Verstopfte Städte, verpasste Lieferungen Deutschlands Ärger mit dem Paket-Boom

Drei Milliarden Pakete verschicken die Deutschen pro Jahr - Tendenz stark steigend. Die negativen Folgen des Trends: blockierte Straßen, verpasste Lieferungen, frustrierte Kunden. Gibt es Abhilfe?
Pakete in einer Zustellbasis der Deutschen Post DHL

Pakete in einer Zustellbasis der Deutschen Post DHL

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa

Adventszeit, Paketezeit: In den Wochen vor Weihnachten erreicht der Onlinehandel seinen Höhepunkt. Bis zu 30 Millionen Pakete mehr als vor einem Jahr sollen diesmal an den deutschen Haustüren abgegeben werden, erwartet der Bundesverband Paket & Expresslogistik (BIEK).

Das Geschäft mit den Paketen boomt seit Jahren. Mehr als zehn Millionen erhielten die Deutschen 2016 - pro Tag. Zum ersten Mal wurden somit mehr als drei Milliarden Sendungen innerhalb eines Jahres in Deutschland ausgeliefert, wie der BIEK kürzlich berichtete.

Treiber des Pakete-Booms ist der wachsende Onlinehandel mit Elektronik, Klamotten und allem, was das Internet hergibt. Immer häufiger werden auch Lebensmittel, Blumen und Medikamente verschickt. Das steigert die Anforderungen: Es muss schneller und pünktlicher geliefert werden, bevor das tiefgefrorene Steak auftaut oder die Blumen sich im Paketshop selbst kompostieren.

Verschont den Boten

Missglücken Lieferungen, bekommen das oft die Zusteller zu spüren, in zunehmend rauem Ton. In Köln sei kürzlich ein Hermes-Bote mit dem Messer angegriffen worden, weil er ein bestimmtes Paket nicht dabeigehabt habe, sagt ein Sprecher des Logistikers. So viel Frust, obwohl laut Hermes mehr als 96 Prozent der eigenen Zustellungen schon beim ersten Versuch glücken?

Zu Problemen bei der Übergabe kommt eine wachsende Verkehrsbelastung: In den Innenstädten sind die Straßen zunehmend durch Lieferfahrzeuge verstopft. 20 bis 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs entstehen laut einer Studie des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) durch Gütertransporte. In Stoßzeiten seien diese für 80 Prozent des Staus verantwortlich. Die städtische Infrastruktur sei am Kapazitätslimit, warnen auch die Logistikexperten der Beratungsfirma PwC, es drohe der "Verkehrsinfarkt".

Mit einer Entspannung der Lage ist nicht zu rechnen, im Gegenteil. Die Zahl der Pakete steigt stetig, wie die Grafik von SPIEGEL ONLINE und Statista  zeigt. 2016 wurden in Deutschland fast doppelt so viele Pakete verschickt wie im Jahr 2000, und schon 2021 soll die Vier-Milliarden-Marke geknackt werden, prognostiziert der BIEK.

Pakete-Boom: Branchenumsatz und Anzahl der Sendungen

Pakete-Boom: Branchenumsatz und Anzahl der Sendungen

Foto: statista/SPIEGEL ONLINE

Um personellen Engpässen vorzubeugen, erhöhten die Logistiker in den letzten fünf Jahren die Zahl der Zusteller in Deutschland von 191.000 auf 240.000. Trotzdem sind noch immer 5300 Stellen unbesetzt; für die Pakete-Hochsaison vor Weihnachten werden besonders dringend Zusteller gesucht. Amazon kündigte zuletzt an, mit seinem eigenen Lieferdienst Flex Privatpersonen als Lieferanten einsetzen zu wollen, zusätzlich zum konventionellen Versand.

Roboter, Drohne, Paketstation?

Verkehrschaos und scheiternde Übergaben wecken allerdings Zweifel, ob mehr Fahrer allein die Lösung sind. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert deshalb, die Sendungen stärker zu bündeln: Lieferanten wie Amazon oder Zalando sollen ihre Pakete zunächst in ein allen Anbietern zugängliches Lager am Stadtrand bringen. Von dort sollen die Pakete dann gebündelt zugestellt werden, sodass nicht mehr Laster von Post, Hermes, DPD und UPS nacheinander dieselbe Straße ansteuern.

Eine Paket-Drohne der Deutschen Post

Eine Paket-Drohne der Deutschen Post

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / Oliver Berg/dpa

Doch viele Paketdienste sehen den Vorschlag skeptisch. Sie investieren lieber in ganz neue Möglichkeiten der Zustellung:

  • Unterstützende Roboter begleiten Zusteller und entlasten sie. Die Post testet aktuell den "Postbot", der den Postboten an dessen Beinen erkennt und ihm folgt. Er kann 150 Kilogramm tragen und vereinfacht die Routenplanung der Boten, da sie mehr Sendungen auf einen einzigen Weg mitnehmen können.
  • Nicht nur unterstützen, sondern ganz alleine liefern können intelligente Roboter. Hermes etwa testet einen, der ohne menschliche Begleitung Pakete zustellen und Retouren zeitgenau zu Hause abholen kann. Er wurde 2016 in Hamburg ausprobiert und wird aktuell in London weiter getestet. Das Mobilfunknetz war in Hamburg zu schlecht - der Roboter braucht es aber für Navigation und Kontrolle.
  • Drohnen umgehen verstopfte Straßen, insbesondere die Deutschen trauen ihnen aber nicht recht. Von Amazon werden sie etwa in Großbritannien testweise eingesetzt. Bislang sind jedoch weder die Technik noch die sichere Regelung des Luftraums bereit für den routinemäßigen Einsatz.

"Grundsätzlich können autonome Systeme eine Lösung sein", sagt Hermes über seinen intelligenten Roboter, "allerdings werden sie erst in fünf bis zehn Jahren massentauglich sein. Wir müssen uns also auf das konzentrieren, was jetzt schon funktioniert."

Roboter-Test des Paketlieferanten Hermes

Roboter-Test des Paketlieferanten Hermes

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / Daniel Bockwoldt/dpa

Von Auto bis Zustellbox

Das bedeutet offenbar: Nicht nur umweltverträglichere, effizientere Transportmittel, sondern auch anderen Formen der Übergabe. Klappt diese, mindert das nicht nur den Frust der Empfänger, sondern auch den Verkehr durch erneute Lieferversuche.

  • Die Deutsche Post testet die Kofferraumlieferung, bei der Kunden ihr Auto als mobile Lieferadresse angeben können. Der Versuch läuft aktuell mit je hundert Teilnehmern in Stuttgart, Köln, Bonn und Berlin in Kooperation mit Smart und Volkswagen. Via App kann der der Besitzer seinen Wagen für einen Zusteller öffnen, mögliche Retouren kann dieser direkt aus dem Kofferraum mitnehmen.
  • Ebenso machen smarte Paketkästen die Anwesenheit in der eigenen Wohnung überflüssig. Einmal vor dem Haus installiert, können Lieferanten sie mit App oder Chip öffnen und Lieferungen sicher und trocken ablegen. Die Post bietet ihre eigene DHL-Version an; Hermes, dpd und GLS setzen auf ein anbieterunabhängiges Modell, das verschiedene Logistiker nutzen können. Kostenpunkt für den Nutzer: ab circa 100 Euro.
  • Vor allem setzen fast alle großen Logistiker auf Packstationen und Paketshops. 15.000 Abgabestellen hat Hermes in Deutschland, meist integriert in Kioske, Tankstellen und andere Gewerbe mit akzeptablem Image und langen Öffnungszeiten. Die Post kontert mit ihren Postfilialen und DHL-Paketshops, die nach einmaliger Registrierung immer öfter auch als Lieferadresse angegeben werden können, sowie mit 3000 Packstationen mit mehr als 300.000 Fächern.

In Schweden ist die Lieferung in den Shop schon Standard, eine Zustellung bis nach Hause kostet in der Regel einen Aufpreis von etwa 20 Euro. Aber ist dieses Modell nicht ein Rückschritt in Sachen Komfort - und zudem unnötig?

Smarte Schlösser

Glaubt man jungen Unternehmen wie Kisi oder Nuki, ist der Schlüssel zur stressfreien Übergabe ein ganz anderer - und ein Schlüssel sowieso überflüssig. Die Unternehmen bieten smarte Türschlösser an. Noch nie sei es so einfach gewesen, ein Paket nach Hause liefern zu lassen, ohne selbst anwesend zu sein, sagt Bernhard Mehl, einer der Gründer von Kisi. Im Oktober kündigte auch Amazon an, mit einem neuen Dienst, bestehend aus einem speziellem Schloss und einer Videokamera, Pakete direkt in der Wohnung ablegen zu wollen.

Ein smartes Türschloss

Ein smartes Türschloss

Foto: Nuki

Smarte Türschlösser werden auf den bestehenden Schließzylinder in der Haustür aufgeschraubt. Das kann jeder in der Regel mit wenigen Handgriffen und ohne Fachwissen selbst erledigen.

Ab dann ist die Handynummer wichtiger als die Türklingel: Wurde sie dem Paketzusteller mitgeteilt oder steht sie auf der Haustür, kann der Bewohner einem ankommenden Boten Zutritt zum Treppenhaus oder direkt in die Wohnung gewähren - per Handy und von überall aus. Die Familie kann dauerhafte Zugangsrechte bekommen, Freunde und Reinigungskräfte können für bestimmte Zeitfenster freigeschaltet werden.

Das österreichische Nuki-System wurde nach Angaben des Herstellers innerhalb eines Jahres etwa 20.000 Mal im deutschsprachigen Raum in Wohnungs- oder Haustüren eingebaut. Mit der österreichischen Post und einem niederländischen Essenslieferanten betreibt das junge Unternehmen erste institutionelle Kooperationen - weitere sollen bald folgen. Postboten in Wien können so per Smartphone die Türen ausgestatteter Mehrfamilienhäuser öffnen und Pakete im Hausflur ablegen, auch wenn niemand zu Hause ist.

"Nicht nur für die Bewohner, auch für die Lieferdienste sind smarte Türschlösser eine Riesenchance, weil Kosten für nicht geglückte Zustellungen quasi komplett entfallen" sagt Bernhard Mehl von Kisi. Bedenken bezüglich der Sicherheit sieht er nicht, auch wenn Hacker es zuletzt schafften, die Amazon-Variante zu sabotieren. "Alles ist nachvollziehbar: Wer wann welche Tür geöffnet hat", sagt Mehl. Verschwinde das Telefon einer autorisierten Person oder sollten Zugangsrechte rückgängig gemacht werden, könne dies über die Cloud in Echtzeit geschehen. So gesehen sei ein smartes Schloss sogar sicherer als herkömmliche Schließanlagen.

Spielen Dienstleister und Nutzer mit, stehen die Zeichen also gut, dass der Pakete-Boom nicht in Verkehrschaos und Suchaufträgen endet, sondern in einer klugen technologischen Aufrüstung. Dann hat niemand mehr sein Päckchen zu tragen, und das der Nachbarn erst recht nicht.

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