US-Hochgeschwindigkeitszug Kaliforniens neuer Goldrausch

Es ist Amerikas Jahrhundertprojekt, 68 Milliarden Dollar teuer: In Kalifornien soll die erste Hochgeschwindigkeits-Zugstrecke der USA entstehen. Denn die Infrastruktur der Supermacht bröckelt längst. Auch Siemens will von dem futuristischen Traum profitieren.

California High-Speed Rail Authority

Aus Sacramento berichtet


Hier beginnt also Amerikas Zukunft. Eine erste Schienentrasse am Stadtrand von Sacramento, 800 Meter lang, schnurgerade. An einem Ende steht eine fabrikneue Lokomotive, Modell ACS-64, die kräftigste Elektrolok, die sie haben, am anderen verliert sich die Strecke im Gras.

Ein bezeichnender Anblick. Auch wenn dies nur eine Teststrecke ist. Immerhin: die bisher einzige ihrer Art, nicht nur in Kalifornien, sondern in den gesamten USA. "Wir hoffen", sagt Armin Kick und grätscht gekonnt über ein Sumpfloch, "dass wir bald anfangen können."

Kick ist US-Entwicklungschef für Hochgeschwindigkeitsbahnen bei Siemens. Sein Dienstsitz ist die kalifornische Hauptstadt, wo Siemens zurzeit in einem großen Werk Nahverkehrszüge und Straßenbahnen baut, für Städte wie San Diego, Atlanta und Minneapolis. Bald aber sollen hier noch ganz andere Züge entstehen: Amerikas erster "Bullet Train".

Der Standort Sacramento ist kein Zufall. Nach jahrzehntelangen Aufschüben und Absagen, Prozessen und Politdramen soll im Golden State, dem Paradies der alten Wildwest-Pioniere, nun tatsächlich die erste Highspeed-Bahnstrecke der USA entstehen. Hier, so hoffen sie, lockt Kaliforniens neuer Goldrausch.

Mit 350 Stundenkilometern durchs Central Valley, von Los Angeles nach Sacramento in nur drei Stunden, mit einer Abzweigung nach San Francisco: Der futuristische Traum gärt seit den achtziger Jahren. Jetzt endlich soll das Jahrhundertprojekt realisiert werden - Präzedenzfall für eine Nation, deren bröckelnde Infrastruktur den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts längst nicht mehr standhält.

Kaliforniens Highspeed-Zug in der Computersimulation
California High-Speed Rail Authority

Kaliforniens Highspeed-Zug in der Computersimulation

US-Präsident Barack Obama steht dahinter, sein bahnbegeisterter Vize Joe Biden sowieso. Gouverneur Jerry Brown und seine Demokraten im Landesparlament haben den Weg gebahnt. Der Spatenstich für das 68-Milliarden-Dollar-Vorhaben ist für Ende 2014 avisiert, die ersten Züge sollen 2022 fahren. "In 50 Jahren", glaubt Kick, "wird Kalifornien ohne Highspeed-Strecken undenkbar sein."

Es bleibt wohl auch keine andere Möglichkeit. Der US-Staat erstickt am eigenen Wachstum: Die Einwohnerzahl wird bis 2030 von 38 auf 60 Millionen ansteigen. Die übliche Flickschusterei - mehr Autos, mehr Autobahnen, mehr Flüge - reicht schon lange nicht mehr aus.

Einzige Alternative: Superzüge

"Die Frage ist längst nicht mehr ob, sondern wann", sagt Jeff Morales, Vorstandschef der federführenden California High-Speed Rail Authority (CHRA) in Sacramento. Morales trat sein Amt vor zwei Jahren an, nachdem die vorherige CHRA-Führung vor allem wegen unzuverlässiger Kostenrechnungen in die Kritik geraten war. "Wir arbeiten hart", sagt er, "um diese Sorgen aus der Welt zu schaffen."

Geplante Strecke
CHSRA

Geplante Strecke

Aus seinem Bürofenster blickt Morales aufs State Capitol, wo er lange Zeit mit heftigem politischen Widerstand zu kämpfen hatte. Erst Gouverneur Jerry Brown, der den Republikaner Arnold Schwarzenegger 2011 ablöste, sorgte für die erforderliche Mehrheit.

Gerichtsklagen von Gegnern und Anwohnern der Trasse quälen sich zwar weiter durch die Instanzen und blockieren einen Teil der Finanzierung. Doch Morales erinnert daran, dass auch Kaliforniens berühmtestes Verkehrsprojekt anfangs auf laute Proteste stieß - die Golden Gate Bridge: Deren Bau verhinderten selbst rund 2300 Klagen nicht.

Der Auftrag für den ersten Highspeed-Streckenabschnitt im Wert von zwei Milliarden Dollar, um den sich fünf Baukonzerne beworben haben, soll im Frühjahr vergeben werden. "Wir preschen an mehreren Fronten voran", sagt Morales. "In den nächsten Monaten geht's konkret los."

Der wichtigste Schritt ist jedoch der Bau der Züge. Die CHRA schrieb den Milliardenauftrag im Januar aus, im Paket mit Amtrak: 15 Superzüge für Kalifornien, Mindestgeschwindigkeit 320 Stundenkilometer, plus 28 weitere für Amtraks Nordostroute von Washington nach Boston.

Avisierter Highspeed-Bahnhof in Sacramento
California High-Speed Rail Authority

Avisierter Highspeed-Bahnhof in Sacramento

Und eben diesen Auftrag will sich Siemens sichern. Sein Bahn-Design beruht auf dem deutschen Velaro-Modell - aber möglichst ohne dessen Probleme: Die US-Version, versichert Kick, "entspricht amerikanischen Vorschriften".

Der Auftrag passt auch gut in die neue USA-Strategie von Siemens-Chef Joe Kaeser: "Die USA", sagte der neulich in einer Rede in Texas, "sind wieder, so wie sie es in meinen Augen immer waren, der Ort, wo man sein muss."

Die Highspeed-Bewerbungsfrist endet Mitte Mai. Sieben Rivalen aus aller Welt buhlen um den Zuschlag. "Wir sind guter Hoffnung", sagt Kick diplomatisch, mehr darf er nicht sagen.

Statt dessen wirbt er mit seiner Erfahrung in Europa - und der bisherigen Präsenz in Sacramento. Seit 1992 produziert Siemens in dem 35.000 Quadratmeter großen, überwiegend mit Solarstrom betriebenen Werk im Jahr rund hundert Bahnwaggons - sowie 70 Elektroloks, von denen es die ersten kürzlich feierlich an Amtrak übergab.

An einer Hallenwand zeigt ein riesiges Werbeplakat, wie der neue Hochgeschwindigkeitszug aussehen könnte. Eine Wiese am Rande des Geländes ist bereits für die neue Fabrikhalle reserviert. "Für mich", sagt Kick, "ist das alles hier ein Probelauf."

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Seite 1
grover01 13.03.2014
1.
Zitat von sysopCalifornia High-Speed Rail AuthorityEs ist Amerikas Jahrhundertprojekt, 68 Milliarden Dollar teuer: In Kalifornien soll die erste Hochgeschwindigkeits-Zugstrecke der USA entstehen. Denn die Infrastruktur der Supermacht bröckelt längst. Auch Siemens will von dem futuristischen Traum profitieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/siemens-in-kalifornien-konzern-will-hochgeschwindigkeitszug-bauen-a-957569.html
Ein futuristischer Traum von Politikern, der den Steuerzahler Milliarden kostet, bei 68 wird es sicherlich nicht bleiben. Wenn es wirklich Bedarf für so eine Strecke gäbe, dann hätten sich längst private Investoren gefunden. So wird es ein dauerhaftes Subventionsgrab. Es gibt also nicht nur bei uns größenwahnsinnige Politiker.
staubtuch 13.03.2014
2. Klimaanlage
Wenn die Klimaanlage geht, sollte es mit der Bewerbung klappen. Schneehemmnisse sind in Kalifornien weniger häufig, zumindest außerhalb der Hochgebirgsregion.
was..soll..das?? 13.03.2014
3. schade
wo ist der hochgeschwindigkeitszug aus dem land der dichter und denker...sorry land der hüter des besitzstandes und der angst vor neuem....der fährt in china. kein wunder bei der unterstützung den das projekt bekam und den durcheinander bei der bahn, speziell bzgl. eines hoch geschwindigkeits konzeptes: Tipp ein hochgeschwindigkeitszug Berlin köln sollte nicht in spandau, wolfsburg hannover, hamm, duisburg....köln deutz- vielleicht einmal in Hannover um ein umsteigen zu erlauben zu dem anderen hochgeschwindigkeitszug hh München. schade, kaufen wir lieber die technologie als sie zu verkaufen und im eigenen land zu entwickeln. noch ein tipp entwicklung von technologie sichert arbeitsplätze...
rabandie 13.03.2014
4. Als ich neulich…
mit dem TGV von Paris zurück nach Deutschland fuhr, kam im Zug - genüsslich in 3 Sprachen die Durchsage: "Meine Damen und Herren, unser Zug hat leider fast eine Viertelstunde Verspätung, denn vor uns fährt so ein deutscher TGV (gemeint war ICE) der wegen dauernder technischer Probleme auf 200 Stundenkilometer begrenzt ist" Na dann - viel Glück, Siemens!
exil-deutscher 13.03.2014
5. Wahnsinn...
... Los Angeles - Sacramento, ca. 640 km in "nur" 3 Stunden. Wo und wie lange fährt der Zug dann seine Top-Speed von 350 km/h??? Mit der wäre er ja deutlich schneller am Ziel. Aber am Ende ist es ein Projekt á la Deutsche Bahn, wo Theorie und Praxis meilenweit auseinanderdriften. Schade.
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