetzt eine Super-App, in der man die Routen öffentlicher Verkehrsmittel in Echtzeit verfolgen kann - teils sogar die von halblegalen Minibussen.

Gudonavicius sagt, er habe nicht damit gerechnet, dass er es in Schwellen- und Entwicklungsländern einfacher haben würde als im Land der Energiewende.