Hermann-Josef Tenhagen

Boom bei Online-Finanzgeschäften Plötzlich Aktionär

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Macht die Coronakrise aus uns doch noch ein Volk der Anleger? Ein bisschen geht der Trend dahin, zeigen die neuesten Zahlen. Sicher ist jedenfalls: Onlinekonten und -depots boomen.
Foto: Eric Audras/ imago images/PhotoAlto

Onlinebanken gehörten in den ersten Monaten zu den Gewinnern der Coronakrise. Ihre Kunden haben Millionen zusätzlicher Konten und Wertpapierdepots eröffnet. Und das ist nicht selbstverständlich in so unsicheren Zeiten. Die Finanzkrise ab 2008 hatte den Trend zum Internetbanking jäh gestoppt.

Bei den größten Onlinebanken der Republik überschlägt man sich aktuell förmlich mit Jubelmeldungen. Bei der Comdirect ist die Zahl der neuen Girokonten mit 172.000 im ersten Halbjahr 2020 um gut ein Drittel stärker gestiegen als in den vergangenen Jahren - und das fast ohne Werbung. Insgesamt seien es inzwischen deutlich über 2,9 Millionen. Die Zahl der Depotneueröffnungen sei sogar doppelt so schnell gestiegen wie 2019.

Das aber will die Konkurrenz noch getoppt haben. Im März habe die Zahl der neuen Depots bei der ING mit ihren insgesamt 9,5 Millionen Kunden sieben Mal so hoch gelegen wie im gleichen Monat des Vorjahres, so die Pressestelle dort. Im ersten Quartal allein seien genauso viele Depots neu eröffnet worden wie 2019 insgesamt. Und bei der DKB mit ihren fast 4,5 Millionen Kunden spricht man für den Monat März von fünfmal so vielen Neudepots wie noch 2019.

Digitalisierung und Börsencrash schieben gemeinsam an

Tatsächlich gibt es offenkundig zwei Treiber für den Boom bei den Onlinekonten.

  • Der eine ist die von der Krise erzwungene Digitalisierung schlechthin. Wenn die Bankfilialen zu sind und das Haus ohnehin am besten nicht verlassen werden soll, gibt es einen Grund weniger, den Vor-Ort-Service mitzubezahlen und sein Konto noch als Filialkonto zu unterhalten. Und einen Grund mehr, ein neues, rein digitales Konto zu eröffnen . Der Trend zum Zweitkonto hält seit zehn Jahren an – 106 Millionen Konten für 71 Millionen Volljährige.

  • Zum zweiten hat Corona, so überraschend das klingt, neue Börsenfans angelockt. So ist im ersten Halbjahr der Krise die Zahl der Online-Wertpapierkonten insgesamt deutlich gestiegen. In früheren Zeiten hätte der steile Absturz der Kurse Ende Februar und Anfang März zu einem Siehst-du-Effekt geführt, und dann eher zu einer Abkehr von der Börse. Jetzt scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass jedenfalls eine Folge der Krise eine langandauernde Nullzinsrealität sein kann und deshalb eigentlich kein Weg vorbeiführt an einem klugen Engagement an der Börse. Geld ist bei dem Teil der Bevölkerung, der weder Job noch Umsatz verloren hat, ja genug da. Die Sparquote lag im ersten Quartal 2020 zeitweilig bei 16,7 Prozent. Tatsächlich werden vor allem ETFs, die einen Aktienindex nachbilden, und Einzelaktien gekauft. Im April hatte die Zahl der neuen ETF-Sparpläne  mit 107.000 einen Rekord erreicht. 

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In dieser Krise spricht natürlich tatsächlich viel für digitale Bankgeschäfte. Schon im Alltag: Wo immer möglich, sollen die Kunden nicht nur im Supermarkt, sondern auch beim Bäcker und Fleischer bargeldlos bezahlen. Und wo die digitalen Systeme der heimischen Banken den Anforderungen nicht gewachsen sind, dürfen sich auch deutsche Bankiers inzwischen ohne öffentliches Stirnrunzeln bei den IT-Ikonen aus Übersee bedienen. Selbst Volksbank- und Sparkassen-Kunden können mittlerweile Apple Pay benutzen . Die Deutsche Bank will gar weite Teile ihrer IT in Kooperation mit Google erneuern.  

Lange schon sind die Kosten fürs Onlinebanking aus Sicht der Kunden deutlich niedriger als für das traditionellen Konto. Und die Unterschiede sind in den vergangenen Monaten eher noch größer geworden. So manche Bank versucht mit kleinen, versteckten Gebühren die Einnahmen zu erzielen, die im Zinsgeschäft verlorengehen. Und die Personalkosten in den Filialen wollen die Geldhäuser drücken. So beschäftigt etwa die Onlinebank ING mit 5500 Mitarbeitern nur etwas mehr als zehn Prozent der Angestellten, die bei der Commerzbank in Lohn und Brot stehen. Dabei bewegen sich die beiden Banken, was die Kundenzahl angeht durchaus auf Augenhöhe (ING: 9,5 Millionen, Coba: 11 Millionen).

Nicht zu vergessen: Auch dem größten Anhänger analoger Prozesse ist in der Krise ein Digitalisierungsschub quasi verordnet worden. Wer jeden Tag mit Skype, Zoom, Teams, Slack oder Jitsi seinen Alltag im virtuellen Büro oder in der Schule bewältigt, für den sind die Bankgeschäfte nur noch ein digitaler Klacks. Die Datenschutzskepsis, eines der wesentlichen Argumente gegen das Onlinekonto, wird von der gelebten Praxis einfach zurückgedrängt. Und auch mit der Angst vor dem digitalen Einbruch ins Konto können die Kunden nun offenbar besser leben. Dabei ist natürlich auch weiterhin im Prinzip jede Onlinezahlung auch online nachzuverfolgen.

Kundenwünsche in Zeiten von Corona

Diese Kolumne dreht sich nicht um das Wohl oder Wehe der Banken, sondern um das der Kundinnen und Kunden. Was also sollten wir uns als Kunden von dieser Entwicklung wünschen?

  • In allererster Linie sollte das Digitalbanking , das ja in den vergangenen zehn Monaten sehr unter dem Chaos rund um die Einführung der Zwei-Faktor-Authentifizierung gelitten hatte, jetzt dringend bequemer werden und gleichzeitig sicher bleiben. Das ist der Kern der Herausforderung.

  • Zweitens sollten die Kostenvorteile des Onlinebanking wirklich vollständig an die Kunden weitergegeben werden. Nickeligkeiten in der Gebührengestaltung wie eine Zehn-Cent-Pauschale pro Kontobewegung, Abkassieren durch die Hintertür und Ähnliches brauchen wir nicht. Stattdessen sollten die Banken die Digitalisierung als Chance sehen. Sie können sich ganz anders um ihre Kunden kümmern und ihnen neue Angebote machen: Von der App, die mehr kann, als Geld hin- und herzuschieben bis hin zu Kooperationen mit jungen Unternehmen, die vielleicht schon Dinge besser machen als die alteingesessen Banken.

  • Drittens werden sich die Banken wohl damit abfinden müssen, dass die Kunden tatsächlich mehrere Banken und immer mehr auch mehrere Girokonten  nutzen, je nachdem, wer das günstigste und beste Angebot macht. Das mag betrüblich aus der Sicht der Bankvorstände sein, aber warum sollen Kunden nicht mal national Preise vergleichen und entsprechend einkaufen, wenn Unternehmen international vergleichen? Wenn denn endlich die nationalen Datenbanken kommen, die den Preisvergleich beim Girokonto weiter erleichtern, wird dieser Trend sich sicher fortsetzen.

  • Und schließlich: Ich habe gar nichts gegen eine anständige Bankfiliale als Ergänzung. Sie sollte aber für beide Sinn ergeben: für die Bank, aber bitte vor allem für uns Kunden. Wer es schafft, kompetente Beratung (und nicht nur Verkauf) vor Ort anzubieten, und trotzdem die Kosten im Griff hat, wird sich künftig noch sichtbarer von der Nur-Digital-Konkurrenz abheben. Mobile Bankfilialen oder Videosprechstunden können dafür Bausteine sein.

Auch wenn Szenekenner inzwischen bezweifeln, dass das kostenlose Girokonto tatsächlich das wichtigste Werbeargument der Banken für Neukunden sei. Es ist ein handfestes Argument. Im Gegensatz zu all den Serviceversprechen, die in der Bankenservicewüste Deutschland nicht umgesetzt werden.

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