Hermann-Josef Tenhagen

Altersvorsorge Was Sie bei Ihrer Lebensversicherung beachten sollten

Die Zinsen sind mickrig und viele Kunden verunsichert: Lohnt sich eine Lebensversicherung überhaupt noch? Und sollte man alte Verträge kündigen? Die Antworten sind ziemlich eindeutig.
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Kunden in Deutschland sitzen auf ungefähr 90 Millionen Lebensversicherungsverträgen und machen sich verständlicherweise Sorgen. Zum einen, wenn die Versicherungskonzerne angesichts der großen Versprechungen von früher und der mickrigen Zinsen von heute unter ihren vertraglichen Verpflichtungen ächzen - und dann versuchen, die Verträge zu verkaufen. Oder wenn Kritiker ein ums andere Mal beschreien, wie wenig kundenfreundlich oder gar riskant  die Verträge der Versicherer seien.

Ein bisschen Sorge und ein zweiter Blick in die eigenen Verträge für Lebens- oder Rentenversicherungen schadet nicht. Vielleicht auch ein Blick in den Riester-Vertrag. Oft genug begegnen mir Versicherte, die nicht einmal wissen, wie viel Zinsen ihnen garantiert wurden.

Eines sollten Sie ganz zu Beginn begreifen: Als Sie damals den Vertrag unterschrieben haben, stimmten Sie zu, dass ein großer Teil Ihrer eigentlichen Sparsumme abgezweigt wird: Da ist zunächst einmal der Versicherungsvertrieb, der sein Geld bekommt. Dann deckt der Versicherer seine Kosten für die Verwaltung. Dann für den Fall, dass Kunden sterben und Angehörige ein Anrecht auf Geld haben (Lebensversicherung) oder für das Risiko, dass Kunden sehr alt werden (Rentenversicherung). Erst, was dann noch übrig bleibt, wird angespart und muss in klassischen Lebens- und Rentenversicherungen vom Versicherer verzinst werden.

0,25 Prozentpunkte weniger Zinsen können mehrere Tausend Euro ausmachen

Vor allem die Vertriebskosten schlagen anfangs stark zu Buche. Dazu tut der Versicherer so, als ob Sie alle Zahlungen, die Sie in den kommenden Jahrzehnten für den Vertrag leisten wollen, schon eingebracht hätten und zieht von diesen imaginierten Einzahlungen seine Vertriebsprovisionen ab. Das können einige Tausend Euro sein. Die Debeka schrieb mir, dass diese Abschluss- und Vertriebskosten über 30 Jahre Ansparzeit ein knappes Viertel der Gesamtkosten ausmachen.

Früher, also vor 2005, hat der Versicherer diese Kosten oft sofort im ersten Jahr abgezogen, mit der Folge, dass Sie Ihren Sparvertrag in tiefroten Zahlen begonnen  haben. Heute zieht der Versicherer die Kosten normalerweise in fünf jährlichen Raten ab. Im Ergebnis haben Sie als Kunde auch heute noch in den ersten Jahren keine Freude an Ihrem Vertrag.

Selbst wenn der Vertrag am Ende lukrativer werden kann: Aus der Konstruktion ergibt sich, dass am Anfang die Unternehmen profitieren und für Kunden Verträge tendenziell besser werden, je länger sie dabeibleiben. Zumindest dann, wenn die zugesagte Verzinsung ordentlich ist.

Die Allianz schreibt mir, dass bei Verträgen, die 30 Jahre durchgehalten werden, die Rendite "nur" noch um 0,2 bis 0,25 Prozentpunkte pro Jahr schrumpft durch die Abschluss- und Vertriebskosten. Hört sich nach wenig an, ist aber viel. Das liegt am Zinseszins-Effekt: Auf die Zinsen werden ja auch wieder Zinsen fällig. Wenn 100 Euro im Monat 30 Jahre lang mit 3 Prozent verzinst werden, kommen gut 58.000 Euro raus, bei 2,75 Prozent Zinsen nur noch 55.650 Euro. Die Differenz läge in dem Fall also bei 2350 Euro.

Und ganz ohne Abzüge von Kosten hätte die Rendite vielleicht sogar 3,75 Prozent betragen und das monatlich Ersparte wäre auf 65.870 Euro gewachsen.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Blöd nur, dass mehr als die Hälfte der Kunden ihren Versicherungsvertrag irgendwann kündigt und die besseren Zeiten gar nicht erlebt. Bei langlaufenden Verträgen gilt das oft sogar für drei Viertel der Kunden. Das ist aktuell besonders ärgerlich: Denn in den vergangenen Jahrzehnten waren die Zinsen, die die Versicherer vertraglich zusagt haben, die sogenannten Garantiezinsen, deutlich höher als heute: Von Mitte der Neunzigerjahre bis Mitte 2000 gab es vier Prozent, dann bis Ende 2003 gab es 3,25 Prozent, bis Ende 2006 schließlich 2,75 Prozent und bis Ende 2011 immerhin noch 2,25 Prozent. Heute gibt es noch magere 0,9 Prozent, dafür lohnt es sich nicht, noch einen Vertrag neu abzuschließen .

Alte Verträge lieber behalten

Wer aber schon einen alten klassischen Vertrag hat, für den ergibt sich aus der Kombination von schon bezahlten Vertriebsprovisionen und noch vertraglich zugesicherten hohen Zinsen die klare Empfehlung:

  • Dranbleiben! Eher nicht kündigen, sondern weiterführen, es gibt ja schöne Zinsen.
  • Wenn das Geld oder das Vertrauen in die Zukunft nicht mehr reicht, können Sie als Kunde einen solchen Vertrag auch noch beitragsfrei stellen. Dann muss der Versicherer wenigstens das schon Angesparte weiter ordentlich verzinsen.
  • Bei einer einfachen Kündigung hingegen hat das Versicherungsunternehmen und sein Vertrieb die Schäfchen ins Trockene gebracht, während der Kunde auf den Kosten sitzen geblieben ist. Auch deshalb versuchen Versicherungsunternehmen aktuell Altkunden loszuwerden.

Besonders dumm ist es, einen Riester-Vertrag  aus diesen Jahren zu kündigen. Dabei verlieren Kunden nämlich nicht nur bereits gezahlte Provision und künftige Zinsen. Sie müssen auch noch vergangene Förderung und die Steuervorteile der vergangenen Jahre zurückzahlen und machen damit ein Negativgeschäft, während der Anbieter seinen Profit erzielt hat. Besonders ins Kontor schlägt, dass der Staat verständlicherweise die nur für die Altersvorsorge gewährten Steuervorteile zurückverlangt, an die viele Sparer gar nicht mehr denken.

Das sind keine Einzelfälle. Die Zahl der klassischen Riester-Versicherungsverträge wächst seit 2011 praktisch nicht mehr , obwohl in jedem Jahr einige Hunderttausende Verträge neu abgeschlossen werden . Die Allianz hat derzeit 1,6 Millionen Riester-Verträge im Bestand, von denen noch 1,15 Millionen bespart werden. Konkurrent Generali hat allein bei seiner Tochter AachenMünchner nach eigenen Angaben knapp 1,3 Millionen Riester-Verträge. Die Debeka hat insgesamt rund 620.000 Verträge, die noch bespart werden. Im Gegensatz zu den beiden Dickschiffen kann die Debeka die Zahl ihrer Verträge sogar nach Vertragsgenerationen aufschlüsseln. Beim Koblenzer Beamtenversicherer gibt es rund 90.000 Riester-Verträge mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent, und mehr als 500.000 mit einer Zwei vor dem Komma.

Zusammengefasst ergibt sich aus der Entwicklung der Produkte und der Befragung dreier großer Anbieter auch für Riester: Dranbleiben! Kündigen sie alte Verträge nicht. Wer solchen Unfug den Kunden empfiehlt, besorgt nur das Geschäft gescheiterter Versicherungsvorstände.

Übrigens: Der einzig wirtschaftlich vernünftige Abschied aus alten Lebensversicherungsverträgen ist für besonders ausgeschlafene Kunden der Widerruf dieser Verträge. Viele Anbieter haben nämlich bei der Formulierung der Widerrufsklauseln, die jeder Vertrag haben muss, nicht aufgepasst und damit die Verträge juristisch angreifbar  gemacht. Gelingt Ihnen ein solcher Angriff, bekommen Sie Ihr bislang eingezahltes Geld zurück und der Anbieter muss Ihnen vielleicht sogar Zinsen zahlen. Auf Förderung und mögliche künftige Zinsen verzichten Sie aber auch in dieser Variante.