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Richard Neutra: Schleswig-Holstein entdeckt den Stararchitekten

Foto: Christian Kerber

Architektur als Spekulationsobjekt Klein-Kalifornien in Quickborn

In den USA werden Richard Neutras Ikonen für Millionen gehandelt. Häuser des österreichisch-amerikanischen Stararchitekten sind aber auch in klein erschwinglich und gleich um die Ecke zu haben. In Schleswig-Holsteins Provinz entdeckt man sie gerade neu.
Von Harald Willenbrock

Gleich an der Hausecke stolpert man über sein legendäres "Spider Leg", das wie ein ausgestelltes Bein über die Dachkante ragt. Und über seinen "Reflecting Pool", der hier lediglich 60 Zentimeter tief und mit seinem Goldfischbesatz ein beliebter Imbiss zwischenlandender Reiher ist. Typisch auch das holzverschalte Vordach mit dezent integrierten Lichtbändern, die das Draußen raffiniert ins Drinnen verlängern: alles unverkennbar Neutra. Wären da nicht der kalte Nieselregen und die wärmegedämmten Wohnblöcke jenseits der Gartenhecken, könnte man für einen Moment fast vergessen, dass man nicht in Westwood, Pacific Palisades oder Cedar Springs, sondern am Rande der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Quickborn steht.

Richard Neutra in Quickborn, das klingt wie ein Scherz. Selbst wenn man mitten auf der Quickborner Marienhöhe steht, einer gewundenen Asphaltstraße mit abzweigenden Stichwegen, entlang derer die 67 Bungalows und Doppelstöcker stehen, wähnt man sich noch an der falschen Adresse. Zu unscheinbar, zu bescheiden, zu kleinbürgerlich normal wirkt die Siedlung auf den ersten Blick, als dass man sie mit dem Superstar der kalifornischen Moderne in Verbindung brächte. Hecken säumen die Zufahrtswege, hinter Sichtschutzzäunen vermoost Plastikgestühl, vor den Garagen parken Südkoreaner. Vom International Style scheint die Siedlung so weit entfernt wie Fallingbostel von Fallingwater. Und doch ist hier der späte Fallout eines Projekts zu besichtigen, mit dem eine Wohnungsbaugesellschaft vor genau 50 Jahren die Bundesrepublik zu neutralisieren suchte.

Damals war die Direktion der Hamburger BEWOBAU eigens nach Los Angeles gereist, um für Siedlungsbauten in der Nähe Frankfurts und Hamburgs einen Architekten der Extraklasse zu gewinnen. Richard Neutra, in Wien geboren und 1923 in die USA ausgewandert, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein international bekannter Signature-Architect. Für das Neubaugebiet der BEWOBAU in Quickborn, ein stilles 10.000-Einwohner-Örtchen knapp 30 Autominuten nördlich von Hamburg, entwarf der Architekt neun unterschiedliche Haustypen und 190 Wohneinheiten. Bei Grundflächen von lediglich 97 bis 160 Quadratmetern musste er auf die großzügigen Gesten und weiten Perspektiven verzichten, die seine kalifornischen Luxusvillen auszeichnen. Schaut man jedoch genauer hin, glänzte Neutra auch im Kleinen mit vielem, was ihn im Großen bewegte. So öffnete er die Bungalows mit bodentiefen Stahlrahmenfenstern zu Gärten, die der Hamburger Landschaftsarchitekt Gustav Lüttge mit heimischen Gehölzen hatte bepflanzen lassen. Ihre Wohnzimmer-Glasfronten führte er bis um die Hausecken herum, wobei seine "Spinnenbein" genannte Tragwerkskonstruktion die Lasten ableitete. Reflecting Pools werfen bündelweise Sonnenlicht ins Wohnzimmer. Schlafzimmern spendierte er einen eigenen Gartenzugang, selbst den Küchen langgezogene Fensterbänder. Auf diese Weise wuchsen seine überschaubaren "Gartenhäuser" quasi von innen über sich hinaus.

Unglücklicherweise taten das auch die Kosten. Stahlrahmenfenster, Oregonfichte für die Deckenvertäfelungen sowie die Chrysler-"Airtemp"-Warmluftheizungen ließ Neutra eigens aus den USA herbeischaffen. Damit kletterte der Einstandspreis für einen amerikanischen Traum in Quickborn auf 162.000 bis 249.000 D-Mark. Weder ein als Zugabe ausgelobter VW-Käfer noch der populäre Schauspielhaus-Intendant Gustav Gründgens als Vorzeige-Käufer konnten die Nachfrage befeuern, zumal Gründgens noch vor Fertigstellung der Siedlung starb. "Der von den Bauherren eingeplante Snob-Effekt, den die Neutra-Kreationen ausstrahlen sollten, erwies sich als gering", heißt es in einem Magazinbericht jener Zeit. Für die BEWOBAU entwickelte sich "Klein Amerika" in Quickborn zusehends zum großen Albtraum.

"Einfach offen und modern"

Statt der geplanten 190 Wohneinheiten ließ die Wohnungsbaugesellschaft daher lediglich ein gutes Drittel fertigstellen, den eigentlich vorgesehenen Tennis- zum schnöden Parkplatz umfunktionieren und den Rest des Terrains mit konventionellen Einfamilienhäusern zupflastern. "Auch die BEWOBAU-Direktoren möchten mal wieder ruhig schlafen", erklärte einer von ihnen zerknirscht im "SPIEGEL". Neutra selbst, so erzählt man sich in Quickborn, habe den Fortschritt seines Projekts zu jener Zeit zweimal vor Ort begutachtet. Als der Architekt 1970 starb, war seine "Millionärssiedlung", wie die Quickborner sie spöttisch nannten, bereits auf dem besten Weg in die Vergessenheit.

Ihre Bewohner aber liebten sie. Wiebke Raabe beispielsweise, die 1969 mit ihrem Mann von Hamburg-Othmarschen auf die Marienhöhe zog, ließ sich weder vom exorbitanten Kaufpreis noch der Tatsache abschrecken, dass Quickborn "damals wirklich noch ein Dorf war", wie sie sagt. "Anders als in den gediegenen Vorortsiedlungen mit Jägerzaun und Rasen war und ist unsere Siedlung einfach offen und modern." Dass ihr 100 Quadratmeter großer Backsteinbungalow von der Straße her "unprätentiös wie ein Schuppen" wirkt, empfindet die Pensionärin dabei eher als Vorteil. Denn im Inneren, das Raabe höchst geschmackvoll mit Le Corbusiers, Breuers und Hoffmanns möblierte, entfaltet er eine überraschende Großzügigkeit. Das liegt unter anderem an den integrierten Einbauschränken, die im ganzen Haus Platz schaffen, ohne Raum einzunehmen. Eine Offenbarung sind auch die bodentiefen Fenster, die bei Neutra keine Löcher in der Wand, sondern durchsichtige Vorhänge zum Garten sind, vor denen zu jeder Jahreszeit ein anderes Stück gegeben wird. Zusammen mit langen Fensterbändern sorgen sie in Raabes Zuhause quasi stündlich für neue Lichtblicke.

Bau und Umgebung kunstvoll miteinander verwoben

"Biorealismus" nannte Neutra seinen architektonischen Ansatz, der Bau und Umgebung möglichst übergangslos miteinander zu verweben sucht. "Ein richtig entworfenes Haus ist eben nicht ein statisches Gehäuse", erklärte er einmal der Verlegergattin Ebelin Bucerius, der er parallel zu seinem Projekt in Quickborn eine Villa in den Schweizer Alpen errichtete, "sondern gewissermaßen ein Spiegel des Naturgeschehens drum herum und gerade dadurch eine immer neue Seelenerfrischung." Wohnarchitektur war für den Planer nie einfach nur Behausung, sondern immer auch Medizin für die Seele.

Frank Pauen schluckt dieses Heilmittel nun schon seit elf Jahren und genießt seine Wirkung jeden Tag aufs Neue. "Wie hell es in unserem Haus ist, merke ich erst richtig, wenn wir woanders zu Gast sind", sagt Pauen, der ein paar Häuser von Wiebke Raabe entfernt wohnt und sich als Mitglied der Richard J. Neutra-Gesellschaft um die Bewahrung des architektonischen Erbes kümmert. Dabei waren der Ingenieur und seine Familie rein zufällig zu ihrer Ikone gekommen. Im Immobilieninserat der Commerzbank war nämlich nirgendwo von Neutra, sondern lediglich von einem "Traumbungalow in schönster Quickborner Lage" die Rede, der für 306.000 Euro zum Verkauf stand. Was den Pauens tatsächlich sofort traumhaft erschien, war die ebenso schlichte wie intelligente Komposition ihres künftigen Hauses. Zu Nachbarn und Straße wird es von zwei gegenüberliegenden Backsteinwänden abgeschirmt. Im dazwischen liegenden Wohntrakt aber verfügt mit Ausnahme von Bädern und WC jeder Raum über eine Fensterfront oder den eigenen Zugang zum Garten. Auf diese Weise gelingt den Bonsai-Villen das Kunststück, kleinformatig und großzügig, privat und offen zugleich, ganz bei sich und doch nah an der Natur zu sein. Familie Pauen merkt das manchmal bei Starkregen, wenn die Regenrinnen, die Neutra aus ästhetischen Gründen innenliegend anbringen ließ, im ganzen Haus wohlige Glucksgeräusche verbreiten. Bei Frost wiederum müssen die Pauens ihren Kamin anfeuern, weil die amerikanische Gebläseheizung allein gegen deutsche Winter einfach nicht ankommt. Technisch, so scheint es, ist die kalifornische Moderne der Prä-Ölkrisen-Ära für Nordeuropa im Zeitalter explodierender Energiekosten nur bedingt geeignet.

"Viele wissen wahrscheinlich nicht, auf welchem Schatz sie sitzen"

Timo Hogestraat, ein Nachbar der Pauens, hat seinen Neutra daher quasi ein zweites Mal gebaut. Im Bungalow, den der Innenarchitekt vor Jahren übernahm, ließ er sämtliche Deckenelemente demontieren, das Dach dämmen und wieder neu einsetzen, die vom Vorbesitzer verbauten massiven Fensterprofile durch handgefertigte originalgetreue ersetzen und auch sonst kaum einen Stein auf dem anderen. Gerade müht sich ein Landschaftsgärtner um die Wiederherstellung des ursprünglichen Gartens. "Neu zu bauen wäre definitiv einfacher gewesen", sagt der Bauherr schulterzuckend, "und kostengünstiger auch. Andererseits ist das Leben in einer Ikone etwas ganz Besonderes. Und Neutras Architektur ist bis ins Detail so richtig, dass man eigentlich gar kein Mobiliar braucht."

Nicht alle Siedler auf der Marienhöhe sind indes so glücklich über ihr architektonisches Großerbe. Eine Nachbarin Hogestraats hat ihr Haus mit Schindeldach und Butzenfenstern radikal auf rustikal getrimmt. Andere zogen vor Gericht, als ihre Siedlung vor fünf Jahren unter Denkmalschutz gestellt wurde. "Viele haben ihren Neutra wohl bis heute nicht wirklich verstanden", vermutet Wiebke Raabe, "sie wissen wahrscheinlich gar nicht, auf welchem Schatz sie da sitzen."

Dabei ist das mit dem Schatz durchaus wörtlich zu verstehen. Für Neutras Kaufmann House in Palm Springs, eines der bekanntesten Gebäude des 20. Jahrhunderts, wurden kürzlich 12,5 Millionen Dollar gefordert. Das Singleton House in Bel Air, ein - zugegebenermaßen deutlich größerer und ikonenhafterer - Vorläufer der Quickborner Moderne, wechselte gar für 16,5 Millionen Dollar den Besitzer. Wobei für Neutra-Fans wie Wiebke Raabe ein Verkauf ohnehin nie infrage käme. "Sollte ich je hier ausziehen müssen", erklärt die Architekturliebhaberin, "dann nur mit meinen Füßen voran."

Dieser Text stammt aus dem Magazin "Häuser", Ausgabe 5/2013