Mythos Ist den Deutschen Steuernsparen wichtiger als Sex?

Steuervermeidung ist für viele Deutsche immens wichtig. Der Steuerspartrieb ist hierzulande angeblich sogar stärker ausgeprägt als der Sexualtrieb. Ganz falsch ist das nicht.

Getty Images/ Westend61

Ein Gastbeitrag von Stefan Bach


Der skurrilste Steuermythos lautet, dass in Deutschland der Steuerspartrieb stärker ausgeprägt ist als der Sexualtrieb. "Sex sells", solche launigen Sprüche kommen gut an, zumal wenn darin ein wahrer Kern enthalten ist.

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Der Ursprung dieses Mythos ist schwer auszumachen, vermutlich entstand er in den Siebzigerjahren, als die berüchtigten Steuersparmodelle ihre Blütezeit hatten. Diese wandten sich an gut verdienende Privatanleger mit hohen Steuersätzen, die ihre Belastung vermindern wollten.

Der Trick dabei war, durch clevere Nutzung von Vergünstigungen und Gestaltungsmöglichkeiten bei der Einkünfteermittlung den Anteil von sofort abzugsfähigen Kosten an der gesamten Investitionssumme hochzutreiben und in den Anfangsjahren der Investition anzuhäufen. Dadurch entstanden zunächst hohe steuerliche Verluste, die mit den Einkünften aus der Haupterwerbstätigkeit verrechnet werden konnten, also mit den Arbeits- oder Selbständigeneinkommen. Besserverdiener mit hohen Steuersätzen konnten dadurch viel Steuern sparen.

Zum Autor
  • DIW
    Stefan Bach arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht er zu Steuern, Sozialpolitik und Verteilung. Sein Buch "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?" erscheint in diesen Tagen im Westend Verlag. Der Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

Der Anreiz zum Steuersparen war bei vielen dieser Besserverdiener tatsächlich so groß, dass sie teilweise in windige Geschäftsmodelle investierten, ohne sich vorab genau informiert zu haben. Steuervergünstigungen scheinen eine stärkere Wirkung zu haben als Subventionen mit gleichem Förderumfang - ein Effekt, den die Politik gern nutzt, um Investitionen schnell anzuschieben. Gesamtwirtschaftlich hat das meist erhebliche Fehllenkungen von Investitionen zur Folge. Zuletzt wurden in den Neunzigerjahren in Ostdeutschland große Leerstände produziert, die teils bis heute bestehen.

Der Steuerspartrieb kann sich nicht mehr so recht austoben

Mitunter endeten die Steuersparmodelle für die Investoren im finanziellen Fiasko, denn die Projekte rechneten sich ohne die Steuervorteile nicht oder wurden durch den Investitionsboom und den dadurch ausgelösten Überangebotsdruck entwertet. Aus fiktiven steuerlichen Verlusten wurden schnell echte Verluste. Vor allem hatten zunächst die Initiatoren kräftig abgesahnt, indem sie die "weichen" Kosten für Konzeption, Vertrieb, Steuerberatung, Treuhänder, Mietgarantie et cetera hochtrieben und daran verdienten.

Änderungen der Rechtsprechung und sukzessive Einschränkungen der Gestaltungsmöglichkeiten haben dann die Verlustzuweisungsbranche sukzessive ausgetrocknet. Heute gibt es zwar immer noch viele alternative Investments oder Ähnliches, und auch dabei werden Anleger bisweilen übers Ohr gehauen. Steuersparmotive spielen dabei aber glücklicherweise keine große Rolle mehr. Das hat die gesamtwirtschaftliche Effizienz des Steuersystems sicher deutlich verbessert.

Gewachsen ist vermutlich auch die Steuerfrustration der besserverdienenden Bürger aus den oberen Mittelschichten und den unteren Oberschichten. Nachdem Steuergestaltung und -hinterziehung jahrzehntelang ein Breitensport der besseren Stände war, hat sich das in den vergangenen 15 Jahren deutlich geändert: Neben der Abschaffung der Steuersparmodelle wurde auch die beliebte Steuerflucht von Kapitalanlagen in die Nachbarländer unterbunden. Gleichzeitig werden diese Bürger von den hohen Einkommensteuersätzen voll getroffen. Nur die wirklich Reichen haben über Unternehmensbeteiligungen und weltweit gestreute Anlagen noch große Steuersparmöglichkeiten - zugleich wurden deren Steuerbelastungen gesenkt. Und die Steueroasen der kleinen Leute sind Schwarzarbeit und Minijob.

Steuerdebatte in Bildern

Angesichts der latent staatskritischen Einstellung der bürgerlichen Mittelschichten und Besserverdiener ist der Steuerspartrieb zweifellos weiterhin vorhanden, kann sich aber nicht mehr so recht austoben. Der Vergleich mit dem Geschlechtstrieb hat wohl auch damit zu tun, dass Besserverdiener und Steuersparer zumeist ältere Männer sind. Die denken zwar ständig an das eine, im gesetzteren Alter wird die Praxis allerdings weniger geübt - der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er spricht. Psychologen haben herausgefunden, dass seltener Sex unzufriedener macht als geringes Einkommen.

Fazit: Hohe steuerliche Leistungsfähigkeit geht mitunter mit verringerter sexueller Leistungsfähigkeit respektive Aktivität einher. Das ist wohl der kleine wahre Kern des Mythos.

Hohe Steuern schaden der Wirtschaft, das deutsche Steuersystem ist das komplizierteste der Welt und die Einnahmen im Staatshaushalt sprudeln zu immer neuen Rekorden. In unserer Serie entlarvt Stefan Bach die größten Steuermythen. Die nächste Folge erscheint am Donnerstag. Bisher erschienen:

Teil 1: Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen
Teil 2: Der Mythos von der Bierdeckelreform

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
globus1 31.08.2016
1. Deutschland hat die Steuerschrauben überdreht
Wenn ich ein Auto für 50.000€ kaufe, dann stecken darin rund 8.000€ MWSt. Ich kann doch auch mein Auto im Wert von max. 2.000€ weiter fahren und mir die Ausgaben sparen. So viele Steuern sind einfach zu viel. Steuersparmodelle sind im Grunde immer mehr Ausgabenvermeidungsmodelle. Jedenfalls ist das aus meiner Sicht so.
Loddarithmus 31.08.2016
2. Sie haben recht, ...
Zitat von globus1Wenn ich ein Auto für 50.000€ kaufe, dann stecken darin rund 8.000€ MWSt. Ich kann doch auch mein Auto im Wert von max. 2.000€ weiter fahren und mir die Ausgaben sparen. So viele Steuern sind einfach zu viel. Steuersparmodelle sind im Grunde immer mehr Ausgabenvermeidungsmodelle. Jedenfalls ist das aus meiner Sicht so.
... wieso sollte man für eine Neue viel Geld ausgeben, wo man doch die Alte noch ein paar Jahre benutzen kann. Aber das beantwortet nicht die Frage, was wichtiger ist, Steuern sparen oder Sex
g_bec 31.08.2016
3. Einfach:
Nach dem Sex schwitzt man nur, muss sich mit der/m PartnerIn auseinandersetzen, muss die Bettwäsche wechseln, im Zweifelsfall muss man auch noch die natürlichen Folgen tragen. Nach der Steuervermeidung hat man ein Plus auf dem Konto;-)
max_schwalbe 31.08.2016
4. Steueroase Minijob?
Diese Bemerkung klingt aber nach "spätrömische Dekadenz"! Wer mal drauf achtet, unter welchen Bedingungen Minijobber meistens arbeiten, wird festestellen dass die Rede von einer "Steueroase Minijob" ziemlich pervers ist.
lupenreinerdemokrat 31.08.2016
5. Männer lieben Frauen.....
..... aber noch viel mehr lieben Männer Autos. Autos kosten - wie Frauen Geld. Also Steuern sparen, wo es nur geht! ;-) Das Steuervermeiden ist also nur die logische Folge des Umstandes, dass Männer Autos und Frauen lieben. Steuervermeidung = Sex!
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