Mythos Ist den Deutschen Steuernsparen wichtiger als Sex?

Steuervermeidung ist für viele Deutsche immens wichtig. Der Steuerspartrieb ist hierzulande angeblich sogar stärker ausgeprägt als der Sexualtrieb. Ganz falsch ist das nicht.
Von Stefan Bach

Der skurrilste Steuermythos lautet, dass in Deutschland der Steuerspartrieb stärker ausgeprägt ist als der Sexualtrieb. "Sex sells", solche launigen Sprüche kommen gut an, zumal wenn darin ein wahrer Kern enthalten ist.

Der Ursprung dieses Mythos ist schwer auszumachen, vermutlich entstand er in den Siebzigerjahren, als die berüchtigten Steuersparmodelle ihre Blütezeit hatten. Diese wandten sich an gut verdienende Privatanleger mit hohen Steuersätzen, die ihre Belastung vermindern wollten.

Der Trick dabei war, durch clevere Nutzung von Vergünstigungen und Gestaltungsmöglichkeiten bei der Einkünfteermittlung den Anteil von sofort abzugsfähigen Kosten an der gesamten Investitionssumme hochzutreiben und in den Anfangsjahren der Investition anzuhäufen. Dadurch entstanden zunächst hohe steuerliche Verluste, die mit den Einkünften aus der Haupterwerbstätigkeit verrechnet werden konnten, also mit den Arbeits- oder Selbständigeneinkommen. Besserverdiener mit hohen Steuersätzen konnten dadurch viel Steuern sparen.

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Foto: DIW

Stefan Bach arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht er zu Steuern, Sozialpolitik und Verteilung. Sein Buch "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?" erscheint in diesen Tagen im Westend Verlag. Der Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

Der Anreiz zum Steuersparen war bei vielen dieser Besserverdiener tatsächlich so groß, dass sie teilweise in windige Geschäftsmodelle investierten, ohne sich vorab genau informiert zu haben. Steuervergünstigungen scheinen eine stärkere Wirkung zu haben als Subventionen mit gleichem Förderumfang - ein Effekt, den die Politik gern nutzt, um Investitionen schnell anzuschieben. Gesamtwirtschaftlich hat das meist erhebliche Fehllenkungen von Investitionen zur Folge. Zuletzt wurden in den Neunzigerjahren in Ostdeutschland große Leerstände produziert, die teils bis heute bestehen.

Der Steuerspartrieb kann sich nicht mehr so recht austoben

Mitunter endeten die Steuersparmodelle für die Investoren im finanziellen Fiasko, denn die Projekte rechneten sich ohne die Steuervorteile nicht oder wurden durch den Investitionsboom und den dadurch ausgelösten Überangebotsdruck entwertet. Aus fiktiven steuerlichen Verlusten wurden schnell echte Verluste. Vor allem hatten zunächst die Initiatoren kräftig abgesahnt, indem sie die "weichen" Kosten für Konzeption, Vertrieb, Steuerberatung, Treuhänder, Mietgarantie et cetera hochtrieben und daran verdienten.

Änderungen der Rechtsprechung und sukzessive Einschränkungen der Gestaltungsmöglichkeiten haben dann die Verlustzuweisungsbranche sukzessive ausgetrocknet. Heute gibt es zwar immer noch viele alternative Investments oder Ähnliches, und auch dabei werden Anleger bisweilen übers Ohr gehauen. Steuersparmotive spielen dabei aber glücklicherweise keine große Rolle mehr. Das hat die gesamtwirtschaftliche Effizienz des Steuersystems sicher deutlich verbessert.

Gewachsen ist vermutlich auch die Steuerfrustration der besserverdienenden Bürger aus den oberen Mittelschichten und den unteren Oberschichten. Nachdem Steuergestaltung und -hinterziehung jahrzehntelang ein Breitensport der besseren Stände war, hat sich das in den vergangenen 15 Jahren deutlich geändert: Neben der Abschaffung der Steuersparmodelle wurde auch die beliebte Steuerflucht von Kapitalanlagen in die Nachbarländer unterbunden. Gleichzeitig werden diese Bürger von den hohen Einkommensteuersätzen voll getroffen. Nur die wirklich Reichen haben über Unternehmensbeteiligungen und weltweit gestreute Anlagen noch große Steuersparmöglichkeiten - zugleich wurden deren Steuerbelastungen gesenkt. Und die Steueroasen der kleinen Leute sind Schwarzarbeit und Minijob.

Angesichts der latent staatskritischen Einstellung der bürgerlichen Mittelschichten und Besserverdiener ist der Steuerspartrieb zweifellos weiterhin vorhanden, kann sich aber nicht mehr so recht austoben. Der Vergleich mit dem Geschlechtstrieb hat wohl auch damit zu tun, dass Besserverdiener und Steuersparer zumeist ältere Männer sind. Die denken zwar ständig an das eine, im gesetzteren Alter wird die Praxis allerdings weniger geübt - der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er spricht. Psychologen haben herausgefunden, dass seltener Sex unzufriedener macht als geringes Einkommen.

Fazit: Hohe steuerliche Leistungsfähigkeit geht mitunter mit verringerter sexueller Leistungsfähigkeit respektive Aktivität einher. Das ist wohl der kleine wahre Kern des Mythos.

Hohe Steuern schaden der Wirtschaft, das deutsche Steuersystem ist das komplizierteste der Welt und die Einnahmen im Staatshaushalt sprudeln zu immer neuen Rekorden. In unserer Serie entlarvt Stefan Bach die größten Steuermythen. Die nächste Folge erscheint am Donnerstag. Bisher erschienen:

Teil 1: Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen
Teil 2: Der Mythos von der Bierdeckelreform

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