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Lebensmittel: Vorsicht vor Clean Labels!

Foto: Verbraucherzentrale Hamburg

"Ohne Farbstoffe" und Co. Verbraucherschützer prangern Schummelsiegel an

Von "Ohne Geschmacksverstärker" bis "Frei von Farbstoffen": Viele Lebensmittel werben mit Siegeln, die Natürlichkeit versprechen. Die Schwemme solcher Slogans überfordere jedoch die Käufer, warnen Verbraucherschützer. Häufig würden außerdem zweifelhafte Ersatzstoffe eingesetzt.

Düsseldorf - Werbung mit dem Verzicht auf künstliche Zusatzstoffe ist laut Verbraucherschützern häufig Augenwischerei. Es habe sich gezeigt, dass mit sogenannten Clean Labels gekennzeichnete Produkte oft nicht so sauber und ursprünglich seien wie suggeriert. Dies ergab eine gemeinsame Studie von zwölf Verbraucherzentralen, deren Resultate SPIEGEL ONLINE vorliegen.

Vor allem die schiere Fülle der unterschiedlichen Labels könne den Verbraucher überfordern, so die Verbraucherschützer. Auf den 151 untersuchten Produkten wurden insgesamt 59 unterschiedlich formulierte "ohne xy"-Versprechen gefunden. "Ohne chemisches Fachwissen blickt da niemand mehr durch", sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Bei den Slogans handele es sich nicht selten um reine Marketinginstrumente.

Insgesamt seien in Deutschland mehr als 1600 Lebensmittel mit entsprechender Kennzeichnung im Handel. Die Anzahl der Produkteinführungen habe sich seit 2005 mehr als verdreifacht.

Doch auch bei den Inhaltsstoffen greifen die Hersteller zu Tricks: So würden vielfach Zutaten wie Geschmacksverstärker, künstliche Aromen oder Farb- und Konservierungsstoffe durch nur scheinbar harmlose Zutaten ersetzt.

Den Angaben der Verbraucherschützer zufolge trugen von 151 untersuchten Produkten 74 den Hinweis, dass bei dem Lebensmittel auf Geschmacksverstärker verzichtet wurde. Tatsächlich fänden sich aber in 92 Prozent dieser Produkte andere geschmacksverstärkende Zutaten wie etwa Hefeextrakte für die Würze.

Hefeextrakte enthielten den Geschmacksverstärker Glutamat, was aber nicht angegeben werden müsse. Bei zwei Dritteln der Lebensmittel, die das Etikett "Ohne Farbstoffe" trugen, seien als Farbstoffe Zusätze wie Rote-Beete-Saft oder Spinat eingesetzt worden. Die Verbraucherzentralen forderten nun klare rechtliche Regelung für die Kennzeichnung. Auch der Wildwuchs an Formulierungen müsse begrenzt werden.

Zusatz-Slogans gaukeln Natürlichkeit vor

In Verbindung mit den "sauberen Etiketten" seien auf Verpackungen häufig Slogans wie "Natur pur" oder "natürlich" zu finden. Bei 80 Prozent der geprüften Tütensuppen fanden die Tester entsprechende Hinweise. Dadurch werde Ursprünglichkeit suggeriert. In den langen Zutatenlisten sind jedoch Stoffe wie Antioxidantien oder Aromen enthalten.

Als weiteren Kritikpunkt mahnen die Verbraucherschützer die Tendenz der Hersteller an, mit Selbstverständlichkeiten zu werben. So würde der Verzicht auf bestimmte Stoffe gepriesen, obwohl die betreffenden Substanzen gar nicht verwendet werden dürfen. "Ein Hinweis 'ohne Benzin', obwohl Benzin gar nicht in Lebensmitteln zugesetzt werden darf, wäre auch unsinnig", so Silke Schwartau.

Als Beispiel nennt die Untersuchung ein Pizza-Produkt der Firma Wagner. Hier wirbt der Hersteller auf der Packung mit dem Slogan "Ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe". Laut Verbraucherzentrale dürfe das Produkt diese aber ohnehin nicht enthalten. Der Hersteller weist diesen Vorwurf zurück. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagte Oliver Thies, Experte für Lebensmittelrecht bei Wagner: "Die Aromaverordnung lässt den Zusatz von Aromen bei Backwaren zu. Als solche sehen wir das Pizza-Produkt."

"Die Ohne-Label sind ein überflüssiges Marketinginstrument. Der Verschleierung auf den Etiketten muss endlich ein Riegel vorgeschoben werden", sagt dagegen Verbraucherschützerin Schwartau. Ihre Forderung: Bei der Werbung mit dem Spruch "ohne xy" dürften keine Ersatzstoffe mit gleicher Funktion eingesetzt werden. Außerdem müsse der Begriff "natürlich" gesetzlich definiert werden.

jok/AFP