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12. Mai 2014, 10:47 Uhr

Fragwürdige Rabatt- und Bonusprogramme

Süchtig nach Prozenten

Sammeln Sie Punkte? Tom König hasste Bonussysteme mit Inbrunst, bis ihn eine Supermarktkette mit bunten Stickern anfixte. Nun ist er sammelsüchtig - worunter sein Urteilsvermögen erheblich leidet.

"Sammeln Sie Punkte?" Darauf antwortete ich früher stets mit "Nein". In dieses "Nein" legte ich die größtmögliche Verachtung. Wenn ich irgendetwas hätte sammeln wollen, wäre ich schließlich Eichhörnchen geworden.

Ja, damals! Heute erinnere ich die Kassiererin daran, dass sie mir noch Bonuspunkte schuldet. Diese grauenvolle Verwandlung begann, als Rewe 2012 das Stickeralbum "Unsere Erde" herausbrachte. Mein Sohn Toni war von den Tieraufklebern und dem dazugehörigen Buch begeistert. Fortan kaufte ich nur noch bei Rewe ein, der Punktemaximierung wegen. Mir blieb auch kaum etwas anderes übrig: Kam ich mit Tüten voller Essen, jedoch ohne Aufkleber nach Hause, schimpfte mich Toni einen Rabenvater.

Ich fühlte mich dabei wie jenes Konsumäffchen, das ich nie sein wollte. Ich war nun einer von diesen Dämlacken, die sich mit Marketingtricks steuern lassen.

Einstiegsdroge für härteren Stoff

Dennoch redete ich mir ein, dass ich es nur der Kinder wegen tat, schluckte meinen Stolz herunter und sammelte weiter. Auf "Unsere Erde" folgten "Unsere Wunderwelt" und "Unser Deutschland". Wir haben inzwischen genug Stickerdoubletten, um den Flur damit zu tapezieren. Was? Ihnen fehlt noch Glitzersticker Nr. 137, der geringelte Nacktnasenwombat? Beherrschen Sie sich, und schreiben Sie mir bloß keine Bettelmail!

Die Sache mit den Kindern war natürlich eine Ausrede. Ich belog mich selbst, wollte mir meine eigene Sammelsucht nicht eingestehen. Und dann ging es richtig abwärts. Nachdem die Dealer mich mit Pfauenaugen (Nr. 194) und Grand-Canyon-Panoramas (Nr. 121-124) angefixt hatten, begann ich, mir härteres Zeug zu besorgen.

Ist das Hirn erst ruiniert, sammelt sich's ganz ungeniert

Bevor ich mich versah, steckte in meinem Portemonnaie ein neues Bonusheftchen. Man konnte kleine Bapperl mit einem Logo der Messerschmiede Zwilling hineinkleben. Als Prämie winkten "*****FIVE STAR Messer mit FRIODUR® und SIGMAFORGE®".

Wäre mein Verstand nicht so verkleistert gewesen, hätte ich vielleicht etwas geahnt. Ich entblödete mich nicht einmal, meiner Frau Tanja stolz das vollgeklebte Heftchen zu zeigen.

"Und jetzt?", fragte sie.

"Bekomme ich ein Messer", sagte ich. "Von Zwilling."

Sie runzelte die Stirn. "Umsonst?"

"Nein, kleine Zuzahlung."

"Aber wir haben doch haufenweise Messer", entgegnete Tanja.

Als passionierter Hobbykoch besitze ich in der Tat etliche verschiedene Messer. Aber einem Prämiensüchtigen zu erklären, dass er auch ohne Prämie glücklich wäre, ist bekanntermaßen sinnlos. Also trottete ich mit meinem Heftchen zu Rewe. Für schlappe 24,99 Euro Zuzahlung erwarb ich dort ein Santoku-Messer von Zwilling. Mit FRIODUR® und SIGMAFORGE®.

Keine Visitenkarte für die Marke

Mein ganz persönlicher Eindruck: Das Messer ist nicht mit den hervorragenden Produkten vergleichbar, die man sonst von der Firma aus Solingen gewohnt ist. Dünne Klinge, geringes Gewicht, Griff aus billig wirkendem Plastik - ein Premiumgefühl kommt bei mir da nicht auf, im Gegenteil.

Bei der Zwilling J. A. Henkels AG sieht man das anders: "Im Hinblick auf andere am Standort Solingen produzierte Zwilling-Messerserien existiert kein Unterschied in Bezug auf wesentliche qualitätsbestimmende Merkmale."

Santoku besäßen zudem immer eine relativ dünne Klinge. Und der von mir kritisierte Plastikgriff habe sogar einen Designpreis erhalten.

Apropos Preis: Laut Rewe-Webseite spart man durch den Santoku-Deal "78 Prozent" gegenüber dem Normalpreis von 78,50 Euro. Bei Amazon gibt es dasselbe Messer allerdings schon für 33,75 Euro. Dafür hat sich das Kleben nicht gelohnt.

Ich hätte folglich allen Grund, mich betuppt zu fühlen. Stattdessen bin ich Zwilling und Rewe sogar dankbar. Denn einige Tage später säbele ich mir mit dem Fünf-Sterne-Santoku beim Julienneschneiden ein ordentliches Stück Daumennagel nebst Fingerkuppe ab.

Dieses Blutbad ist der Weckruf, den mein Gehirn gebraucht hat. Mir wird schlagartig klar, dass Treuepunkteaktionen immer noch Schwachsinn sind, auch wenn die Aufkleber neuerdings mit Glitzerhologrammen daherkommen und die Messer mit hochtrabenden Namen ausgestattet sind.

Wer trotzdem mitmacht, ist nicht nur dumm, sondern auch einfältig. Dumm, weil er brav genau das tut, was die Marketingheinis von ihm erwarten. Und einfältig, weil er meint, er werde für seine "Treue" tatsächlich "belohnt".

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.

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