Geringere Sozialabgaben Wie Sie mehr von Ihrer Betriebsrente haben

Von vielen unbemerkt hat die GroKo beschlossen, auch Betriebsrentner zu entlasten. Achtung: Wer sich das angesparte Geld nicht auf einen Schlag auszahlen lässt, spart meist mehr.

Ulrich Baumgarten via Getty Images

Eine Kolumne von


Die Große Koalition hat sich am vergangenen Wochenende auf mehr Geld für ein bis eineinhalb Millionen arme Rentner und für vier Millionen Betriebsrentner geeinigt.

Über den Grundrentenkompromiss, der mehr Geld für einkommensschwache Rentnerinnen und Rentner vorsieht, ist viel geschrieben worden. Mit 1,5 Milliarden Euro im Jahr soll geholfen werden, im Schnitt gibt es also für Betroffene 1000 Euro im Jahr. Deutlich weniger beachtet wurde die Aufbesserung für die Millionen von Betriebsrentnern.

Betriebsrentner sparen ab 2020 jährlich 1,2 Milliarden Euro Kassenbeiträge

Was also ändert sich? Ein von der Koalition vereinbarter neuer Freibetrag sorgt dafür, dass Sie als Betriebsrentner über 1,2 Milliarden Euro weniger Beiträge in die gesetzliche Krankenkasse und für die Pflegeversicherung zahlen müssen. Vorausgesetzt, der Gesetzesentwurf passiert noch in diesem Jahr den Bundestag, werden viele von Ihnen monatlich über 25 Euro Beiträge sparen - 300 Euro im Jahr.

Ausgangspunkt für die Betriebsrentnerfinanzspritze ist eine Entscheidung der rot-grünen Koalition aus dem Jahr 2003. Damals entschied die Regierungsmehrheit, dass Betriebsrentner ab 2004 den vollen Beitrag für Krankenkasse und Pflegeversicherung zahlen müssen - und zwar allein. Die Milliardenspritze half damals den Krankenkassen aus einem Finanzloch.

Hätte das allein schon für Aufruhr gesorgt, brachte eine spezielle Ausgestaltung der Neuregelung die Betriebsrentner erst recht auf die Palme. Alle alten Verträge waren betroffen, also auch Millionen Verträge, die in der Gewissheit abgeschlossen wurden, für diese Rente nicht ins Sozialsystem einzahlen zu müssen. Denn etliche Sparer hatten für das Geld, das sie in die Betriebsrente steckten, schon einmal Krankenkassenbeiträge bezahlt.

Befriedung im Dauerstreit

Der oftmals doppelte Betrag wurde immerhin nicht für kleine Betriebsrenten verlangt, sondern zuletzt erst ab 155 Euro im Monat. Das betrifft aber immer noch vier Millionen der 6,5 Millionen Betriebsrentner. Besonders ärgerlich für die Betroffenen: Sie müssen die Abgaben auf die volle Betriebsrente zahlen - und nicht nur auf den Betrag, der 155 Euro übersteigt.

Eine Klagewelle und politische Proteste folgten, kaum eine Seniorengruppe ist politisch so gut organisiert wie die Betriebsrentner. Rentnergruppen bearbeiteten ihre Bundestagsabgeordneten, der Bundestag beschäftigte sich in der vergangenen und der aktuellen Legislaturperiode mit dem Problem, Klagen gingen bis vors Bundesverfassungsgericht.

Mehr als sechs Milliarden Euro kassieren die Krankenkassen aktuell im Jahr bei den Betriebsrentnern. Doch alle Klagen blieben lange vergebens. Noch im Frühjahr 2019 hatte Kanzlerin Angela Merkel persönlich einen 3 Milliarden Euro teuren Reformvorschlag verhindert, den ihr Gesundheitsminister Jens Spahn zur Befriedung der Gemüter geplant hatte.

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  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Erst am vergangenen Wochenende kam dann der Gesinnungswandel: Zwar mochte die Regierung die Regelung nicht rückgängig machen, rang sich aber durch, für die Zukunft der doppelten Beitragszahlerei die Spitze zu nehmen.

Für die ersten knapp 160 Euro Betriebsrente sollen ab 2020 keine Krankenkassenbeiträge mehr fällig werden, egal wie hoch die Betriebsrente insgesamt ist. Das bedeutet: Abhängig von der Krankenkasse sparen Betriebsrentner rund 18 Prozent Kranken- und Pflegeversicherung. Das macht fast 29 Euro im Monat. Und der Schwellenwert von 160 Euro soll in Zukunft Jahr für Jahr automatisch an die steigenden Renten angepasst werden.

Jetzt profitieren also auch die vier Millionen Betriebsrentner, die viel Geld für ein großes Zubrot zur Seite gelegt haben. Knapp zwei Millionen beziehen deutlich mehr als 300 Euro Rente, mehr als zwei Millionen zwischen 160 und 320 Euro.

  • Wem hilft die neue Regelung nun konkret?

Der Punkt ist: Im Osten gibt es weniger Betriebsrentner, und Frauen können tendenziell weniger Geld in die Betriebsrente einzahlen. Nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Altersvorsorge (aba) profitieren zu 60 Prozent Männer, aber nur zu 40 Prozent Frauen. Und nur einer von acht entlasteten Betriebsrentnern lebt im Osten. Das kann man als Ausgleich sehen für die Frauen und Männer aus dem Osten, die bei der Grundrente profitieren werden.

  • Auf einen Schlag auszahlen lassen - eine weniger gute Idee

Die Anpassung der Beiträge sollen die Krankenkassen ab Januar 2020 automatisch umsetzen. Betriebsrentner im Rentenbezug oder diejenigen, die sich ihre Rente auf einen Schlag haben auszahlen lassen und über 10 Jahre lang Abgaben zur Sozialversicherung leisten, müssen also nichts tun.

Anders ist es für künftige Betriebsrentner. Sie sollten noch mal nachrechnen, welche Rentenvariante für sie die beste ist. Viele können entscheiden, ob sie die Rente sofort in einer Summe ausgezahlt bekommen wollen oder tatsächlich als Rente.

Eine Frage dabei war immer die nach der Steuer: Alte Verträge vor 2005, in die versteuertes Einkommen eingezahlt wurde, können steuerfrei auf einen Schlag ausgezahlt werden. Bei neueren Verträgen haben Einzahlende beim Sparen Steuern gespart, müssen aber im Alter Steuern zahlen. Das bleibt gleich.

  • Betriebsrentner müssen künftig genau nachrechnen

Bei der Krankenkasse aber gilt es genau zu rechnen: Das liegt an den Besonderheiten der eingeführten Beitragsermittlung für Betriebsrentner.

Entscheidend für den Beitrag zur Krankenkasse und Pflegeversicherung ist nämlich entweder die Rente selbst, oder bei einer Auszahlung auf einen Schlag eine fiktive Rente, bei der die Krankenkassen die Auszahlung gedanklich auf 10 Jahre (120 Monate) verteilen und so die fälligen Beiträge ausrechnen.

Was bedeutet die fiktive Rente? Sie sorgt dafür, dass im Vergleich zur realen Rente deutlich schneller Krankenkassenbeiträge fällig werden. 160 Euro mal 12 Monate sind 1920 Euro, mal 10 Jahre sind 19.200 Euro. Wer sich also im Jahr 2020 mehr als 20.000 Euro Betriebsrente auf einen Schlag auszahlen lässt, muss Krankenkassenbeiträge zahlen. Weniger als die 3000 Euro, die bisher fällig wurden, aber eben rund 18 Prozent von der Summe, die über die 19.200 Euro hinausgeht.

Wer die monatliche Auszahlung wählt, kann künftig womöglich mit 50.000 Euro auf dem Rentenkonto in den Ruhestand gehen, muss aber keine Beiträge zahlen, weil die Versicherer auch bei so hohen Summen nur Renten von knapp 160 Euro oder gar weniger ausrechnen.

Bei gar nicht so seltenen 100.000 Euro auf dem Betriebsrentenkonto wird der Unterschied noch deutlicher. Die fiktive Rente beträgt 800 Euro, Monat für Monat würden 115 Euro Kranken- und Pflegeversicherung fällig - über 10 Jahre mindestens 13.800 Euro.

In der realen Rente fließen erst mal oft nur 320 Euro aufs Konto, der Sozialversicherungsbeitrag ist aber auch nur 29 Euro, also knapp 3500 Euro in den ersten 10 Jahren. Also in den ersten 10 Jahren 10.000 Euro weniger für die Kasse.

Die meisten Betriebsrentner entscheiden sich heute, das Ersparte fürs Alter auf einen Schlag auszahlen zu lassen.

Das muss nicht so bleiben.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
muelk 16.11.2019
1. Immerhin ein erster Schritt
Aber immer noch zu kompliziert. Der Nachteil ist insgesamt ungerecht und gehört nach wie vor komplett abgeschafft
Daxobert 16.11.2019
2. Der Betrug bleibt bestehen
Altverträge von Direktversicherungen, die oft deutlich vor 2004 abgeschlossen wurden, werden mit 30 Euro pro Monat nur minimal entlastet. Viele Betroffene haben aber über 40 Jahre eine größere Summme angespart, im festen Glauben, dass diese Kapital-Lebensversicherung ohne Sozialabganen ausgezahlt wird. Dies 2004 rückwirkend (!!) zu ändern, ist der große Betrug, den SPD, CDU und Grüne begangen haben. Die betrogenen Rentner werden sich nicht damit beschwichtigen lassen, dass ihnen nun eine Mini-Entlastung gewährt wird. Ein Diebstahl von 100 Euro wird nicht besser, wenn man dem Beklauten zehn Euro zurück gibt- genau so stellt sich das aber die Groko vor. Die Groko hat noch nicht realisiert, was sich da an Wut zusammenbraut. In der Tat organisieren sich die betrogenen Rentner immer besser, etwa im Verein der Direktversicherungsgeschädigten, der bundesweit immer neue Regionalgruppen gründet, die den Wahlkreis-Abgeordneten Druck machen. So lange der Betrug nicht korrigiert wird, werden die Betroffenen nicht locker lassen, denn nichts motiviert so gut, wie die unglaubliche Unverfrorenheit der Politiker, die sich skrupellos am Ersparten des kleinen Mannes bedienen. Dass die SPD den Anstoß dazu gab und Finanzminister Scholz bis heute eine Korrektur ablehnt, ist besonders traurig und wird den Niedergang der SPD zu Recht weiter beschleunigen.
egonist 16.11.2019
3. 2 Betriebsrenten
werden bei 2 oder mehr Betriebsrenten bis €160 die Auszahlungen zusammengerechnet?
bassinc 16.11.2019
4. Hauptproblem nicht gelöst
Für die Direktversicherten mit Verträgen von vor 2004 geht es nicht um eine Entlastung, sondern um die Rückabwicklung eines Betrugs. Nur eine Entschädigung der Direktversicherungsbetrogenen stellt wieder Gerechtigkeit her. Solange das nicht der Fall ist, gilt: Finger weg von jeglicher betrieblichen Altersvorsorge! Diesen rückwirkenden Eingriff in Versicherungsverträge haben wir den Parteien CDU/CSU, SPD und Grüne zu verdanken. Das sollten sich die Wähler für kommende Wahlen merken.
Alter Falter 16.11.2019
5. Jämmerliche Entscheidung
Was für eine jämmerliche Entscheidung. Doch zunächst einmal: Dies als _ENTLASTUNG_ der Betriebsrentner zu bezeichnen (so wie es BM Spahn formuliert hat) ist erst einmal purer Zynismus. Es geht es hier nicht um eine "Entlastung", sondern, wenn überhaupt, um eine Entschädigung. Und die ist lächerlich. Entlastung hört sich so an, als würde die Politik uns etwas Gutes tun, für was wir dankbar sein sollen, dabei muss es um Wiedergutmachung eines Betruges gehen! Und dann: Tut mir leid, aber ich lasse mich nicht mit Almosen abspeisen. Freigrenze bis 155.-€? Sorry, selten so bitter gelacht. Als wären 155.-€ eine solide private Vorsorge. Die Doppelverbeitragung von Betriebsrenten und Direktversicherungen ist und bleibt ein bisher einmaliger Betrug an Bürgern, die der Politik vertraut haben und bis 2003 privat vorgesorgt haben. Solange es keine totale Rückabwicklung dieser Ungeheuerlichkeit gibt, bleibt bei SPD/GRÜNE/CDU/CSU das Kreuz auf dem Wahlzettel weg.
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