Letzter Shoppingtag in Berlin Sturm vor der Ruhe

Am Tag vor dem Shutdown stürmen die Deutschen ein letztes Mal in die Innenstädte zum Shoppen. Doch was vor ein paar Wochen noch als »patriotische Pflicht« galt, ist vielen mittlerweile unangenehm.
Von Jonas Schulze Pals, Berlin
Menschen vor dem Einkaufscenter Alexa in Berlin: Stress und Shopping-Scham

Menschen vor dem Einkaufscenter Alexa in Berlin: Stress und Shopping-Scham

Foto: Meklit Tsige / DER SPIEGEL

Jennifer Tusun läuft mit suchendem Blick durch die engen Gänge eines Spielwarengeschäfts im Alexa Shoppingcenter in Berlin. Auf den Regalen um sie herum türmen sich die Verpackungen von Lego-Sets und Gesellschaftsspielen. Doch Tusun hält nach etwas anderem Ausschau. Sie will ihren Neffen, zwei und vier Jahre alt, Pulver schenken, mit dem sich das Wasser beim Baden einfärben lässt. Sie kaufe nicht gern im Internet ein, sagt die 38-Jährige. »Das ist mir alles zu viel dort«. Deshalb will sie die letzte Möglichkeit nutzen, ein Geschäft zu betreten.

So wie Jennifer Tusun geht es vielen Menschen am Tag vor dem harten Shutdown. Zu Hunderttausenden strömen sie ein letztes Mal auf die Einkaufsmeilen und in die Shoppingcenter des Landes. Kurz vor Heiligabend noch schnell Geschenke kaufen, das geht in diesem Jahr nicht. Ab Mittwoch müssen die meisten Einzelhändler ihre Geschäfte schließen – bis mindestens 10. Januar, vielleicht auch noch länger. Nur so, das ist die Hoffnung von Politikern und Virologen, lässt sich die Corona-Pandemie eindämmen. 

Die Lage ist paradox: Eigentlich soll der Shutdown dafür sorgen, dass die Menschen sich seltener treffen. Doch in den letzten Tagen vor seiner Vollstreckung bewirkt er genau das Gegenteil. Viele wollen die letzte Chance nutzen.   

Auch das Alexa Shoppingcenter füllt sich an diesem Dienstag mit jeder Stunde spürbar. Schnell bilden sich lange Schlangen vor kleinen Läden und den Geschäften bekannter Modemarken. Derweil kontrollieren Sicherheitsleute, dass es in der Mall nicht zu voll wird und alle ordnungsgemäß ihre Masken tragen. Auch Bildschirme und Durchsagen weisen auf die bestehenden Hygieneregeln hin. Rot-weißes Flatterband versperrt den Zugang zu allen Sitzmöglichkeiten.  

Ganz wohl fühlt sich Jennifer Tusun bei ihrem Einkauf trotzdem nicht. »Ich bin generell schon kein Fan von Weihnachtsshopping, aber mit Corona ist das alles noch mal unangenehmer«, sagt sie. Die Menschen hielten die Abstände nicht vernünftig ein. Deshalb wolle sie nur noch schnell das Pulver kaufen und dann ihre Neffen vom Kindergarten abholen.  

DER SPIEGEL

»50 Prozent halten sich an die Regeln« 

Auch Frederik Jauch stört sich an der mangelnden Disziplin der Last-minute-Shopper. Der 26-Jährige leitet ein Geschäft der Modemarke Tommy Hilfiger. Seine braunen Haare hat er zu einem Zopf zusammengebunden. Während des Gesprächs vergräbt er seine Hände in seinem grauen Pullover.  

Erst heute Morgen habe er wieder einen Kunden darauf hinweisen müssen, die Maske vernünftig zu tragen, erzählt er. »Meine Wahrnehmung ist, dass sich 50 Prozent der Leute an die Regeln halten und 50 Prozent nicht so viel Rücksicht nehmen.« Trotzdem fühle er sich sicher, weil wir »hier im Laden auf die Hygieneregeln achten«.  

Jauch hat Verständnis dafür, dass er sein Geschäft jetzt abermals schließen muss, auch wenn es ihn schmerzt. »Vielleicht könnten wir jetzt schon wieder aufmachen, wenn wir früher in den harten Lockdown gegangen wären«, sagt er. Hinterher sei man aber natürlich immer schlauer. 

Shoppingmall in Berlin: Nur der Essensbereich ist leer

Shoppingmall in Berlin: Nur der Essensbereich ist leer

Foto: Meklit Tsige / DER SPIEGEL

Dass die Menschen in den letzten Tagen vor dem Shutdown in die Innenstädte stürmen, hat die Politik mitzuverantworten. Ende November hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den Erhalt des Einzelhandels noch zu einer »nationalen, ja auch einer patriotischen Aufgabe« erklärt. 

Die Botschaft ist offensichtlich angekommen. Lara Hasic etwa hat sich bewusst dazu entschieden, das Buch, das sie ihrem Vater schenken will, in einer Buchhandlung zu kaufen. Und eben nicht bei Amazon. Die 23-Jährige studiert Kommunikationsdesign in Berlin. In den kommenden Tagen möchte sie zurück in ihre Heimat Karlsruhe fahren. Ganz sorgenfrei ist sie dabei nicht. Denn auch ihre Großmutter wird beim Weihnachtsfest dabei sein.  

Die Bereitschaft der Last-minute-Einkäufer, mit Journalisten zu sprechen, ist nicht besonders groß. Viele sind einfach nur im Stress, bei einigen spielt aber womöglich auch die neue Shopping-Scham eine Rolle. Es ist ihnen offenbar unangenehm, zu denen zu gehören, die sich kurz vor dem Shutdown noch mal freiwillig unter Menschen begeben.

Während auf den unteren Etagen des Einkaufszentrums reges Treiben herrscht, ist ein großer Teil des oberen Stockwerks fast komplett verwaist: der Essensbereich. Nur wenige Restaurants haben überhaupt noch geöffnet. Normalerweise stärken sich hier die Gäste des Shoppingcenters nach einem anstrengenden Einkaufstag. Doch nun sind die Tische abgesperrt. Um die Pizzen, Wraps und Burritos essen zu dürfen, muss man das Haus verlassen. Das ist unattraktiv.  

Manche kommen zum Bummeln 

»Vor Corona hatten wir 24 Kunden in einer Stunde, jetzt sind es 24 in sechs Stunden«, sagt Guido Paeske. Er betreibt seit zwei Jahren den mexikanischen Imbiss Bocadillos. Doch von hier oben bekommen Restaurantbesitzer wie er nur wenig mit vom letzten großen Ansturm, der unten tobt. 

Manch einer begibt sich sogar freiwillig in diesen Sturm – ganz ohne Geschenkedruck. Meike Möller und ihr Mann Björn haben eigentlich schon alles für ihre Kinder besorgt. Ins Shoppingcenter sind sie heute trotzdem gekommen. »Zum Bummeln«, sagt Meike, »wir hatten einen Termin in Berlin und wollten noch die Zeit ohne unsere Kinder genießen.«  

Das Paar lebt mit drei Kindern in Magdeburg. An Weihnachten und Silvester werden beide arbeiten müssen. Schichtdienst in einem Logistikzentrum von Amazon.