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23. April 2018, 06:14 Uhr

Nachhaltigkeitslabel für Fisch

Die dunkle Seite des MSC-Siegels

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Wer beim Fischkauf ein gutes Gewissen haben will, vertraut dem blauen MSC-Siegel. Aber garantiert das auch, dass der Fisch nachhaltig gefangen ist? Ein Dokumentarfilm weckt Zweifel.

Luís Rodriguez fängt mit seinem kleinen Kutter vor der galizischen Küste Tintenfisch auf althergebrachte Weise, mit Reusen. Eine mühsame Methode, die nicht viel einbringt, aber Fischbestände und Umwelt schont. Er hat kein Ökosiegel und er will es auch nicht: "Das MSC-Siegel ist aus meiner Sicht Betrug, weil es den industriellen Fangflotten hilft. Die Verbraucher haben keine Ahnung davon."

Das blaue Siegel mit dem stilisierten Fisch wird vom Marine Stewardship Council (MSC) vergeben, einer gemeinnützigen Organisation, die 1997 vom World Wide Fund For Nature (WWF) und dem Konsumgüterkonzern Unilever gegründet wurde. Ziel des MSC ist es, für nachhaltigen Fischfang zu sorgen und das auch für den Verbraucher im Supermarkt kenntlich zu machen.

Viele vertrauen dem Logo, es ist mittlerweile weit verbreitet, zwölf Prozent der weltweiten Fischproduktion sind MSC-zertifiziert, bald soll es ein Drittel sein. Vom Öko-Anspruch ist nach Meinung von immer mehr Umweltschützern und Wissenschaftlern nicht mehr viel übrig, Greenpeace Österreich stuft das MSC-Siegel in seinem aktuellen Gütezeichen-Guide sogar als "absolut nicht vertrauenswürdig" ein. Daniel Pauly, Mitbegründer des MSC, wird deutlich: "Der MSC ist auf die dunkle Seite gewechselt - vollständig".

"Zuviel Perfektion ist gefährlich"

Der Journalist Wilfried Huismann hat sich für eine Dokumentation, die am Montagabend in der ARD ausgestrahlt wird, auf eine Recherche um die halbe Welt begeben. Er hat Fischer wie Luís Rodrigues und Wissenschaftler befragt, hat auf Fangflotten gedreht und mit Experten gesprochen, die für das System MSC arbeiten.

Wer den Film gesehen hat, dürfte beim Griff nach MSC-Fisch künftig zögern.

Der MSC verfolge einen pragmatischen Ansatz, sagt der Chef der Organisation, Rupert Howes. (Lesen Sie hier ein ausführliches Interview von Februar) Es gehe nicht darum, die besten zehn Prozent der Fischereien noch perfekter zu machen, sondern alle reinzuholen, auch "die asiatischen Schrottfischereien", wie Howes in der Dokumentation sagt. Es ist eine Haltung, die auch dem WWF schon viel Kritik eingebracht hat. "Zuviel Perfektion ist gefährlich", sagt Howes. "Es geht darum, die Fischerei insgesamt in Richtung Nachhaltigkeit zu schieben."

Aber geht das Konzept auf?

Im Januar warnten 66 Organisation und Wissenschaftler in einem offenen Brief an die MSC-Führung vor einer Ausweitung der Zertifizierungen. Die Vorgaben seien mangelhaft, sodass "in den vergangenen Jahren eine wachsende Zahl von umstrittenen Fischereien zertifiziert wurden", obwohl diese unter anderem "das empfindliche Ökosystem am Meeresboden irreversibel zerstören, weiterhin überfischte Arten fangen und zu einem großen Teil nicht zertifizierte Fangmethoden einsetzen".

Der MSC begrüßte "die konstruktive Kritik", Anregungen und Einwände seien ausdrücklich erwünscht. Das Ziel bleibe aber, "den Fischereisektor auf globaler Ebene nachhaltiger zu machen" und die Anforderungen "zugleich wirksam und erfüllbar" zu gestalten.

Delfingefährdung mit Nachhaltigkeitssiegel

Der Film zeigt viele Schwachpunkte des Systems, zum Beispiel bei der Thunfisch-Fischerei in Mexiko. Die großen Fische gehen eine Fressgemeinschaft mit Delfinen ein - oben schwimmen die Delfine, unten die Thunfische. So lassen sich die Schwärme gut entdecken und jagen. Sie werden mit Schnellbooten und teilweise mit Hubschraubern zusammengetrieben und dann mit einem Ringwadennetz gefangen - viele Delfine verheddern sich in den Netzen und sterben.

Jahrzehntelang wurde mexikanischer Thunfisch deshalb in Europa und den USA vom Handel boykottiert. Seit Kurzem trägt diese Fangmethode aber das MSC-Logo. Die Industrie behauptet, die Delfine würden aus dem Netz befreit. Der MSC gibt die Zahl der toten Delfine auf den 36 zertifizierten mexikanischen Fangschiffen mit weniger als 500 in einem Jahr an. Insider sprechen in dem Dokumentarfilm von Zahlen, die um ein Vielfaches höher liegen.

Ob Schleppnetzfischerei in der Nordsee, Delfine als trauriger Beifang in Mexiko, Haie, die nur für ihre Flossen gefangen werden, oder industrielle Fangflotten, die Tausende Tonnen Fisch auf einer Fahrt fangen: Überall zeigen sich die Schwächen des MSC-Systems. Die Überwachung scheint mangelhaft, Betriebe versuchen, Beobachter zu bestechen, Prüfgesellschaften bescheinigen schnell, dass nicht überfischt wird.

MSC-Chef Howes verweist im Film darauf, dass sich die Organisation auf das Urteil der unabhängigen Prüfer verlassen muss. "Wir selbst haben keine vorgefasste Meinung darüber, was nachhaltig ist, und was nicht."

Aber so unabhängig sind die Prüfer gar nicht, sagt der MSC-Mitbegründer Daniel Pauly: "Alle Leute im MSC-System wissen, dass nur eine Zertifizierung Geld in den MSC spült. Das ist ein Anreiz, zu einem positiven Prüfergebnis zu kommen." Denn die Prüfer werden von den Fischereien bezahlt, nicht vom MSC - wer eine Zertifizierung ablehnt, dürfte kaum einen Folgeauftrag bekommen.

Pauly ist tief enttäuscht und erklärt die Idee für gescheitert: "Der MSC sollte die Interessen von zwei Gruppen vertreten: Industrie und Naturschutz. Deshalb wurde er gegründet, aber er tut es nicht. Er ist von der Industrie gekapert worden."


"Das Geschäft mit dem Fischsiegel - die dunkle Seite des MSC", Montag, 22.45 Uhr, ARD

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