Fakten zu Saisonarbeitern Wer die Spargel- und Erdbeerernte rettet

Die deutsche Landwirtschaft ist auf Saisonarbeiter aus dem Ausland angewiesen. Woher kommen die Menschen, die trotz Corona unsere Ernte retten sollen? Und was verdienen sie?

Im März ging es los mit den Hamsterkäufen. Davon betroffen war nicht nur das inzwischen medial überpräsente Klopapier; schnell leerten sich täglich auch die Regale mit Mehl, Nudeln, Öl, Hülsenfrüchten und anderen landläufig als Grundnahrungsmittel bezeichneten Produkten - ein Zustand, der vielerorts bis heute anhält. Der Nachschub an frischem Obst oder Gemüse (auch diese zählen zu den Grundnahrungsmitteln) lief bisher reibungsloser ab, doch für einige heimische Produkte könnte sich das nun ändern - darunter sind auch saisonale Lieblinge wie Erdbeeren und Spargel. 

Im Gegensatz zur Getreideernte, die großflächig maschinell durchgeführt werden kann, kommt es bei vielen Feldfrüchten auf manuelle Vorsicht an, denn die Konsumenten schätzen möglichst makellose Produkte ohne Ernteschäden; nur für die höchste Güteklasse können auch die höchsten Preise verlangt werden. Viele landwirtschaftliche Betriebe heuern daher für diese anstrengende Handarbeit kurzzeitig beschäftigte Erntehelfer an, um auf veränderliche Umstände wie Wetter- und Marktbedingungen flexibel reagieren zu können.

Schon für den März bezifferte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) den Bedarf an Saisonkräften auf mindestens 30.000 externe Helfer und sagte eine Steigerung der Nachfrage auf etwa 85.000 zusätzliche Arbeiterinnen und Arbeiter bis Mai voraus.  

Per Sondergenehmigung sorgten Klöckner und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) dafür, dass im April und Mai jeweils 40.000 Erntehelfer in Deutschland stechen, pflücken und sammeln dürfen. Die meisten kommen aus Osteuropa und werden mit Sonderflügen der Lufthansa-Tochterfirmen Eurowings und SunExpress nach Deutschland gebracht. 
Größere Effekte für die kriselnde Fluglinie dürfen bezweifelt werden; deutschen Landwirten aber wird es zumindest helfen, den lohnenden Abschluss der sogenannten Vegetationsperiode auch im weltweiten Lockdown-Modus möglichst lukrativ zu gestalten. 

Das Vorgehen ist umstritten: Kritiker monieren mangelnden Schutz der Arbeiter vor dem Coronavirus. Im baden-württembergischen Bad Krozingen südwestlich von Freiburg starb vor einer Woche ein rumänischer Erntehelfer nach einer Corona-Infektion. 

Das Statistische Bundesamt sammelt die Zahlen über den Einsatz von Arbeitskräften in der Landwirtschaft immer über einen Zeitraum von vier Jahren; der Zensus für den Zeitraum von 2017 bis 2020 wird daher erst im kommenden Jahr veröffentlicht. Normalerweise greift die deutsche Landwirtschaft auf knapp 300.000 Saisonarbeiter pro Jahr zurück.

Viele Erntehelfer konnten diesmal bis zum Beginn der Ausnahmeregelung schlicht nicht anreisen, weil in Deutschland und den Heimatländern der Saisonarbeiter Reisen und Grenzübertritte strengen Regeln unterworfen waren. In den Niederlanden fiel die kurze, aber lukrative Tulpensaison fast vollständig aus. Schon im März wurden im Nachbarland rund 400 Millionen Blumen geschreddert. Der Grund: geschlossene Blumengeschäfte, geschlossene Grenzen. Nicht nur die deutschen Landwirte, auch viele ausländische Arbeitskräfte kalkulieren mit dem Ertrag der Saison.

Seit Jahren wird um die Saisonarbeiter in der Landwirtschaft gestritten. Zunächst ging es um Dumpingpreise, Arbeitsplätze und einen Mindestlohn. Seit dem 1. Januar 2018 muss allen Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft der gesetzliche Mindestlohn gezahlt werden; im Jahr 2019 betrug der festgesetzte Mindestlohn noch 9,19 €, seit 2020 sind es 9,35 Euro pro Zeitstunde. 

Hinsichtlich ausländischer Spargelstecher und Erntehelfer reagierte die Bundesregierung Ende März zunächst mit einer Lockerung der Arbeitsbedingungen: Inzwischen dürfen die Saisonkräfte in einem kurzfristigen Beschäftigungsverhältnis 115 Arbeitstage sozialversicherungsfrei arbeiten statt der bisher vorgeschriebenen Obergrenze von 70 Tagen; die Regelung gilt bis Oktober. Außerdem ist in der Coronakrise die Arbeitnehmerüberlassung ohne Erlaubnis möglich - wichtig, damit die Erntehelfer kurzfristig auch bei anderen Arbeitgebern einspringen können.

Insgesamt werden in Deutschland 10,7 Millionen Hektar Bodenfläche landwirtschaftlich genutzt. Obst wird auf gut 66.000 Hektar kultiviert, Gemüse auf etwa 31.000 Hektar. Es verblüfft etwas, dass der Anbau jener Produkte, zu deren Ernte jedes Jahr zusätzliche Arbeitskräfte importiert werden, einen so geringen Anteil an der in ganz Deutschland bewirtschafteten Bodenfläche einnimmt. Aber es handelt sich ja auch um Saisonprodukte, deren kurze Verweildauer in den Geschäften viele Deutsche jedes Jahr herbeisehnen.  

 

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