Hermann-Josef Tenhagen

Private Finanzen in Corona-Zeiten Die Sparer schaden der Konjunktur

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Der Staat hat viel Geld mobilisiert, damit wir in der Krise flüssig bleiben. Doch viele sparen lieber. Ist das sinnvoll? Und wenn ja - wie geht es richtig?
Gastronomen haben nichts davon, wenn Verbraucher ihr Geld auf die hohe Kante legen

Gastronomen haben nichts davon, wenn Verbraucher ihr Geld auf die hohe Kante legen

Foto: Tom Weller / DPA

Wenn man die eine Hand ins Eiswasser taucht und die andere in den Kochtopf, ist die Temperatur zwar im Durchschnitt angenehm, den Händen geht es trotzdem nicht gut. So hat mein Kollege Dirk kürzlich erklärt, wie es mit den Finanzen der Deutschen gerade steht.

Die Krise führte erst mal dazu, dass viele Leute weniger selbst verdientes Geld in der Tasche haben, die einen, weil sie den Job verloren haben oder in Kurzarbeit sind , die anderen, weil ihr Unternehmen durch die Coronakrise Schaden nimmt .

Die Staaten versuchen gegenzusteuern und haben dafür eine Menge Geld in die Hand genommen. Eine große Menge: Tatsächlich rechnet zum Beispiel die DZ Bank vor, dass die privaten Haushalte während der ersten Corona-Welle nur unwesentlich weniger Geld  zur Verfügung hatten als zuvor - Stichwort: angenehmer Durchschnitt.

Doch gut ist die Lage halt trotzdem nicht. Erkennen kann man das an der rapide gestiegenen Sparquote.

Die Verbraucher haben das Geld nämlich einfach nicht ausgegeben. Zum Teil, weil es gar nicht ging: Läden waren zu, Restaurants auch, der Urlaub fiel oft flach. Und zum Teil, weil sie es nicht wollten, in Erwartung der schlimmen Zeiten, die noch kommen könnten. Geben sie kein Geld aus, kommt aber auch die Wirtschaft zum Erliegen: Die Unternehmen verdienen zu wenig, kündigen ihren Mitarbeitern, die dann noch weniger Geld ausgeben können.

Die Sparquote ist so im zweiten Quartal auf über 20 Prozent gestiegen. Das heißt, ausgerechnet die Haushalte, die irgendwo Geld übrig hatten, haben peinlich darauf geachtet, nichts davon auszugeben. Wer kein Geld hat und ohnehin von der Substanz lebt, kann nichts sparen, das war auch in dieser Zeit nicht anders.

Zunächst ist man ja versucht, das für ein deutsches Phänomen zu halten, eine Ausprägung von "German Angst". Aber diese Sparphänomene gibt es anderswo genauso. Besonders stark ausgerechnet in den USA: Dort ist die Sparquote von März 2020 auf April von ohnehin hohen 13 Prozent auf unglaubliche 33 Prozent gestiegen . Jeder US-Bürger, der nicht mehr als 75.000 Dollar verdiente, erhielt von der Regierung einen Scheck oder eine Überweisung von 1200 Dollar, berufstätige Paare das Doppelte, pro Kind gab's 500 Dollar obendrauf. Das "Helikoptergeld" der Regierung Trump ist so ziemlich unterschiedslos bei Bedürftigen und Nicht-Bedürftigen gelandet. Nach einem Bericht des US-Rechnungshofs  wurden rund 160 Millionen Zahlungen rausgehauen, insgesamt im Wert von fast 270 Milliarden Dollar.

In Haushalten, in denen es nicht unmittelbar gebraucht wurde, landete das Geld gleich in den Wertpapierdepots und auf den Konten. Das Meiste wurde eben nicht ausgegeben.

Die Sparquote wird in der Coronakrise auch zu einem Maß dafür, wie effektiv der Staat seine Wirtschaftshilfen setzt: Je höher die Sparquote, desto weniger zielgerichtet wurden die Hilfen ausgeschüttet. Ein Maß für Staatsversagen.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch anderswo beobachten: In Großbritannien verdreifachte sich die Sparquote auf 29 Prozent  und in Australien stieg sie ähnlich wie in Deutschland auf rund 20 Prozent.

Dabei kann man niemanden dafür kritisieren, wenn er in der Coronakrise sein Geld zusammenhält. Das ist erst mal völlig in Ordnung. "Wir fahren auf Sicht", heißt es regelmäßig aus der Politik. Wir Bürgerinnen und Bürger tun das auch. Wir alle wissen ja wirklich nicht, was die nähere Zukunft bringt.

Für die nächsten Konjunkturprogramme aber heißt das: Das Geld vom Staat muss bei denen ankommen, die es unbedingt zu 100 Prozent brauchen und auch ausgeben.

Wie halten Sie jetzt Ihr Geld beisammen?

Verlassen wir die volkswirtschaftliche Sicht und schauen noch mal konkret auf die Verbraucher. Da gibt es wie beschrieben  diejenigen, die derzeit große Probleme haben, und diejenigen, die große Sparquoten erreichen.

Aber nicht alle, die mehr sparen können, verfügen bereits über nennenswerte Rücklagen. Für sie gilt es, die aktuelle Chance zu nutzen: Sie sollten tatsächlich die Hilfen zum Anlass nehmen, die eigenen Finanzen so zu ordnen, dass sie krisenfest(er) werden. Dazu gehört, endlich zwei bis drei Monatseinkommen auf einem Tagesgeldkonto zu parken. Die Zinsen sind zwar nicht berauschend, aber für Neukunden bei der Renault Bank sind aktuell immerhin 0,55 Prozent im ersten halben Jahr drin. Und allein die Trennung von Girokonto und Tagesgeld  sorgt für einen bewussteren Umgang mit dem Einkommen.

Wer auf das nächste Auto (ein E-Auto?), die neue Küche, Heizung oder auf den Umzug spart, der kann auch auf einem Festgeldkonto sparen. Dann sind 0,85 Prozent Zinsen drin, wenn Sie das Geld 36 Monate lang dort lassen .

Es war und bleibt sinnvoll, einen Sparplan auf Indexfonds zu beginnen. Hunderttausende Menschen haben auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle und dem Tiefpunkt der Börse im März neue Depots bei den Banken eröffnet. Solche Depots sind oft kostenlos . Da sollte aber nur Geld drauf, das in der aktuellen Krise entbehrlich ist.

Weiteres Geld zur Seite legen ist auch dann sinnvoll, wenn der Traum von der eigenen Immobilie noch geträumt wird. Davon sollten Sie sich durch die Krise nicht abbringen lassen. Wer verständlicherweise das Risiko der Börsen bei Anlagen auf fünf oder sieben Jahre scheut, kann ja einen Teil seiner Sparpläne auf ein Tagesgeldkonto einzahlen. Andererseits ist es zu Beginn eines solchen Sparplans ziemlich schnurzegal, wie sich die Börsen bewegen, auch die Auswirkungen auf das Sparziel sind nur marginal.

Damit kommen wir zu denen, die aktuell die Sparquote so in die Höhe treiben: Gesamtgesellschaftlich funktioniert das Corona-Management nur, wenn diejenigen, die schon ordentlich Geld auf die Seite gebracht haben und in sicheren Verhältnissen leben, sich ihre Träume jetzt auch mal erfüllen. Und nicht erst in ein paar Jahren.

Sei es das Haus oder der altersgerechte Umbau der eigenen Wohnung. Das teure Möbelstück, das regelmäßige Catering beim Umbau und die Musikerin zur kleinen Familienfeier (am besten im Freien!), wenn dann der Umbau fertig ist. Das alles stützt die Konjunktur zusätzlich.

Am Ende hätten auch die etwas davon, die von Corona wirklich abgehängt worden sind. Um die muss sich der Staat in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch intensiver kümmern.

Die Sparer hingegen brauchen seine Hilfe eher weniger.

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