Unternehmen in der Kritik Darf Ritter-Sport-Schokolade nicht Schokolade heißen?

Der Schokoladenhersteller Ritter bringt eine Sorte auf den Markt, die in Deutschland angeblich gar nicht Schokolade heißen darf – und wettert gegen hiesige Gesetze. Ernährungsministerin Klöckner widerspricht.
Ritter-Sport-Schokoladen (Symbolbild): Neue Sorte mit Kakaosaft statt Zucker gesüßt

Ritter-Sport-Schokoladen (Symbolbild): Neue Sorte mit Kakaosaft statt Zucker gesüßt

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Alexander Blum / dpa

Von Ritter Sport gibt es eine neue Sorte: in bekannt quadratischem Format und mit jeder Menge Kakao. Doch die neueste Kreation des Schokoladenherstellers dürfe in Deutschland angeblich nicht Schokolade heißen, behauptet das Unternehmen.

Ritter Sport stützt sich bei seiner Behauptung auf das hiesige Lebensmittelrecht. Laut der deutschen Verordnung über Kakao- und Schokoladenerzeugnisse  aus dem Jahr 2003 bestehe eine Schokolade nicht nur aus Zutaten wie Kakaomasse, Kakaopulver und Kakaobutter, sondern zwingend auch aus Zucker. Dieser Zucker aber fehle im neuen Ritter-Sport-Produkt mit dem Namen Cacao y Nada (Kakao und nichts).

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Zum Süßen verwendet das Unternehmen aus Waldenbuch bei Stuttgart nach eigenen Angaben stattdessen natürlichen Kakaosaft, den es auf einer Plantage in Nicaragua extra aus Kakaofrüchten gewinnt.

Rechtlich gesehen sei die Schoko-Tafel damit aber keine Schokolade mehr. So zumindest deutet es das Unternehmen unter Berufung auf die Kakaoverordnung.

Ritter Sport beklagt sogar, das deutsche Lebensmittelrecht sei in diesem Punkt nicht mehr zeitgemäß. Dass eine Schokolade, die vollständig aus Kakao bestehe und ohne den Zusatz von Zucker auskomme, hierzulande nicht als solche bezeichnet werden dürfe, sei »absurd«, ließ sich Firmenchef Andreas Ronken zitieren. »Wenn Wurst aus Erbsen sein darf, braucht Schokolade auch keinen Zucker. Aufwachen!« Eine Ritter-Sport-Sprecherin sagte, man setze sich für eine Änderung der Verordnung ein.

Das Ministerium dementiert

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) widerspricht der Darstellung. Ritter Sport dürfe das neue Produkt sehr wohl Schokolade nennen, sagte sie  der »Wirtschaftswoche «. »Die Kakaoverordnung begrenzt die Verwendung zuckerhaltiger Zutaten nicht auf bestimmte Zuckerarten. Deshalb müsste ein Produkt, das natürlichen Kakaosaft verwendet, nach Einschätzung unseres Ministeriums auch unter der Bezeichnung Schokolade verkauft werden dürfen.« Auch das in Baden-Württemberg für die Lebensmittelüberwachung zuständige Landesverbraucherschutzministerium widersprach der Darstellung des Unternehmens mit Sitz in Waldenbuch bei Stuttgart.

Ist der Aufschrei von Ritter Sport am Ende also nur ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Diese Aufmerksamkeit hat das Unternehmen womöglich nötig. Ritter musste in den vergangenen zwei Jahren jeweils Umsatzrückgänge verkraften, erlöste 2020 mit seinen 1650 Mitarbeitern noch 470 Millionen Euro.

Tatsächlich zeigt ein Blick in die Kakaoverordnung, dass Schokolade als ein »Erzeugnis aus Kakao-Erzeugnissen und Zuckerarten« definiert wird. Was jedoch unter »Zuckerarten« fällt, lässt sie offen. Zieht man die Zuckerartenverordnung zurate, liefert diese zwar Definitionen etwa zur erforderlichen Zusammensetzung von Zucker, listet aber nicht erschöpfend alle Zuckerarten auf. Auch die Kakaoverordnung bestätigt in Paragraph 5, Absatz 2, dass es noch andere Zuckerarten gibt als die, die in der Zuckerartenverordnung gelistet sind. Mit anderen Worten: Was eine Zuckerart ist, ist nicht geregelt.

Der Hamburger Lebensmittelrechtler Andreas Schulte sagte dagegen der Nachrichtenagentur dpa, die rechtliche Einschätzung von Ritter Sport dürfte korrekt sein. »Nach meiner Einschätzung ist es so, dass das Unternehmen sein Produkt wohl nicht Schokolade nennen darf.« Der Verbrauchergedanke sei in diesem Zusammenhang wichtig – »und die Menschen denken eben bei einer Schokolade, dass dort unter anderem Zucker drin sein muss«.

Auch Ritter Sport selbst bleibt auf Anfrage der dpa bei seiner Rechtsauslegung. Den Vorwurf, sich einen PR-Gag geleistet zu haben, wies eine Sprecherin zurück. Natürlich habe man den Fall vorab »sehr intensiv« geprüft, bevor man an die Öffentlichkeit gegangen sei. Nach Durchsicht aller Verordnungen sei man zu dem Schluss gekommen, das neue Produkt nicht als Schokolade bezeichnen zu dürfen. An dieser Sichtweise habe sich auch nichts geändert.

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Fassung dieser Meldung fußte auf der Darstellung von Ritter Sport. Demnach dürfe das neue Produkt in Deutschland nicht Schokolade genannt werden. Dieser Darstellung widerspricht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Auch unter Experten ist sie zumindest umstritten, wie nachträgliche Recherchen ergeben haben. Wir haben den Text deshalb umfangreich korrigiert und bitten um Entschuldigung.

apr/caw/dpa