Gerichtliche Niederlage gegen Ritter Sport Stiftung Warentest kämpft um ihre Glaubwürdigkeit

Die Stiftung Warentest hat im Schokoladenstreit mit Ritter Sport eine empfindliche Niederlage vor Gericht erlitten - jetzt steht ihr bisher fast makelloser Ruf auf dem Spiel. Die Verbraucherschützer sehen sich weiter im Recht, sie wollen gegen das Urteil Berufung einlegen.
Zentrale der Stiftung Warentest in Berlin: "Wer, wenn nicht die Stiftung Warentest, darf den Finger in die Wunde legen?"

Zentrale der Stiftung Warentest in Berlin: "Wer, wenn nicht die Stiftung Warentest, darf den Finger in die Wunde legen?"

Foto: imago

Der Vorsitzende Richter Peter Lemmers erhebt sich von seinem Platz, "im Namen des Volkes", sagt er im Saal 501 des Münchner Landgerichts - es ist eine eigenartige Atmosphäre, in der das Urteil im Streit zwischen Ritter Sport und der Stiftung Warentest ergeht: Wäre am Montag nicht die Presse in dem Saal versammelt, hätte Richter Lemmers das Urteil in einen leeren Raum gesprochen. Weder die Verbraucherschützer noch das Familienunternehmen aus dem schwäbischen Waldenbuch hatten einen Vertreter nach München geschickt.

Das Urteil mit dem Aktenzeichen 9 O 25477/13 ging entsprechend per Fax an die Konfliktparteien. Seit Wochen liefern sie sich eine Auseinandersetzung, die als "Schokoladenstreit" bekannt geworden ist. Im Mittelpunkt des Konflikts: das Vanillearoma Piperonal, das die Warentester in der Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport entdeckt hatten. Dieser Stoff, der unter anderem in Pfeffer und Vanille vorkommt, sei chemisch hergestellt worden, hatte Stiftung Warentest behauptet. Der Schokolade verpassten die Tester daraufhin das Urteil "mangelhaft". Begründung: Ritter Sport spreche im Zutatenverzeichnis ausschließlich von natürlichen Aromen, betreibe damit "Irreführung".

"In unbilliger Weise"

Entsprechende Behauptungen dürfen die Warentester jetzt nicht weiter verbreiten. Zwar könne sich die Verbraucherorganisation bei ihren im Interesse der Allgemeinheit durchgeführten Tests auf "eine weitgehende Meinungsäußerungsfreiheit" berufen, urteilte das Gericht - aber auch dafür gebe es Grenzen: Ritter Sport dürfe nicht "in unbilliger Weise" in seiner Marktstellung beeinträchtigt werden. Das Testurteil der Stiftung stütze sich auf eine Auslegung der Europäischen Aroma-Verordnung, "die unzutreffend und nicht mehr vertretbar" sei. Außerdem, so das Gericht, hätten die Verbraucherschützer in ihrer Testberichterstattung "die Gründe für ihre Erwägungen nicht offengelegt". Der Verbraucher könne so gar nicht nachvollziehen, warum die Stiftung zu ihrer Bewertung gelangt sei.

Es dauerte am Montag nicht lange, bis die Stiftung Warentest sich meldete: Die Verbraucherschützer wollen gegen das Urteil Berufung einlegen. Weder Ritter Sport noch der Holzmindener Aromenlieferant Symrise hätten im bisherigen Verfahren den "tatsächlichen Herstellungsprozess" offengelegt, erklärten die Verbraucherschützer.

Es geht um viel in dem Rechtsstreit, für beide Seiten: So sehr sich Unternehmen über gute Urteile der Stiftung freuen und diese werbewirksam als Gütesiegel auf Verpackungen drucken, so sehr zittern sie vor schlechten Noten. Die Hefte der 1964 gegründeten Stiftung Warentest sind in den vergangenen Jahren zu einer Art Bibel für kritische Verbraucher aufgestiegen.

Hunderte Beschwerdemails an Ritter Sport

Auch Ritter Sport bekam dies zu spüren. Man habe nach dem Testurteil "Hunderte Mails und Briefe" mit negativen Kommentaren erhalten, sagte eine Unternehmenssprecherin SPIEGEL ONLINE. Zwar sei man angesichts des Urteils "erleichtert", dennoch habe Ritter Sport einen "Imageschaden" erlitten. Zu möglichen Umsatzverlusten infolge des Warentest-Urteils wollte sich die Sprecherin nicht äußern. Man werde jetzt aber intern diskutieren, wie man nach dem Urteil weiter vorgehen wolle. Einem weiteren Verfahren würde man aus "gestärkter Position" entgegensehen, erklärte das Unternehmen.

Heikel ist die Situation jetzt für die Stiftung Warentest: Die mit Steuermitteln geförderte Organisation genießt einen hervorragenden Ruf. Ein Drittel der Bürger lasse sich bei Kaufentscheidungen von ihren Testergebnissen leiten, hatte einst eine Umfrage ergeben. Die Verbraucherschützer genießen demnach sogar höheres Vertrauen als etwa die Polizei, das Deutsche Rote Kreuz oder Greenpeace.

Wenn sich eine solche Institution einen Fehler leistet, steht der Vertrauensvorschuss schnell auf dem Spiel. 2002 lag die Stiftung Warentest einmal mächtig daneben: Damals waren erstmals Finanzprodukte getestet worden, Hunderte Riester-Rentenversicherungen hatten die Tester unter die Lupe genommen. Doch im Testurteil gab es einen erheblichen Fehler. Die Verwaltungsgebühr der Versicherungsverträge war doppelt berechnet worden, so dass 62 Versicherer eine zu schlechte Bewertung erhielten. Die Stiftung entschuldigte sich öffentlich, nahm die entsprechende "Finanztest"-Ausgabe vom Markt und verschickte Zehntausende korrigierte Tabellen an Abonnenten.

Nach dem Münchner Urteil gibt sich Stiftung Warentest aber demonstrativ entspannt: Es sei "nicht schön", vor Gericht zu verlieren, sagte Alleinvorstand Hubertus Primus SPIEGEL ONLINE. "Aber wir stehen jetzt auch erst am Anfang des Verfahrens. Die Sache muss für den Verbraucher geklärt werden." Es gehe um die Frage, wie Piperonal hergestellt werden darf, "damit es nach der Aromen-Verordnung als natürliches Aroma gilt". Der Imageschaden für die Stiftung halte sich in Grenzen, so Primus: "Wer, wenn nicht die Stiftung Warentest, darf den Finger in die Wunde legen?"