Hermann-Josef Tenhagen

Massive Beitragserhöhungen Die private Krankenversicherung leidet unter den Minizinsen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
So einen Brief will niemand bekommen: Fast 18 Prozent Aufschlag auf die Krankenversicherung verlangt die Debeka. Grund sind die Altersrücklagen. Andere Anbieter werden bald nachziehen.
Krankenhausbetten für Privatpatienten: Eine private Krankenversicherung ist immer auch ein Sparvertrag fürs Alter

Krankenhausbetten für Privatpatienten: Eine private Krankenversicherung ist immer auch ein Sparvertrag fürs Alter

Foto: imago images / imagebroker

Ein Preisschock ereilt die Kunden privater Krankenversicherer derzeit. Und er legt eine Schwäche im System bloß. Bleiben die Zinsen so niedrig wie jetzt, müssen alle privat Krankenversicherten bald Monat für Monat sehr viel mehr zahlen. Betroffen sind vor allem Selbstständige und Angestellte unter den 8,7 Millionen privat Versicherten. Beamte und Pensionäre hingegen schützt die staatliche Beihilfe vor allzu großen Härten.

Der ein oder andere Versicherer hat schon erhöht. Nun erwischt es die knapp zweieinhalb Millionen Versicherten beim Marktführer Debeka. Eigentlich eine Versicherung, mit der man wenig Ärger hat. Der monatliche Preis steigt auf einen Schlag um durchschnittlich 17,6 Prozent – für die einen etwas weniger, für die anderen etwas mehr . So eine Erhöhung macht für einen 50-jährigen Selbstständigen oder Angestellten oft 100 Euro im Monat aus, denn die private Krankenversicherung kostet bei der Debeka im Schnitt deutlich über 500 Euro im Monat.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Für Beamte und Pensionäre, die den Großteil der krankenversicherten Kunden in der Debeka ausmachen, sind 18 Prozent auch viel Geld. Bei Ihnen kostet der Versicherungsschutz auch nach Jahrzehnten im Schnitt aber nur 230 bis 240 Euro im Monat. Die Erhöhung schlägt also "nur" mit gut 40 Euro zu Buche.

Der Grund: Beamte und Pensionäre müssen nur einen Teil der Arzt- und Krankenhauskosten versichern. Vor der Versicherung zahlt der Dienstherr, also der Bund oder das Land, mit der sogenannten Beihilfe einen Großteil der Arztrechnung. Nur für den Rest braucht es eine Versicherung.

18 Prozent. Wie kommt eine solche Mordserhöhung zustande? Die Debeka führt zwei Gründe an: Einerseits seien die Kosten der medizinischen Behandlung in den vergangenen Jahren schon regelmäßig gestiegen. Weil aber die Regeln der privaten Krankenversicherung vorsehen, dass der Beitrag nur erhöht werden darf, wenn die Kosten um mindestens fünf Prozent gestiegen sind, habe man die Beiträge seit 2017 nicht erhöhen dürfen.

Für die Monstererhöhung kommt aber noch eine andere Komponente der Beitragsberechnung ins Spiel. Und die ist entscheidend: Eine private Krankenversicherung ist immer auch ein Sparvertrag fürs Alter. In jungen Jahren zahlen die Kunden mit ihren Beiträgen mehr als für die Krankheitskosten notwendig ist, der Versicherer legt das Geld an – und bildet Altersrückstellungen. Mit dem angelegten Kapital versucht der Krankenversicherer eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften. Die Rendite hilft dann, dass im Alter die Beiträge nicht so stark steigen.

Imaginäres Sparkonto

Jahrzehntelang haben die Krankenversicherer in diesem Modell mit einer Verzinsung von 3,5 Prozent im Jahr gerechnet, auch die Debeka. So viel sollten die Rücklagen einbringen. Doch solche Renditen lassen sich mit sicherer Anlage schon lange nicht mehr erwirtschaften. Und jetzt, wo die Behandlungskosten deutlich steigen, hat die Debeka auch gleich die Musterrechnung für die Verzinsung angepasst.

Statt mit 3,5 oder 3,2 Prozent wie zuletzt noch 2017 rechnet die Debeka in Zukunft nur noch mit einer Verzinsung von 2,3 Prozent. Die Folge: Es fehlt eine Menge Geld in der Kasse fürs Alter. Das macht den Löwenanteil der 18-prozentigen Erhöhung aus.

Um das am Beispiel vorzurechnen: Ein 50-Jähriger hat schon 20.000 Euro auf seinem imaginären Sparkonto bei der Versicherung und soll bis zur Rente mit 65 jedes Jahr im Schnitt noch 1000 Euro dort einzahlen. Am Ende lägen bei 3,2 Prozent Zinsen dann 51.500 Euro als Altersreserve auf dem Konto.

Um jetzt bei 2,3 Prozent Zinsen auf die gleiche Summe zu kommen, müsste der Versicherungskunde jedes Jahr schon 1300 Euro zahlen – 25 Euro mehr jeden Monat, nur wegen der Niedrigzinsen. 

Was können die Kunden nun tun?

Den Versicherer zu wechseln, scheidet vor allem bei vor 2009 abgeschlossenen Verträgen aus. Bei denen ginge die Altersreserve beim Wechsel verloren (als Geschenk an die verbliebenen Kunden der alten Versicherung). Die neue Versicherung würde also im Alter noch deutlich teurer . Das Gemeine: Gerade diese alten Verträge sind von den Beitragssteigerungen besonders hart betroffen.

Aber ein Versicherungswechsel ist auch für kürzer Versicherte oft nur wenig sinnvoll: Auch bei denen geht ein Teil der Altersreserve beim Wechsel verloren. Außerdem stehen alle Versicherer vor demselben Problem mit den Niedrigzinsen.

Den Tarif wechseln?

Versicherte können dennoch wechseln – wenn sie zugleich bei ihrem Versicherer bleiben. Die Versicherungen haben meist eine ganze Reihe von Tarifen zu unterschiedlichen Konditionen im Angebot, vielleicht findet sich da etwas Günstigeres? Eigentlich müssen die Versicherer ihren Kunden sogar mit Vorschlägen helfen, welches ihrer Tarifangebote denn preiswerter wäre. Das funktioniert bislang mehr schlecht als recht. Kein Wunder: Welcher Versicherungskaufmann hat daran schon ein Interesse? 

Bei der Debeka hilft das leider nicht so viel. Der Versicherer ist dafür bekannt, nicht viele unterschiedliche Tarife anzubieten. "Für als teuer empfundene Tarife innerhalb der Debeka gibt es keine wesentlich günstigeren Tarife, die Kunden für lohnende Tarifwechsel nutzen können", sagt Nicola Ferrarese vom Tarifwechsel-Spezialisten Minerva.

Bei vielen anderen Privaten ist der Tarifwechsel aber ein probates Mittel. Da sollte sich niemand täuschen: Die Zinsseuche erfasst sie früher oder später alle. Die Hallesche Versicherung hat ebenfalls eine Erhöhung zum 1. Januar angekündigt. Die Versicherungskammer Bayern schreibt, jedes Jahr müsse für etwa die Hälfte der Versicherten eine Erhöhung stattfinden. 

Zurück in die Gesetzliche?

In die gesetzliche Krankenversicherung zu flüchten, das ist für Versicherte immerhin bis zum 55. Lebensjahr gesetzlich erlaubt. Für Beamte und Pensionäre ergibt es wirtschaftlich keinen Sinn, denn sie verlören die Beihilfe vom Staat. Die Debeka hat deshalb mit solcher Versicherungsflucht wenig zu kämpfen. Vier von fünf ihrer voll versicherten Kunden sind Beamte und Pensionäre ohne wirklichen Fluchtanreiz.

Für die anderen wäre das oft durchaus attraktiv . Gerade für die vielen kleinen privat versicherten Selbstständigen. Für die kommt die saftige Beitragserhöhung ohnehin zur Unzeit: In der aktuellen Coronakrise mit mehreren Shutdowns leiden vor allem sie.

Und dann wird 2021 auch noch gewählt. Die Debeka ist das Aushängeschild der privaten Krankenversicherung. Jeder vierte Privatversicherte ist bei der Debeka. Lauter Krankenversicherte in Not, weil beim Branchenprimus die Beiträge zu schnell steigen, das ist kein schönes Thema für die Anhänger des bisherigen Parallelsystems von gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Und eine Steilvorlage für die, die die Private am liebsten abschaffen würden .

Die Debeka hat deshalb kurz entschlossen die Beitragserhöhung für einige Kunden gestreckt. Statt einem Aufschlag um 18 Prozent auf ein Mal müssen die versicherten Angestellten und Selbstständigen mit den teureren Verträgen 2021 erst mal "nur" 60 Prozent der Erhöhung tragen. Die restlichen 40 Prozent der Erhöhung werden dann Anfang 2022 draufgeschlagen.

Ob das hilft?

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