Schuldeneintreiber Verbraucherschützer prangern Inkasso-Abzocke an

Phantasiegebühren, Einschüchterung, horrende Forderungen: Die Inkassobranche gerät wegen Abzockermethoden ins Visier von Verbraucherschützern. Laut einer Studie blähen die Aufschläge der Schuldeneintreiber die fälligen Rechnungen um die Hälfte auf. Behörden bleiben meist untätig.

Brief eines Inkassobüros: Gebühren nach Gutsherrenart?
DPA

Brief eines Inkassobüros: Gebühren nach Gutsherrenart?


Hamburg - Es ist ein Extremfall, aber er zeigt die Auswüchse einer umstrittenen Branche: Ein Kunde bekommt eine Rechnung über 20,84 Euro. Weil er diese nicht zahlt, wächst die Forderung bis auf 1200 Euro an. Der Grund: Phantasiegebühren, Aufschläge und Zinsen eines Inkassounternehmens, das vom Gläubiger beauftragt wurde, um die Forderung einzutreiben.

Dieser Fall - von Fachleuten "angeschwollene Bagatellforderung" genannt - taucht in einer Studie auf, die die Verbraucherzentralen am Donnerstag vorgestellt haben. Diese haben 4000 Beschwerden gesammelt und ausgewertet, die bei ihnen allein zwischen Juli und September eingingen. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, zeigt aber, wie groß das Problem unseriöser Methoden in der Inkassobranche ist.

Die Kritik der Verbraucherschützer: Inkassounternehmen könnten "ihre Gebühren nach Gutsherrenart nahezu willkürlich festlegen". 99 Prozent der Beschwerden über unseriöse Praktiken seien berechtigt. Meist stünden unberechtigte Forderungen im Zusammenhang mit untergeschobenen Verträgen - zum Beispiel durch Abofallen im Internet, unerlaubte Telefon- oder Gewinnspielwerbung.

"Viele Betroffene zahlen aus Unkenntnis und Angst selbst unberechtigte Forderungen", sagt Olaf Weinel, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Rund ein Viertel der befragten Kunden fühlten sich bedroht und eingeschüchtert. Gedroht werde mit Hausbesuchen, einem Eintrag bei der Schufa oder der Pfändung von Lohn und Konten. Ein Inkassounternehmen habe Detektive beauftragt, "die Vermögens- und Arbeitsverhältnisse des Schuldners auszuspionieren - wegen einer Hauptforderung von 15,87 Euro".

80 Aufsichtsbehörden, kaum Konsequenzen

Die meisten Beschwerden entfielen der Untersuchung zufolge auf die Deutsche Zentral Inkasso GmbH. 40 Prozent der befragten Verbraucher beschwerten sich über das Unternehmen. Das Inkassounternehmen äußerte sich auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE zunächst nicht zu den Vorwürfen. Auf der Homepage ist lediglich eine kostenpflichtige 0900-Nummer angegeben, Anrufe blieben erfolglos, auch auf eine Anfrage per E-Mail gab es zunächst keine Reaktion.

Laut den Verbraucherzentralen betrifft jede siebte Beschwerde zudem nicht registrierte Unternehmen - solche also, die überhaupt keine Schulden eintreiben dürfen. Den Kunden stoße vor allem die mangelnde Transparenz der Kosten auf: Unterm Strich erhöhte sich die Summe der Hauptforderungen bei den 4000 Beschwerdefällen um 52 Prozent. Bei den Fällen aus der Schuldnerberatung wuchs die ursprüngliche Rechnung sogar um 266 Prozent an, heißt es in der Untersuchung.

Die Verbraucherschützer fordern nun von der Regierung, das Problem anzugehen: "Unseriöses Inkasso ist eine Plage", sagt Gerd Billen, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. "Abzocke und Einschüchterung müssen endlich gestoppt werden." Die Branche brauche Regeln, verlässliche Gebührenvorgaben und eine schlagkräftige Aufsicht. Zuständig sei das Bundesjustizministerium von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die FDP-Ministerin müsse stärker gegen unlautere Praktiken vorgehen, fordert Billen.

Denn derzeit seien rund 80 Aufsichtsbehörden für Inkassofirmen zuständig. Im vergangenen Jahr ergab eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, dass bundesweit gerade mal zwei Unternehmen die Zulassung entzogen wurde, nachdem Schuldner sich beschwert hatten.

Billen kritisiert, die Unternehmen könnten derzeit weitgehend unkontrolliert agieren. Die Folgen seien verheerend: Es gebe in der Branche weder eine Gebührenordnung noch konkrete Informationspflichten. Das Fazit des Verbraucherschützers: "Ein Mangel an effektiven Kontrollen und Sanktionen ist geradezu eine Einladung für Betrüger."

cte



insgesamt 93 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
breisig 01.12.2011
1. titel
wer braucht diese parasitäre branche eigentlich? wenn man den inkassojungs nix zahlt gehts eh übern anwalt ans gericht. den weg könnte man auch direkt wählen. wobei abmahnanwälte (abofallen, gewinnspiele, unrichtige widerrufsbelehrung bei ebay...) auch eher bemitleidenswert sind.
Katagi 01.12.2011
2. Also
beim lesen dachte ich ja erst das wäre ein Artikel über die GEZ. ^^
cucco 01.12.2011
3. Schufa spielt mit
Ein Mobilcom Vertrag kam durch einen betrügerischen fliegenden Händler an einem Stand im Einkaufszentrum zustande. Meine Reklamationen bei Mobilcom nützten nichts, die Firma beauftragte eine Inkassofirma ( Vervielfältigung der Rechnung um das 5-fache) und machte einen Eintrag bei der Schufa. Das brachte mir z.B. die Streichung als Anwärter in einem Wohnungsbau Unternehmen. Der danach eingeschaltete Anwalt erreichte einen verzicht von Mobilcom auf ihre Forderung einschliesslich der Inkassofirma. Der Schufa Eintrag jedoch blieb bestehen. Die Schufa hatte Ausreden wie: "wir finden Ihre Akte nicht" !
beobachter1960 01.12.2011
4. .
Eine FDP-Ministerin auffordern etwas gegen Abzocke durch "Wirtschaftsunternehmen" zu unternehmen, lustig. Was kommt als Nächstes: Echten Verbraucherschutz durch Ministeriun Aigner?
xees-s 01.12.2011
5. Dies stimmt leider
Und erschwerend kommt hinzu, dass Rechtspfleger Mahnbescheide nicht prüfen und diese Phantasiegebühren auch noch in den Mahnbescheid mit aufnehmen. Da müsste doch auffallen dass die Hauptforderung nur 50% höher ist als die Nebenforderungen. Die Kontoführungsgebühren, Ermittlungskosten bei bekannten Adressen, Abzahlungsgebühren zusätzlich zu den Zinsen und zusätzlich zu den Inkassogebühren nehmnen selbst nahmhafte Inkassounternhmen wie Creditreform in Anspruch. Selbst wenn bekannt ist dass ein Insolvenzverfahren läuft wird ein Inkassobüro eingeschaltet obwohl endeutig nicht erlaubt. Aber seit der Kohlzeit und Schröder die soziale Marktwirtschaft Stück für Stück abgeschaft wurde und angebliche Arbeitsplätze geschützt werden müssen dürfen Unternehmen nahezu alles machen da sämtliche Kontrollen abgeschafft wurden oder durch "Selbstkontrolle" ersetzt wurden. Der kleine Mann kann sich ja nicht wehren, besonders dann nicht wenn er eh keine Mittel übrig hat. Zudem ist das Risiko eines Prozesses zu hoch, da sich kein Anwalt für 100,- Euro Streitwert aus dem Fenster lehnt. Diese Zeiten sind schlmmer als zu Kaisers Zeiten vor über 100 Jahren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.