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08. August 2015, 16:24 Uhr

Pacta sunt servanda

Was die Sparkasse vom Lateinlehrer lernen kann

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Die Sparkasse? Ein Hort der Verlässlichkeit, denken viele. Wenn es dort schon keine guten Zinsen gibt, dann doch wenigstens einen ehrlichen Umgang? Die Sparkasse Ulm nährt allerdings gerade Zweifel daran - sie will sich nicht an Verträge halten.

Pacta sunt servanda. Verträge müssen eingehalten werden - das ist einer der Sätze, die mir aus dem Lateinunterricht in der siebten Klasse erhalten geblieben sind. Der Lateinlehrer hieß übrigens Eugen Richter.

Manche Sparkassen sind offenbar der Meinung, dass dieser Kernsatz einer jeden Rechtsordnung für sie nicht gilt. Jedenfalls dann nicht, wenn der Vertrag zwar dem Kunden nützt, der Sparkasse aber gleichzeitig schadet.

Jedenfalls ist die Sparkasse in der schwäbischen Universitätsstadt Ulm vor zwei Jahren auf den Gedanken gekommen, teure Ratensparverträge als für sich nicht mehr bindend zu betrachten. Man sehe sich nicht mehr in der Lage, die Verträge so fortzuführen, teilte der Sparkassenvorstand mit. Auf eine ordentliche Kündigung der Verträge verzichtet die Sparkasse allerdings.

Mehr als 20.000 sogenannte Scala-Verträge hatte die Sparkasse zwischen 1993 und 2005 verkauft. Die Verträge hatten eine variable Grundverzinsung und sahen für die Sparer einen attraktiven Bonus vor. In Werbeflyern rechnete das Geldinstitut den Kunden Renditen vor, die einer effektiven Verzinsung von bis zu sechs Prozent entsprachen. Dazu kam der Clou, dass die Sparer ihre monatlichen Einzahlungen auch ohne Zustimmung der Bank auf bis zu 2500 Euro erhöhen konnten. Ebendiese Erhöhungen wollte die Sparkasse nicht mehr mitmachen.

14.000 Kunden ließen sich von der Bank aus den Verträgen drängen, bei 4000 hält die Bank den Schaden für nicht so groß, aber bei weiteren 4000 Verträgen geht es seit Monaten zur Sache.

Doch das Geldinstitut will nicht aufgeben. Und im deutschen Rechtssystem bedeutet das dann, dass im Zweifel jeder einzelne Kunde gegen die Sparkasse klagen muss, um sein Recht zu bekommen.

Was die Sparkassen-Manager offenbar nicht bedenken: Eine solche Entscheidung bringt nicht nur die konkreten schwäbischen Kunden auf, denen die Sparkasse ihre vorteilhaften Verträge wegnehmen will. Die Entscheidung der Sparkassen-Oberen aus dem Südwesten wirft auch ein schlechtes Licht auf die Verlässlichkeit von Sparkassen allgemein.

Verlässlichkeit und Vertrauen gehören aber zum Imagekern der Sparkassen. Verlässlichkeit statt guter Konditionen möchte man fast sagen. Denn bei den aktuell besten Zinsen können Sparkassen oft nicht mithalten. Unsere Analyse bei "Finanztip" ergibt: Ein Prozent Zinsen sind beim Tagesgeld drin. Viele Sparkassen zahlen nur 0,05 Prozent. 1,6 Prozent sind beim Festgeld drin, viele Sparkassen zahlen nur ein Zehntel davon.

Verlässlichkeit ist auch die entscheidende Komponente beim langfristigen Sparen, zum Beispiel bei Riester-Banksparverträgen, also Sparprodukten, bei denen manche Sparkassen aktuell sogar ganz gut mithalten kann.

Herr Richter, der Lateinlehrer, war übrigens auch Leiter der Theater-AG, in der mein jüngerer Bruder später als Brecht-Schauspieler reüssierte. Und aus Brechts "Dreigroschenoper" stammt der legendäre Satz, der die Skepsis vieler Bürger gegen das Bankwesen auf den Punkt bringt: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Eigentlich steht da ja nicht Sparkasse.

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