Riestern oder nicht? Was gegen Altersarmut wirklich hilft

Die gesetzliche Rente schützt Geringverdiener kaum mehr vor Altersarmut. Für sie bleibt ein Riester-Vertrag deshalb die letzte Chance. Doch auch der ist längst nicht für jeden sinnvoll.
Senioren in Berlin: Durch Riester-Rente das Armutsrisiko senken

Senioren in Berlin: Durch Riester-Rente das Armutsrisiko senken

Foto: Patrick Sinkel/ AFP

In der DGB-Zentrale in Mannheim, einem Zweckbau direkt am Neckar, haben sich an diesem verregneten Nachmittag 200 Menschen zur Feier der gesetzlichen Rente versammelt, die in Baden-Württemberg 125 Jahre alt geworden ist. Nun geht es um die Zukunft.

Der Landesgeschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung ist sich ganz sicher: Armutsbekämpfung sei für die gesetzliche Rentenversicherung nicht die erste Aufgabe. Es bekomme nur der eine ordentliche Rente, der vorher ordentlich eingezahlt habe.

Auch der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersvorsorge erklärt sein Produkt und die deutschen Unternehmen für unzuständig, was die Armutsbekämpfung im Alter angeht.

Und selbst Walter Riester, Bundesarbeitsminister a.D. und als solcher Erfinder der Riester-Rente stößt ins gleiche Horn: Mit der Riester-Rente in der heutigen Form könne man Armut nicht bekämpfen, sagt er. Dafür müsste sie schon verpflichtend gelten.

Wenn die gesetzliche Rente und die Betriebsrente versagen, bleiben nur drei Wege, um der drohenden Altersarmut entgegenzutreten:

  • Zum einen könnte die Politik künftig die gesetzliche Rente stärker durch Steuergelder stützen.
  • Oder sie müsste durch allgemeine Sozialreformen das Armutsrisiko für Rentner senken.
  • Als dritte Möglichkeit könnten sich die Bürger natürlich auch selbst helfen.

Niedrigverdiener bekommen kaum Unterstützung

Aber wie? Die gesetzliche Rente hat zwar in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Schritt unternommen, Frauen besser vor Altersarmut zu schützen. Es gibt mehr Rentenpunkte für die Erziehung von Kindern . Es gibt Rentenpunkte für die Pflege von Angehörigen .

Keine vernünftige Unterstützung bekommen in Deutschland aber Geringverdiener. Wer heute zum Mindestlohn von 8,50 Euro arbeitet, muss im deutschen Rentensystem über 60 Jahre lang Vollzeit arbeiten, um auf ein Rentenniveau in Höhe der gesetzlichen Grundsicherung zu kommen.

Betriebliche Altersvorsorge hilft diesen Menschen nur, wenn der Chef sie als Extra obendrauf legt. Denn erstens haben die Geringverdiener ja selbst wenig übrig. Und zweitens bringt die populäre Entgeltumwandlung  nichts. Der Arbeitnehmer spart dabei im Arbeitsleben zwar Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Doch bei Geringverdienern fällt das kaum ins Gewicht. Sie zahlen ohnehin nur wenig Steuern und Beiträge.

Für sie bleibt also tatsächlich nur die Riester-Rente. Mit der könnten Mindestlöhner am ehesten zusätzliche Rentenansprüche aufbauen . Ab fünf Euro eigenem Einsatz pro Monat geht es los. Mindestens die staatliche Grundförderung von 154 Euro im Jahr kann man sich so sichern. Für Kinder ab dem Geburtsjahr 2008 gibt es 300 Euro Förderung jährlich obendrauf, auch für Niedrigverdiener. Das ergibt, über 25 Jahre gerechnet, 3850 Euro Grundförderung und 7500 Euro fürs neugeborene Kind.

Am einfachsten und übersichtlichsten sind für Niedrigverdiener Riester-Banksparpläne . Gute Angebote gibt es bei einigen Volksbanken und Sparkassen. Bei allen Sparformen gilt: Ist die Sparsumme bis zur Rente trotz Förderung gering, wird das Ersparte auf einen Schlag ausgezahlt und kann sofort genutzt werden.

Der Regelfall ist allerdings, dass man als Riester-Rentner sein Geld in monatlichen Raten ausgezahlt bekommt. Um davon wirklich zu profitieren, sollte man schon ohne Riester-Rente mindestens so viel Einkommen haben wie die Grundsicherung ausmacht - je nach Kommune meist rund 700 bis 800 Euro. Liegt das eigene Einkommen darunter, wird die Riester-Rente auf die Grundsicherung angerechnet und ist futsch.

Sobald Riester-Rentner diese Schwelle überspringen, lohnt es sich für sie sofort. Auch und gerade wer ordentlich verdient und mehrere Kinder hat, kann bei der Riesterförderung mehr als ein Drittel seiner Einzahlung vom Staat geschenkt bekommen .

Arbeitnehmer, die lange Zeit nur den Mindestlohn bekommen, werden das nicht schaffen. Damit sich Riestern für sie lohnt, brauchen sie andere Einkommen - etwa von ihrem Partner oder durch eine Erbschaft. Haben sie das nicht, kann es cleverer sein, einfach auf die staatliche Grundrente zu setzen und sich die eigene Altersvorsorge zu schenken. So bitter das klingt.


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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.