Gesundheitsversorgung Private Krankenversicherung - für wen sie sich lohnt

Schnelle Termine und Chefarztbehandlung: Private Krankenversicherungen versprechen tolle Leistungen. Doch sie lohnen sich nur für bestimmte Zielgruppen und bergen Tücken.

Illustration einer Versichertenkarte mit Euromünze
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"Gemeinsam machen wir das deutsche Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt", wirbt der Verband der Privaten Krankenversicherung in einer Kampagne. Wer sich die Beiträge als Privatversicherter leisten kann, profitiert in bestimmten Tarifen tatsächlich von zusätzlichen Leistungen. Doch der Wechsel in die private Krankenversicherung (PKV) sollte gut überlegt sein. Denn das System birgt einige Fallen, die sich oft erst nach Jahren offenbaren. Und der Wechsel zurück in eine gesetzliche Kasse ist nur sehr schwer möglich.

"Es gibt für mich kein schlüssiges Argument, warum Leute in die PKV wechseln sollten - es sei denn, sie sind reich oder Beamte", sagt PKV-Expertin Isolde Bock von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Wer kommt in die PKV und für wen lohnt sie sich?

Für Beamte lohnt sich die private Krankenversicherung auf jeden Fall, sagt Verbraucherschützerin Bock. Denn Beamte und ihre Familienangehörigen erhalten die sogenannte Beihilfe. Das heißt, sie bekommen im Krankheitsfall einen Zuschuss zur medizinischen Versorgung und müssen nur die Restkosten selbst tragen. Dazu bieten Privatversicherer auch spezielle Tarife an.

Angestellte können sich nur dann privat versichern, wenn ihr Gehalt über der Jahresarbeitsentgeltgrenze liegt. Oft ist auch von der Versicherungspflichtgrenze die Rede. 2016 liegt diese bei 56.250 Euro.

Nicht-Beamte sollten sich einen Wechsel in die PKV sehr sorgfältig überlegen, sagt Bock. Nur junge Gutverdiener, die nahezu sicher davon ausgehen können, dass sie stets ein hohes Einkommen haben werden, könnten sich die Beiträge dauerhaft leisten. Zudem spiele auch die Familienplanung eine Rolle.

Während die Beiträge in der gesetzlichen Versicherung vom Bruttoeinkommen abhängen und beim Renteneintritt sinken, wird es in der PKV in späteren Jahren eher teurer. Denn hier bestimmen Alter, Gesundheit und Leistungsumfang den Beitrag. So müssen PKV-Anwärter Auskunft über ihre Gesundheit geben. Und Privatversicherte müssen in Vorkasse gehen. Sie müssen Abrechnungen zunächst selbst bezahlen und anschließend bei der Versicherung einfordern.

Welche Faktoren machen eine private Krankversicherung teuer?

Grundsätzlich gilt: Je älter jemand ist und falls es Vorerkrankungen gibt, desto teurer sind die Beiträge in der PKV, weil dann oft sogenannte Risikozuschläge fällig werden.

Je jünger und gesünder der Kunde ist, desto günstiger kommt er in die PKV. Wer aber zum Beispiel Kinder möchte oder hat, muss für diese extra Beiträge zahlen. Denn anders als bei gesetzlichen Kassen gibt es in der PKV keine Familienversicherung.

Auch beim Selbstbehalt sollten Versicherte vorsichtig sein, sagt Verbraucherschützerin Bock. Vor allem, wenn sie angestellt sind, sollten sie hier einen Betrag von 300 bis 500 Euro nicht übersteigen. Denn der Arbeitgeber beteiligt sich zwar am monatlichen Versicherungsbeitrag, an der Selbstbeteiligung aber nicht. Wenn ein Krankheitsfall eintritt, kann es für Versicherte mit hoher Selbstbeteiligung sehr teuer werden.

Wann müssen Kinder privat krankenversichert werden?

Wenn beide Elternteile privatversichert sind, muss auch das Kind privatversichert werden. Sind die Eltern verheiratet und nur ein Elternteil ist in der PKV, dann ist entscheidend, ob der privatversicherte Partner mehr verdient und sein Gehalt über der Versicherungspflichtgrenze liegt (2016 liegt diese bei 56.250 Euro). Wenn der besserverdienende Ehepartner über dieser Grenze liegt, muss auch das Kind privatversichert werden.

Was passiert im Alter?

Wer heute neu in die PKV wolle, der müsse sich bewusst sein: Im Alter wird es richtig teuer, sagt Verbraucherschützerin Bock. Eigentlich will die PKV mit Altersrückstellungen die Beitragserhöhungen abfedern, die durch mehr ältere oder chronisch kranke Kunden nötig werden. Das Problem: Die jungen, gesunden Neukunden wollen günstige Tarife. Wenn für die Altversicherten mit hohen Risiken die Tarife steigen, wollen auch diese in die Günstigtarife wechseln. Dadurch werden aber auch diese Angebote teurer - und die wichtigen jungen Beitragszahler bleiben aus.

Dass die Beiträge immer weiter steigen würden, sei absehbar gewesen, sagt Beraterin Bock. Aber kaum ein Makler kläre darüber auf. Darum gelte für alle jungen PKV-Versicherten: Die Ersparnis im Vergleich zum Beitrag in der gesetzlichen Kasse sollten sie bereits jetzt für Beitragssteigerungen im Alter zurücklegen.

Kann man von der PKV in die gesetzliche Krankenversicherung zurückwechseln?

Nein, hier hat der Gesetzgeber Hürden geschaffen. Denn sonst könnten PKV-Versicherte erst in jungen Jahren von günstigeren Beiträgen profitieren und dann - wenn es in der Privatversicherung teuer wird - wieder die dann günstigeren Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung herauspicken.

Privatversicherte Studenten können nach Ende ihres Studiums noch entscheiden, ob sie nicht doch in eine gesetzliche Krankenkasse wechseln wollen.

Wer 55 Jahre oder älter ist, kommt so gut wie gar nicht mehr in die gesetzliche Versicherung.

Raus aus der PKV kann, wer arbeitslos wird oder wenn das Jahresgehalt unter die geltende Versicherungspflichtgrenze rutscht (2016 liegt diese bei 56.250 Euro). Trifft dies nicht zu, können PKV-Versicherte unter 55 Jahren ihr Gehalt drücken. Angestellte können zum Beispiel in Absprache mit dem Arbeitgeber für einige Monate die Zahl ihrer Arbeitsstunden reduzieren. Selbstständige wiederum könnten für ein paar Monate eine Festanstellung eingehen, mit dem Chef ein geringes Gehalt vereinbaren und es erst wieder nach dem PKV-Austritt anheben lassen.

Das Problem: Nicht jeder kommt mit weniger Geld aus und auch die Rentenansprüche verringern sich dadurch. Und: Wer aus der PKV zurück in die gesetzliche Versicherung wechselt, muss seine Altersrückstellungen, die er jahrelang mitfinanziert hat, zurücklassen.


Verbraucherzentralen bieten sowohl für PKV-Interessierte als auch für PKV-Versicherte, die sich über einen Tarifwechsel informieren wollen, Beratungen an. Die Verbraucherzentrale Hamburg etwa verlangt für 45 Minuten Beratung 50 Euro ( Hier finden Sie Informationen der Verbraucherzentrale Hamburg ).

insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
accurat 09.05.2016
1. nur die halbe Wahrheit
"Wenn der besserverdienende Ehepartner über dieser Grenze liegt, muss auch das Kind privatversichert werden." Stimmt nur zum Teil: eine freiwillige gesetzliche Versicherung (mit eigenen Beiträgen) der Kinder ist auch denkbar.
andjessi 09.05.2016
2. Finanziell lohnt es sich auf das Leben betrachtet
wohl nicht in der PKV zu sein, aber neben dem Kostenargument bleibt der Vorteil, dass man nicht der (vor allem zukünftigen) Willkür des Gesetzgebers unterworfen ist, was bezahlt wird oder nicht, sondern seinen Versicherungsbedingungen. Das mag dem einem oder anderen ein gewichtiges Argument pro PKV sein.
TS_Alien 09.05.2016
3.
Man sollte sich eine PKV suchen, in der alle Versicherten einen großen Pool bilden. Dann bleiben auch die Beiträge im Alter bezahlbar. Leider machen immer noch viele Menschen den Fehler, in jungen Jahren bei den PKV-Beiträgen sparen zu wollen. Das ist nicht Sinn einer PKV. Wenn die GKV einen Beamtentarif hätte, wären sicher etliche Beamte in der GKV. Denn es macht Arbeit, die Rechnungen zu sammeln und regelmäßig die Anträge an die Beihilfe und die PKV zu stellen. Mit dem Bezahlen der Rechnungen hat man genügend Zeit, so dass man kein Geld vorstrecken muss. Sammelt man die Rechnungen über einen längeren Zeitraum, muss man natürlich Geld vorstrecken.
peterle3 09.05.2016
4. Offene und geschlossene Tarife
Die PKV kennt offene und geschlossene Tarife. Ein Tarif wird geschlossen, wenn die Leute darin relativ alt und damit der Tarif teuer ist. Die bleiben dann unter sich und zahlen gemeinsam mehr. Dieser Tarif ist dann nach außen unsichtbar. Es wird ein neuer Tarif eröffnet, und das Spiel beginnt von vorn, so ähnlich wie die Dachziegel auf einem Dach übereinander liegen. - Die einzige realistische Chance auf einen günstigeren Tarif ist, nach § 204 VVG vom Versicherer einen Tarifwechsel in einen günstigeren Tarif zu verlangen (der Hinweis fehlt in dem Artikel). Wenn man Glück hat, sind die Leistungen nur wenig geringer, der Tarif aber deutlich günstiger, z.B. die Hälfte. - Die Versicherer zeigen einem die Tarifbedingungen i.d.R. erst mit fertigen Versicherungsschein, dann hat man 14 Tage Zeit vom Vertrag zurückzutreten. Also aufpassen.
merlin 2 09.05.2016
5. Lohnt sich sofort bis inkl. zwei Kinder.
Flotte Behandlung, fast alles inklusive, kaum Einschränkungen und stets höchste Standards. Warum sollte auch ein Arzt, wenn sein Kassenbudget für den Monat voll ist, weitere Patienten ohne Abrechnung behandeln? Ich arbeite ja auch nicht umsonst. Hier liget der Fehler (Planwirtschaft) und nirgendwo sonst.
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