Preishoch an der Tankstelle Warum Benzin so teuer ist

Der Benzinpreis steigt, schon bald könnte ein Liter 1,50 Euro kosten. Verbraucher sind entsetzt, der ADAC wirft den Energieriesen Profitgier vor. Doch Belege für unlautere Methoden gibt es nicht. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie der Spritpreis entsteht - und wie Sie beim Tanken Geld sparen.

Hamburg - Der Frühling kommt, die Temperaturen steigen - obendrein stehen die Osterferien unmittelbar bevor. Bei vielen Autofahrern weckt das die Lust auf eine Spritztour oder auf einen Ferientrip. Doch beim Zwischenstopp an der Tankstelle ist die Freude schnell wieder vorbei: Bis zu 1,46 kostet der Liter Superbenzin derzeit in einigen Großstädten, ein Liter Diesel mehr als 1,20 Euro. Der Spritpreis nährt sich damit bedenklich der 1,50-Euro-Marke.

Bei den Automobilverbänden provoziert der Benzinpreisschock wütende Kommentare. "Es gibt keine Rechtfertigung für derart hohe Preise", schimpft ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. "Dass die Verbraucher geschröpft werden, ist dem Gewinnstreben der Mineralölkonzerne geschuldet."

Wolfgang Rose, Chef des Automobilclubs ACE, fordert gar die Bundeskanzlerin auf, für mehr Wettbewerb zwischen den großen Kraftstoffanbietern zu sorgen. "Es muss durchgreifende Konsequenzen geben - bis hin zu einer Aufhebung des mächtigen Oligopols der Ölmultis", so sein Appell an Angela Merkel (CDU).

Doch die Ölkonzerne weisen die Vorwürfe kühl zurück. Der deutsche Mineralölverband rechtfertigt den Preisanstieg mit einer erhöhten Nachfrage am Großmarkt für Benzin in Rotterdam. "In den vergangenen zwei Wochen hat der Benzinbestand deutlich abgenommen", sagt Verbandssprecherin Karin Retzlaff. "Das liegt daran, dass die Leute im Frühjahr mehr Auto fahren als im Winter und dass die Raffinerien nicht schnell genug Benzin nachproduzieren können, um die steigende Nachfrage zu bedienen. In der Folge steigen die Preise."

Was stimmt nun? SPIEGEL ONLINE ist den verschiedenen Behauptungen auf den Grund gegangen - und hat Tipps gesammelt, wie Sie beim Tanken Geld sparen können.

Treibt die steigende Nachfrage den Benzinpreis?

Das ist möglich, belegen lässt es sich letztlich nicht, da die Rohstoffmärkte zu intransparent sind. "Fakt ist: Die globale Nachfrage nach Öl ist bislang kaum gestiegen", sagt Klaus Matthies, Energieexperte beim Hamburger Weltwirtschaftsinstitut. Den Preis treibe derzeit eher die Hoffnung, dass die Nachfrage bald steigen könnte, da Chinas Öl-Bedarf weiter wachsen dürfte und auch andere Volkswirtschaften, die sich allmählich aus der Rezession kämpfen, wieder mehr Rohstoffe benötigen.

Grafik: Öl- und Benzinpreis im Vergleich

Grafik: Öl- und Benzinpreis im Vergleich

Foto: Handelsblatt / OMR

Allerdings ist der Ölpreis nur bedingt mit dem Benzinpreis gleichzusetzen. Benzin ist ein Öl-Teilprodukt. Bei einer weit verbreiteten Raffinerieform, der Fluid-Catalytic-Cracker-Raffinerie, werden aus Rohöl beispielsweise 38 Prozent Benzin gewonnen - und 45 Prozent Heizöl und Diesel. Diese Anteile lassen sich nicht verändern. Steigt nun die Nachfrage nach Benzin, während die Nachfrage nach Öl gleichbleibt, wird Benzin knapp. Die Folge: Der Spritpreis steigt stärker als der Ölpreis.

Tatsächlich entwickeln sich Öl- und Benzinpreis recht unterschiedlich (siehe Grafik). Zwischen dem 1. März und dem 12. März ist der Preis für eine Tonne Benzin beispielsweise von 735 auf 785 Dollar gestiegen - das entspricht einem Plus von 6,8 Prozent. Der Preis für Öl der Nordseesorte Brent ist im selben Zeitraum nur um 3,2 Prozent gestiegen.

Inwieweit der Preisunterschied allerdings tatsächlich auf eine steigende Nachfrage zurückzuführen ist, lässt sich nicht nachverfolgen. "Das tägliche Handelsvolumen wird statistisch nicht erhoben", sagt Matthies.

Wachsen die Margen der Mineralölindustrie?

Die Margen der Ölmultis sind kaum transparent. Benzin geht durch viele Hände, ehe es von der Zapfsäule ins Auto gelangt. Große Konzerne wie Shell und BP verdienen an allen Stufen der Wertschöpfungskette mit: Sie fördern selbst Öl, halten Beteiligungen an Raffinerien, in denen aus Öl Benzin wird. Und sie verkaufen den Sprit an eigenen Tankstellen.

Grafik: So setzt sich der Benzinpreis zusammen

Grafik: So setzt sich der Benzinpreis zusammen

Foto: MWV

Im Spritpreis sind all diese Wertschöpfungsstufen enthalten. Zerlegt man ihn in seine Bestandteile, zeigt sich, dass die Einnahmen auf den einzelnen Wertschöpfungsstufen deutlich schwanken. Den Großteil des Benzinpreises machen Steuern aus: Die Mineralölsteuer, die bei Benzin stets 65,5 Cent beträgt und eine 19-prozentige Mehrwertsteuer.

Der Produkteinkaufspreis selbst wird an der Rohstoffbörse in Rotterdam in Dollar pro Tonne ausgewiesen. Eine Tonne Rohöl enthält je nach Dichte 1280 bis 1370 Liter Benzin. Der Mineralölwirtschaftsverband schätzt die Spritmenge bei der Berechnung des Literpreises auf 1348 Liter pro Tonne. In der Grafik links wird deutlich, dass der Produktpreis für Benzin deutlich schwankt. Unklar bleibt, inwieweit das mit Angebot und Nachfrage zu tun hat und was die Raffinerien und Ölförderer verdienen.

Der sinkende Euro-Kurs hat dagegen sichtbare Auswirkungen auf den Benzinpreis. Zum Jahresbeginn stand die Gemeinschaftswährung noch bei 1,44 Dollar, inzwischen pendelt sie bei 1,37 Dollar. "Allein diese Wechselkursschwankung hat dazu geführt, dass der Benzinpreis um zwei Eurocent gestiegen ist", sagt Energieexperte Matthies vom HWWI.

Die Einnahmen der Benzinverkäufer sind dagegen, wie sich in der Grafik erkennen lässt, relativ stabil. Der sogenannte Deckungsbeitrag, also jener Betrag, der nach Abzug von Steuern und Benzinpreis übrig bleibt, ist seit langer Zeit stabil. Im Deckungsbeitrag sind obendrein viele Kosten enthalten: für Transport, Lagerung und Vertrieb des Bezins, für gesetzliche Bevorratung, dazu Verwaltungskosten und die Ausgaben für die Zumischung von Biokomponenten.

Gibt es geheime Preisabsprachen?

Die Tankstellen-Ketten von Shell, Aral, Jet, Total und Esso kontrollieren rund 70 Prozent des deutschen Marktes. Wenn die Benzinpreise steigen, geraten die Ölkonzerne deshalb regelmäßig unter Kartellverdacht. Sprechen sich die Konzerne so ab, dass ihre Tankstellen pünktlich vor Feiertagen und Ferien die Preise anheben?

Das Bundeskartellamt geht diesen Vorwürfen seit 2008 nach. In einer sogenannten Sektoruntersuchung prüft es die komplette Wertschöpfungskette - vom Bohrloch über den Transport bis zum Verkauf an der Tankstelle. Unter anderem forderten die Wettbewerbswächter jeweils gut 100 Tankstellen in Hamburg, München, Köln und Leipzig auf, ihnen sämtliche Benzinpreisänderungen der letzten drei Jahre zu schicken.

"Konkrete Hinweise auf Absprachen haben wir bislang nicht gefunden", sagt Kay Weidner vom Bundeskartellamt. Allerdings finde man auf allen Marktebenen Strukturen, die den Wettbewerb stark dämpfen.

Aus dem Zwischenbericht  zur Sektorenuntersuchung ist Ähnliches zu erfahren: Aufgrund der ausgeprägten oligopolistischen Marktstrukturen sei es "erforderlich, einen weiteren Konzentrationsprozess im Kraftstoffsektor durch eine restriktive Zusammenschlusskontrolle aufzuhalten", heißt es dort. Das Bundeskartellamt habe noch während der laufenden Untersuchung Konsequenzen gezogen und neue Zusammenschlüsse im Tankstellenbereich weitgehend untersagt.

Wo tanke ich am günstigsten - und wann?

Sollten Sie nicht ohnehin täglich an mehreren Tankstellen vorbeifahren und somit die Möglichkeit haben, die Preise zu vergleichen: Im Internet finden Sie Rat. Auf Seiten wie clever-tanken.de  (Kooperationspartner von SPIEGEL ONLINE) oder benzinpreis.de  können Sie die aktuell günstigste Zapfsäule in ihrem Umfeld recherchieren. Spezialsuchmaschinen für Tankstellen gibt es auch als iPhone-App - für die Suche nach günstigen Tankstellen von unterwegs aus.

Auch das Timing spielt beim Tanken eine Rolle. "Immer kurz vor Feiertagen oder Wochenenden ziehen die Preise an", sagt ADAC-Sprecher Hölzel. "Erhebungen des Automobilclubs haben ergeben, dass der Durchschnittspreis für Benzin und Diesel im vergangenen Jahr am Montag 3,5 Cent niedriger war als am Freitag." Ab Samstagabend fielen die Preise deutlich, montags erreichten sie ihren Wochentiefstand, um am Dienstag wieder kräftig anzuziehen. Spritsparer tanken also zu Wochenbeginn.

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