Online-Betrug Apotheker warnen vor gefälschten Pillen aus dem Internet

Die niedersächsische Apothekerkammer warnt vor Medikamentenkauf im Internet. Jede zweite Pille sei eine Fälschung. Zoll und Landeskriminalamt registrieren ebenfalls mehr Straftaten - doch die Panikmache der Apotheker ist auch Geschäftspolitik.

ddp

Hannover - Die Zahl der gefälschten Medikamente aus dem Internet steigt von Jahr zu Jahr, berichtet die niedersächsische Apothekerkammer. Sie warnt vor unechten Präparaten, die im schlimmsten Fall tödlich sein könnten. "Über 50 Prozent der über das Internet vertriebenen Medikamente sind inzwischen Fälschungen. Wir fordern fälschungssichere Arzneimittel-Verpackungen", sagte die Präsidentin der Apothekerkammer, Magdalene Linz.

Das niedersächsische Landeskriminalamt registriere eine Zunahme der Straftaten im Arzneimittelbereich um fast 100 Prozent in den vergangenen fünf Jahren, sagte Ermittler Volker Kluwe. Der Fall eines jungen Mädchens aus Hannover, das 2008 an einem illegalen Schlankheitsmittel aus dem Internet gestorben war, veranlasste die Fahnder, diesen Bereich verstärkt unter die Lupe zu nehmen.

Die Gewinne mit dem Geschäft mit gefälschten Pillen sind riesig und nach Angaben von LKA-Experten um ein vielfaches höher als beispielsweise bei Rauschgift. So könnten kriminelle Hersteller und Händler mit einem Kilo Viagra das 1600-fache des investierten Geldes verdienen.

"Das ist ein irrsinnig lukratives Geschäft. Und das einzige, was sie zum Bestellen auch von verschreibungspflichtigen Arzneien im Internet brauchen, ist eine Kreditkarte", so Harald Schweim, Professor für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn.

Zoll beschlagnahmt Millionen illegale Tabletten

Beim Zoll macht die Anzahl der Verfahren wegen der Einfuhr illegaler Medikamente aus dem Ausland inzwischen fast ein Drittel der gesamten Arbeit aus. Bundesweit wurden 2008 rund 4,8 Millionen Tabletten vom Zoll beschlagnahmt. "2009 sind die Zahlen erneut gestiegen", sagt Zollfahnder Wolfgang Schmitz. Er beobachtet, dass die Fälschungen inzwischen auch vermehrt innerhalb Deutschlands hergestellt werden. So sei in Hessen erst kürzlich im Keller eines Einfamilienhauses eine riesige Produktionsstätte entdeckt worden.

Deutsche Apotheken dürfen seit 2004 ebenfalls legal Medikamente über das Internet vertreiben. Dabei könne man zwar theoretisch grundsätzlich sicher sein, kein gefälschtes Präparat zu bekommen. Trotzdem bleibe ein Restrisiko, weil das Gütesiegel dafür gefälscht werden könne, warnt Kammerpräsidentin Linz.

So dramatisch sich die Warnung anhören mag - auch im Internet gibt es seriöse Anbieter, bei denen man auf legalem Weg an Medikamente kommt. Der Alarmruf der Apotheker hängt auch mit deren angestammten Geschäftsmodell zusammen, das durch den Online-Handel unter Druck gerät.

Bisher wehren sich die inhabergeführten Apotheken in Deutschland erfolgreich gegen mehr Wettbewerb in ihrer Branche. So haben sie durchgesetzt, dass sie von Wettbewerb durch Discount-Ketten verschont bleiben. Auch der oftmals preiswertere Versandhandel im Internet ist den Apothekern ein Dorn im Auge. Als ein Arzneimittel-Großhändler eine eigene Ladenkette aufziehen wollte, organisierten die Apothekerverbände einen Boykott - und fingen sich eine Kartellstrafe ein.

Online-Apotheken: Nur seriös mit diesem Siegel
So funktioniert der Online-Sicherheitscheck
Gefälschte Arzneimittel sind weltweit ein wachsendes Risiko. Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) ein Register erstellt, darin sind alle Versandapotheken gelistet sind. Auf der Internetseite des Dimdi kann die aktuelle Gesamtübersicht aufgerufen werden, nur die hier aufgezählten Apotheken dürfen das offizielle Sicherheitslogo auf ihrer Seite zeigen. Mit diesem Logo lässt sich in drei Schritten prüfen, ob man sich auf der Seite eines seriösen Pharma-Onlinehändlers befindet:
Schritt 1
Klicken Sie auf das Logo. Ist die Apotheke im Register enthalten, öffnet sich eine Website des Dimdi mit der zugehören Registrierung.
Schritt 2
Überprüfen Sie, ob das jetzt geöffnete Fenster des Registereintrags in seiner Adressangabe nach dem https:// oder dem http:// mit "versandapotheken.dimdi.de/" beginnt. Nur dann handelt es sich um eine Website des Dimdi. Achten Sie besonder auf den Schrägstrich (/) nach dem ".de".
Schritt 3
Öffnen Sie die Website der Apotheke nur über einen im Register angegebenen Link. Nutzen Sie nicht die Zurück-Funktion Ihres Browsers, und wechseln Sie nicht zurück in ein eventuell noch geöffnetes Fenster.
Schlusskontrolle
Für sich allein ist das Sicherheitslogo noch nicht aussagekräftig, aber zusammen mit den genannten Schritten lässt sich das Risiko, auf Webseiten unseriöser Anbieter zu bestellen, minimieren, erklärt Dimdi-Sprecher Sven Borowski.

ore/dpa



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Lietus 28.01.2010
1. Na klar
""Über 50 Prozent der über das Internet vertriebenen Medikamente sind inzwischen Fälschungen. Wir fordern fälschungssichere Arzneimittel-Verpackungen", sagte die Präsidentin der Apothekerkammer, Magdalene Linz." Natürlich. Über 50%. Woher die iümmer ihre Zahlen haben. Die klassischen (und längst überholten) Apotheker haben einfach nur Angst, vor der viel billigeren Konkurrenz aus dem Internet. Ich bestelle nur noch aus dem Internet, die hiesigen Apotheker können sich ihren A8 künftig woanders verdienen. Und dass Schlankheitspillen aus dem Internet nicht unbedingt ein seriöses Beispiel für "Arzneimittel" sein kann, sollte dem BEtrachter eigentlich klar sein.
juergw. 28.01.2010
2. Pillen ohne Wirkung ??
Hoffendlich bestehende diese gefälschten Pillen nur aus Zucker, etc.Ansonsten kann man dann auf den "Plazebo-Effekt" hoffen,zu 50% helfen sie dann auch und man hat noch Geld gspart.Praktisch ,die Nebenwirkungen treten nicht auf.
Hajojunge 28.01.2010
3. Zu Risiken und Nebenwirkungen....
...befrage ich meinen Arzt, aber nicht den Apotheker. Und wenn etwas unklar ist, kann mir auch der Versandapotheker helfen. Die Warnung vor gefälschten Medikamenten ist reine Panikmache. Da rollen doch viele Krokodilstränen. Bei den meisten Medikamenten lohnt sich ein "Nachbau" überhaupt nicht, die teuren sind häufig mit Hologrammen auf der Verpackung gekennzeichnet. Kein zugelassener (Internet-)Apotheker verkauft wissentlich gefälschte Medikamente. Gut gemachte Fälschungen könnte mir auch der Apotheker um die Ecke verkaufen, ohne es zu merken. Und wer sein Viagra ohne Rezept bei windigen Anbietern, meist im Ausland kauft, dem ist nicht zu helfen, so wenig ihm das gefälschte Medikament hilft. Weil meine Apotheke bei freien Medikamenten weiterhin ungerührt den empfohlenen (Mond-)Preis kassiert, kaufe ich nur noch bei Internetapotheken. Preissuchmaschinen ermitteln für die gegebene Zusammenstellung den optimalen Preis, was dann auf einige wenige Anbieter hinausläuft. So habe ich schon viel Geld gespart. Ich muß allerdings meinen Bedarf planen, weil die Lieferung ein paar Tage dauert. Rezepte reiche ich nur bei einem holländischen Apotheker ein, weil die Zuzahlung um 50 % ermäßigt ist. Natürlich schaue ich mir das Impressum der Netzapotheke an und suche nach aktuellen Bewertungen.
permafrust2010 28.01.2010
4. Betrogen komme ich mir auch vor
Jeden Monat bin ich gezwungen ein paar hundert Euro in die Krankenkasse zu zahlen. Dafür erwarte ich zumindest eine ausreichende Leistung. Das ist leider zuviel verlangt. In den Apotheken wird mir erzählt, das ich das gewohnte Medikament nicht mehr bekommen darf, weil die Krankenkasse einen Rabbattvertrag geschlossen hat. Nun darf tatsächlich der kleine Apothekenangestellte meine ärztliches Rezept umwandeln und mir ein Präparat eines anderen Herstellers aufzwingen. Wegen 1 Euro Unterschied! Da sollte die Apothekerlobby mal ansetzen. Da vergrault Kundschaft.
Montanabear 28.01.2010
5. Apotheker warnen vor gefälschten Pillen
Zitat von Lietus""Über 50 Prozent der über das Internet vertriebenen Medikamente sind inzwischen Fälschungen. Wir fordern fälschungssichere Arzneimittel-Verpackungen", sagte die Präsidentin der Apothekerkammer, Magdalene Linz." Natürlich. Über 50%. Woher die iümmer ihre Zahlen haben. Die klassischen (und längst überholten) Apotheker haben einfach nur Angst, vor der viel billigeren Konkurrenz aus dem Internet. Ich bestelle nur noch aus dem Internet, die hiesigen Apotheker können sich ihren A8 künftig woanders verdienen. Und dass Schlankheitspillen aus dem Internet nicht unbedingt ein seriöses Beispiel für "Arzneimittel" sein kann, sollte dem BEtrachter eigentlich klar sein.
Na, wenn Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen wollen, so sei es drum. Ich war schockiert, wie wenig meine Verwandten in Deutschland über gefälschte Pillen wussten. Ich würde lieber 100% mehr bezahlen und mir meinen Arzneibedarf vom Apotheker holen, und nicht die generische Version.
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