Handy-Abzocke Deutschland liegt nicht in der EU

Endlich unbeschwert im Ausland mit dem Handy telefonieren - dank strenger Vorgaben aus Brüssel. Aber aufgepasst: Den Mobilfunkanbietern bleibt eine Möglichkeit, Verbraucher nach Strich und Faden abzuzocken.
Telefonieren in der EU: Bei Telefonaten keine Einheitlichkeit

Telefonieren in der EU: Bei Telefonaten keine Einheitlichkeit

Foto: Daniel Naupold/ dpa

Mein Freund Nikolai stammt aus Bulgarien. Er besitzt eine bulgarische Handynummer, sie beginnt mit +359. Jedes Mal, wenn ich Nikolai anrufe, werde ich ein wenig unruhig. Was wird mich dieser Spaß wohl kosten?

Ich erinnere mich vage, dass die Europäische Union für Handygespräche mit dem Ausland, neudeutsch: Roaming, Preise festgesetzt hat - auf dass uns die Mobilfunkanbieter nicht mehr abzocken.

Der Minutenpreis, den uns die Telekom und Konsorten berechnen dürfen, sinkt seit Inkrafttreten der Roaming-Verordnung jedes Jahr. Pünktlich zur Urlaubszeit trat am 1. Juli 2014 die finale Stufe des Gesetzes in Kraft. Abgehende Gespräche (wenn man also von seinem Handy jemanden anruft) dürfen nun nur noch 0,19 Euro kosten, ankommende nur noch 0,05 Euro.

Und so beschließe ich, mir wegen meines bulgarischen Kumpels nicht allzu viele Sorgen zu machen. Wir sind beide oft auf Reisen, und wenn ich irgendwo auf meinen Flieger warte, rufe ich gerne Nikolai an und frage ihn, wo er sich gerade aufhält.

Neulich klingelte ich aus Bologna durch und erwischte ihn in Sofia. Wir führten ein längeres Telefonat, und als ich im folgenden Monat meine Congstar-Mobilfunkrechnung überprüfte, fand ich auf dem Einzelverbindungsnachweis für das Gespräch einen erfreulich kleinen Betrag. Von Luxemburg aus hatte ich ein weiteres Telefonat mit Nikolai geführt - auch dieses hatte mindestens 20 Minuten gedauert, kostete jedoch kaum vier Euro.

Bravo, Europäische Kommission - das ist mal eine Verordnung, wie sie sich der Verbraucher wünscht.

Tolles Gesetz mit kleinen Lücken

Einen Monat später fällt mir auf, dass meine Handyrechnung diesmal exorbitant hoch ist. Deshalb gehe ich die Posten durch. Darunter ist einer, der mit fast 30 Euro zu Buche schlägt - ein Anruf auf Nikolais bulgarischer Nummer.

Ich rechne nach. Das Gespräch dürfte netto nur 3,80 Euro gekostet haben, 20 mal 0,19 Euro. Deshalb schreibe ich an Congstar und moniere, hier liege wohl ein Irrtum vor. Die Antwort kommt prompt:

"Bitte beachten Sie, dass die Verbindungspreise innerhalb der EU ausschließlich für Gespräche aus dem Ausland gültig sind. Verbindungen aus Deutschland ins EU Ausland werden gemäß unserer Preisliste mit … 1,49 ins Mobilfunknetz berechnet."

Im Klartext heißt das: Wer mit einem deutschen Handy von Luxemburg nach Bulgarien oder von Dänemark nach Italien telefoniert, zahlt pro Minute 0,19 Euro - den EU-Tarif. Wer sich hingegen in Deutschland aufhält (wie ich während des fraglichen Gesprächs) und ins Ausland telefoniert, der zahlt bei Congstar das Achtfache. Denn Deutschland liegt, zumindest nach deren tariflicher Logik, außerhalb der EU.

Das erscheint mir derart gaga, dass ich mir zum Vergleich die Tarife anderer deutscher Anbieter anschaue. Und tatsächlich, auch dort gilt: Mit dem deutschen Handy vom Ausland ins Ausland zu telefonieren, ist inzwischen erheblich billiger, als von Deutschland ins Ausland zu telefonieren. Die Telekom etwa nimmt für letzteres einen Minutenpreis von 0,29 Euro. Die E-Plus Tochter Base ruft bis zu 0,75 Euro auf, Vodafone sogar bis zu 0,98 Euro.

Ist das denn zulässig?

Dürfen die das? Ja, sie dürfen. Denn die Telefontarife innerhalb eines Landes unterliegen nicht der EU-Regulierung. In Deutschland werden beispielsweise die Festnetztarife von der Bundesnetzagentur überwacht, der Mobilfunk ist weniger stark reguliert. "Der Preis von 1,49 Euro", erklärt eine Sprecherin der Bundesnetzagentur, "ist zwar hoch, aber rechtlich nicht angreifbar."

Anders ausgedrückt: Gespräche ins Ausland sind einer der wenigen verbliebenen Bereiche, in denen die Anbieter richtig hinlangen dürfen. Und sie tun dies mit Gusto.

Ein Congstar-Sprecher teilt auf Anfrage mit, die Verbindungspreise seien "aufgrund anderer Voraussetzungen und Vorleistungen nicht vergleichbar". Man empfehle den Kunden, für Gespräche von Deutschland ins Ausland lieber das Festnetz zu benutzen.

Rechtlich mag diese Abzockerei zulässig sein. Frech ist sie dennoch. Sie widerspricht, so finde ich, der Idee eines schrankenlosen Europas, auf dem ja letztlich auch die Roaming-Verordnung beruht. Niemand lebt mehr auf seiner nationalen Insel - wir alle haben Freunde, Familienmitglieder oder Kollegen in anderen europäischen Ländern. Wir können sie jederzeit besuchen, ohne Geld tauschen oder unseren Pass vorzeigen zu müssen.

Wäre es nicht schön, wenn auch bei Telefonaten Einheitlichkeit gälte?

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