Produkte von Amazon und Wish im Test So kann Billigware aus dem Netz die Gesundheit gefährden

An Weihnachten werden Millionen Päckchen verschenkt, deren Inhalt von Onlineshopping-Portalen kommt. Doch wie ein Dekra-Test im Auftrag des SPIEGEL zeigt: Einige sind unsicher oder gar lebensgefährlich.

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Die Aussagen des Dekra-Mitarbeiters sind unmissverständlich: "Wenn sich die laufende Kettensäge im Holz verhakt und es zum Rückschlag kommt, dann kommt die Säge Ihnen so ins Gesicht entgegen: mit laufendem Sägeblatt", sagt der Tester von der Prüfstelle in Stuttgart. Er hält die Kettensäge frontal vor seine Stirn, vor Nase und Kinn. "Dieses Ding ist hochgradig gefährlich. Hier fehlen die grundlegendsten Sicherheitsvorkehrungen: kein zweiter Schutzhandgriff, kein automatisches Abschalten bei Gefahr, kein Rückschlagschutz."

Den Kettensägenaufsatz aus China, den der SPIEGEL über die Onlineshopping-Plattform Wish.com gekauft hat, haben die Prüfer im Testlabor der Dekra-Zentrale nur pro forma auf einen Winkelschleifer montiert. Sie wollen uns demonstrieren, wie schwer dieses Gerät Menschen verletzen kann. Die Kettensäge an den Strom anschließen? Einschalten? Kommt für sie nicht in Frage. Zu riskant.

"Der vorgestellte Kettensägenaufsatz für Winkelschleifer ist für eine sichere und normgerechte Nutzung nicht geeignet", stellen die Dekra-Experten in ihrem Prüfbericht fest. "Er stellt eine erhebliche elektrische und mechanische Gefährdung für den Benutzer dar und sollte nicht in den Verkehr gebracht werden."

Überforderter Zoll

Aber dieser Kettensägenaufsatz ist im Verkehr: womöglich hundertfach, tausendfach, zehntausendfach. Jeder kann ihn über Wish.com einkaufen, aufstecken, anschalten, lossägen. Ganz legal, für schlappe 29 Euro - und ohne zu ahnen, dass dieses Gerät lebensbedrohlich ist. Denn im Gegensatz zu Elektrowerkzeug, das im stationären Handel vertrieben wird, hat niemand den Import dieses Kettensägenaufsatzes nach Deutschland kontrolliert. Er kam in einem Päckchen aus China, das der deutsche Zoll nicht geöffnet hat, weil der deutsche Zoll überfordert ist von so vielen Päckchen aus China. Gerade jetzt in der Adventszeit.

Unter den Weihnachtsbäumen werden Millionen Päckchen liegen, mit Geschenken, die Menschen für ihre Liebsten auf Onlineshopping-Portalen eingekauft haben. Sei es über Wish.com, das nach eigenen Angaben schon 75 Millionen aktive User hat. Sei es auf den sogenannten Marktplätzen von Amazon, Ebay, Alibaba oder anderen Betreibern, die nicht selbst ihre Produkte verkaufen, sondern die Plattformen für externe Händler bereitstellen.

In vielen Weihnachtspäckchen werden Produkte sein, die in Deutschland nie kontrolliert wurden - und die hierzulande nie in den Verkehr gelangen dürften. Weil sie gefährlich sind für die Benutzer. Teils lebensgefährlich.

Acht Produkte im Test - alle verfehlen die Sicherheitsanforderungen

Der SPIEGEL hat acht Produkte bei Händlern auf Wish.com und Amazon.de bestellt und von der Dekra testen lassen. Ausgewählt wurden stichprobenartig Waren aus den Bereichen Elektronik, Verkehr und Babysachen - denn hier können Sicherheitsmängel besonders gravierende Folgen haben. Darunter waren keine Markenprodukte. Geprüft wurde ausschließlich die Sicherheit, nicht Leistung oder Qualität. "Es geht nur darum, ob das Produkt überhaupt verkehrsfähig ist und die vorgeschriebenen Sicherheitsanforderungen erfüllt", sagt Werner Leistner, der Projektleiter im Labor. "Qualität würde erst auf der Stufe danach getestet."

Die Ergebnisse des Sicherheitstests sind desolat. Alle acht Produkte verfehlen laut den Dekra-Experten die gesetzlichen Anforderungen und/oder gefährden ihre Benutzer.

  • Ein über Amazon erworbener E-Scooter hatte schon vor der Inbetriebnahme ein beschädigtes Kabel. Dies kann einen Kurzschluss und womöglich einen Brand auslösen. Zudem verschweigen Hersteller und Händler den Kunden, dass der Roller im öffentlichen Verkehr ohne Anmeldung und Versicherung nicht benutzt werden darf.
  • In einer Baby-Wickeltasche, die über Amazon verkauft wurde, fanden die Dekra-Tester extrem hohe Konzentrationen von zwei Weichmachern. Mindestens einer dieser Stoffe könnte die menschliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen und den Hormonhaushalt verändern. Zudem hat er sich im Tierversuch als krebserregend erwiesen.
  • Bei einer Drohne, die über Wish.com verkauft wurde, waren die Rotoren so wenig geschützt, dass die laufenden Propeller menschliche Augen verletzen können, wenn das schwer zu steuernde Flugobjekt auf ein Gesicht prallt.
  • Bei einem Babyball fehlte jegliche gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung. Der Hersteller ist nicht identifizierbar.
  • Ein LED-Abblendlicht, das über Amazon verkauft wurde, darf aus Sicherheitsgründen in Deutschland überhaupt nicht vertrieben - und erst recht nicht in ein Auto eingebaut werden.
  • Eine über Amazon bestellte Powerbank erwies sich als elektromagnetische Störquelle.
  • Aus einer Baby-Hängematte kann das in ihr liegende Kind abstürzen, wenn die Hängematte so aufgebaut wird, wie der Hersteller es bei Amazon.de zeigt.
  • Dazu haben beide Wish-Verkäufer den Zoll getäuscht: mit falschen Angaben auf der Zollerklärung auf dem Päckchen, die es überhaupt erst ermöglicht haben, dass die Kettensäge und die Drohne unkontrolliert nach Deutschland gelangten. Bei mehreren über Wish und Amazon bestellten Produkten haben die Verkäufer außerdem höchstwahrscheinlich keine Umsatzsteuer abgeführt.

Um Details zu den Ergebnissen zu erfahren, klicken Sie auf die Bilder.

"Kein einziges dieser Produkte erfüllt die Anforderungen zur Verkehrsfähigkeit für den deutschen Markt", resümiert Dekra-Prüfer Leistner. Wären diese acht Produkte je kontrolliert worden, hätten sie nie nach Deutschland hineingedurft - erst recht nicht in den stationären Handel. Sie sind schlicht zu unsicher.

"Das Testergebnis zeigt, dass Verbraucher auf Marktplätzen wie denen von Wish, Amazon oder Ebay großen Risiken ausgesetzt sind, mit denen die Konsumenten nicht rechnen", sagt der E-Commerce-Experte und frühere Ebay-Powerseller Mark Steier. Ihm zufolge soll der Staat Marktplatzbetreiber wie Amazon, Ebay oder Wish verpflichten, den Nutzern klar sichtbar zu machen, woher genau das jeweilige Produkt kommt.

Amazon erklärt zum Thema Produktsicherheit: "Amazon Kunden (sic!) sollen jederzeit vertrauensvoll bei Amazon einkaufen können, und wir haben Prozesse etabliert, die Verkäufer beim Aufbau und Erhalt dieses Vertrauens unterstützen, um ihr Geschäft weiter ausbauen zu können." Alle Marktplatzhändler müssten sich "an unsere Verkaufsbedingungen halten - erlangen wir Kenntnis über einen Verstoß, ergreifen wir entsprechende Maßnahmen, die die Schließung des Verkäuferkontos beinhalten können." Welche Prozesse und Maßnahmen das sein sollen und wie Amazon Verbraucher vor unsicheren Produkten schützen will, die auf Amazon.de feilgeboten werden, teilte der Konzern nicht mit.

Wish.com verschickt auf Anfrage eine allgemein gehaltene Stellungnahme: "Mit mehr als zwei Milliarden verfügbaren Produkten ist Wish auf Verbraucherbeurteilungen und Feedback (...) angewiesen. Wish reagiert umgehend und ergreift Maßnahmen mit Händlern zu Berichten über gefährliche Gegenstände."

100 Millionen Pakete und Päckchen aus dem Nicht-EU-Ausland

Der Staat wirkt hilflos. Nach Schätzungen von DHL kamen 2017 rund 100 Millionen Pakete und Päckchen aus dem Nicht-EU-Ausland nach Deutschland. Und angesichts des boomenden Onlinehandels dürften es dieses Jahr deutlich mehr werden. Der Zoll und die zuständigen Marktüberwachungsbehörden können mangels Personal nur einen winzigen Bruchteil dieser Sendungen genauer checken. Und gerade die Prüfungen, ob ein Produkt sicher ist, sind extrem aufwendig.

Handelsexperte Steier verlangt mehr Kontrollen. "Die Politik hat noch nicht begriffen, dass sie die Onlinekunden hier immensen Risiken aussetzt - und zugleich dem Staate ein enormer wirtschaftlicher Schaden entsteht. Es würde sich auch finanziell für Deutschland auszahlen, mehr Geld in den Zoll zu investieren."

Und die Plattformanbieter selbst? Die müsse der Gesetzgeber analog zur Störerhaftung für gefälschte Waren künftig auch für Schäden durch gefährliche Produkte zur Rechenschaft ziehen, fordert Steier: "Wenn den Plattformbetreibern bekannt ist, dass es sich hier um riskante Produkte handelt und sie nicht die Produkte sofort entfernen, müssen sie dafür künftig haften." Dann könnte es teuer werden für Amazon, Wish und die anderen Plattformen.



insgesamt 100 Beiträge
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fatherted98 20.12.2018
1. hier ist...
...wie so oft....auch mal die Mündigkeit des Verbrauchers gefragt. Warum das an dem Thema Online-Shopping festmachen? Mist kann man auch im Laden kaufen.
U. Sielaff 20.12.2018
2. Musste schmunzeln...
"Bei einer Drohne, die über Wish.com verkauft wurde, waren die Rotoren so wenig geschützt, dass die laufenden Propeller menschliche Augen verletzen können, wenn das schwer zu steuernde Flugobjekt auf ein Gesicht prallt." Wirklich, SPON?
Ceebiscuit 20.12.2018
3. Also backen wir jetzt die kleineren Brötchen
und unterbieten selbst noch das RTl Mittagsmagazin mit den Verbrauchertipps, bis endlich Gras über DIE Sache gewachsen ist...
krautrockfreak 20.12.2018
4. Es lebe die Globalisierung! Ist doch super, wenn man sich für 1 €
statt 20 € bei uns einen Sack Halogenbirnchen in China bestellen kann (inkl. Versand!) - und die funktionieren auch noch! Was sind da schon die paar kaputten Augen oder zersägten Gesichter.... Wenn unsere Politik die Kontrolle dem Hersteller überlässt, wohl wissend dass der Asiate Vieles lockerer sieht als wir, dann darf man sich nicht wundern. So wurde es beschlossen und nun wundert man sich...
max-mustermann 20.12.2018
5.
Die Mehrheit der Beispiele läuft für mich ehr unter der Kategorie unbrauchbarer Billigschrott den mann in ähnlicher Form auch ganz häufig bei deutschen Discountern und Baumärkten auf den Wühltischen finden kann. Billigen Müll kann mann nun mal genau so online wie offline kaufen.
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