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Schlechte Bankberatung Teufelszeug für Ahnungslose

Die Lehman-Pleite kostete Zehntausende Deutsche hohe Summen - sie besaßen Zertifikate der US-Investmentbank. Das Horrorszenario könnte sich wiederholen, die Zockerpapiere werden wieder gut verkauft. Und die rechtlichen Grenzen sind weit gesteckt.

Die Ahnungslosigkeit ist erschreckend. Sie glaubte "in etwas Deutsches zu investieren", erklärt eine 73-jährige Rentnerin. Weil die Beraterin immer Lehmann sagte, statt englisch Lehman. Das Gespräch dauerte zehn Minuten - und natürlich hatte die ehemalige Büroangestellte danach keine Ahnung, was Zertifikate sind. Doch sie vertraute "ihrer" Bank. "Ich war schon viele Jahre dort." So steckte sie 18.000 Euro in Produkte der US-Investmentbank. Große Teile ihrer gesamten Altersvorsorge. Dass das Geld einfach weg war, als Lehman Brothers unterging, kam wie ein Schlag ins Gesicht.

Ähnlich erging es Tausenden von Bankkunden. Seit dem Kollaps der Bank am 15. September 2008 verging kein Tag ohne neue Horrormeldungen von Anlegern, die sich von ihren Banken betrogen und belogen fühlten. Und Anwälte sind überzeugt: Es ist nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten riesigen Skandal. "Ich wüsste keine Mechanismen, die den Eintritt solcher Szenarien künftig verhindern", sagt etwa Rechtsanwalt Matthias Schröder aus Frankfurt trocken.

Vor allem die Entwicklung auf dem Zertifikatemarkt beunruhigt Anlegerschützer. In den ersten Wochen nach dem dramatischen Untergang von Lehman wagte kaum ein Bankberater, die plötzlich berühmt gewordenen Finanzprodukte im Kundengespräch auch nur zu erwähnen. Die komplizierten Produkte, die auf das Fallen oder Steigen von Aktienindizes, Rohstoffpreisen oder Währungen wetten, hatten ihren miesen Ruf weg.

Doch das Gedächtnis der Anleger ist kurz. Im zweiten Quartal ist das Geschäft wieder mächtig angesprungen. In nur drei Monaten stieg das Marktvolumen von 80 Milliarden auf 89 Milliarden Euro. Beim Deutschen Derivate Verband (DDV) glaubt man, bald das Niveau früherer Jahre wieder erreichen zu können, in der Spitzenzeit waren das 139 Milliarden Euro.

Zertifikate sind Teufelszeug für Anleger

"Gute Gründe für Zertifikate" wirbt der Verband auf seiner Web-Seite. "Renditechancen in jeder Marktsituation", heißt es weiter - die richtige Wette bringt schließlich auch in Krisenzeiten Gewinn.

Für viele Anlegerschützer sind Zertifikate allerdings Teufelszeug. Viel zu komplex seien die Papiere, als dass sie einem Laien in einem normalen Beratungsgespräch erklärt und von diesem "dann auch noch überwacht werden könnten", empört sich Rechtsanwalt Björn Wieg von der Kanzlei Baum Reiter & Collegen. Die Zeitschrift "Finanztest" kam nach einem Zertifikate-Test zum Schluss: "Das versteht kein Mensch". "Wir haben uns die Zahlungsbedingungen angeschaut und sind der Meinung, dass viele dieser Produkte den meisten Privatkunden gar nicht verkauft werden dürften", heißt es in dem Bericht.

Selbst DDV-Geschäftsführer Hartmut Knüppel, der die geschmähten Assets sonst wortreich verteidigt, sagt: "Ein Anleger sollte nur das Wertpapier kaufen, das er versteht."

Doch dafür muss der Kunde es erklärt bekommen. Irgendeiner muss verständlich machen, was Begriffe wie Limit-Orders, Geld-Brief-Spanne und Credit Spreads bedeuten. Und wie ein Zertifikat funktioniert, das sich gleich auf mehrere Basiswerte bezieht. Viele Kunden vertrauen in solchen Fragen ihrem Bankbetreuer immer noch wie Patienten dem Hausarzt. Doch das Problem ist: Der Betreuer im Geldinstitut verdient erst dann richtig, wenn er irgendetwas macht mit dem Ersparten seines Schützlings.

Die Beratungspraxis in den Banken habe sich auch nach der Finanzkrise kaum geändert, heißt es bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Viele Kundenbetreuer drängten Anleger sogar noch stärker als früher zu Risiko-Investitionen. Auf einer Web-Seite für Bankangestellte, die von der Gewerkschaft Ver.di ins Leben gerufen wurde, gehen Horror-Berichte ein. Von einer "Vertriebshölle", von "unerträglichem" Verkaufsdruck ist da die Rede.

Beratungsprotokolle können dem Kunden schaden

Der Arbeitgeberverband des privaten Bankgewerbes verteidigt die Branche: Diese Bericht seien "nicht repräsentativ", viele Banken seien dabei, ihre Anreizsysteme konsequent auf Kundenzufriedenheit zu überprüfen.

Anwälte wie Wieg und seine Kanzleikollegen haben nach Jahren praktischer Erfahrung allerdings jede Illusion über die Selbstregulierungskräfte der Branche verloren. In einem Buch* haben sie von der Kreditvergabe über den Zertifikateverkauf bis hin zu windigen Immobiliengeschäften zig Möglichkeiten zusammengetragen, wie Anleger übers Ohr gehauen werden können. Das Fazit ihrer Recherchen: "Falschberatung muss richtig teuer werden."

Im Falle der Banken lautet ihre Forderung: Die Beweislast muss umgekehrt werden. Sobald der Kunde sich betrogen fühlt, müsste die Bank aufzeigen, dass sie unschuldig ist. Im Moment liegt die Bringschuld beim - oft ahnungslosen - Anleger.

Um das zu ändern, müsste der Gesetzgeber ran. Doch auf den Druck der Bankenlobby hin wurden radikale Überlegungen schnell fallengelassen. Stattdessen versuchte die Große Koalition, über eine verbesserte Dokumentationspflicht Bankberater in die Pflicht zu nehmen. Ein neues Gesetz verlangt nun, dem Kunden ein Gesprächsprotokoll auszuhändigen. Bislang blieben die Unterlagen in den Schubladen der Kundenbetreuer.

Anwälte sind daher skeptisch. Schließlich ist alles eine Frage der Formulierung. "Das ist außerdem wie beim Beipackzettel eines Medikaments", sagt Jurist Schröder. Wenn der Fachmann das Dokument als Formsache abtue, werde der Kunde ihm womöglich glauben. "Am Ende des Tages ist im Streitfall das Protokoll dann das Verteidigungspapier für die Bank", warnt Schröder.

Wenn überhaupt müsse ein extra Risiko-Zettel eingeführt werden, findet der Frankfurter: Punkt für Punkt müssten dort die Gefahren eines Investments kurz aufgelistet werden. Am besten sollte der Kunde die Warnhinweise auch noch unterschreiben müssen.

Die Mischung macht's

Die SPD will es für den Kunden sogar noch einfacher machen. Sie fordert eine Ampel-Kennzeichnung für Finanzprodukte. Doch die simple Idee, Anlagen rot, grün und gelb anzumalen, könnte an der Komplexität der Kapitalmarktwelt scheitern. Weil ein Produkt für einen Anleger maßgeschneidert und für den anderen eine Fehlinvestition sein kann. Schließlich macht vor allem die richtige Mischung ein gutes Depot aus.

Wie schwierig die Klassifizierung von Tausenden Anlageprodukten mit drei Farben ist, hat eine Broschüre der Verbraucherzentrale Hamburg gezeigt. Der "Ampelcheck Geldanlage" löste einen Sturm der Empörung aus. Ein Anbieter von Lebensversicherungen erwirkte eine einstweilige Verfügung, die die Verbreitung stoppte. Ein Professor wetterte öffentlich gegen die Bewertungskriterien, nach denen etwa die staatlich geförderte Rürup-Rente eine rote Markierung bekam.

Dabei hätte etwa die Düsseldorfer Rentnerin bei ihren Lehman-Papieren eine Ampel-Kennzeichnung sicher gut brauchen können. Es sei ihr bei ihren Geldanlagen "immer vor allem um die Sicherheit" gegangen, sagt sie. Ein rot etikettiertes Produkt hätte sie niemals gekauft.


*Abkassiert. Die skandalösen Methoden der Finanzbranche, Rowohlt-Verlag, Erscheinungsdatum: 18. September 2009

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