Wie Eltern am besten schenken Muss man Kindern jeden Spielzeug-Wunsch erfüllen?

Die Tochter wünscht sich eine Barbie, die Eltern möchten lieber eine Tigerente schenken: Welche Entscheidung ist dann richtig? Eine Expertin weiß Rat.

Junge im Kinderzimmer: Spielsachen lieber in Schachteln verstauen
DPA

Junge im Kinderzimmer: Spielsachen lieber in Schachteln verstauen

Ein Interview von


Hamburg - Rund eine Million Produkte werden auf der Spielwarenmesse in Nürnberg präsentiert, darunter 75.000 Neuheiten. Der Verein "spiel gut" hat seit 60 Jahren ein ambitioniertes Ziel: Er will aus dem unüberschaubaren Angebot die empfehlenswerten Spielsachen herausfiltern. Mehr als ein Dutzend "spiel gut"-Mitglieder machen sich ab Mittwoch in Nürnberg auf die Suche. Etwa 600 Spielsachen werden von "spiel gut" jährlich bewertet - in Testfamilien und von einem Fachgremium. Rund die Hälfte bekommt das "spiel gut"-Siegel. Diese Produkte präsentiert der Verein dann auf seiner Webseite.

Ingetraud Palm-Walter testet seit mehr als 30 Jahren Spielzeug für den Verein. Im Interview warnt sie vor den Verkaufstricks der Hersteller und erklärt, wie Eltern gute Spielsachen finden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Palm-Walter, jedes Jahr sitzen Eltern enttäuscht unterm Weihnachtsbaum oder am Geburtstagstisch. Sie haben sich so viel Mühe beim Geschenkeeinkauf gegeben, und dann schaut ihr Kind das Geschenk nur kurz an und legt es zur Seite. Was haben die Eltern falsch gemacht?

Fotostrecke

14  Bilder
Wettrüsten im Kinderzimmer: Die Roboter kommen

Palm-Walter: Wenn das Kind schon älter war, dann hätte es sich wohl etwas anderes gewünscht. Wenn kleine Kinder so reagieren, dann wurde wahrscheinlich ihr Interesse nicht geweckt. Vielleicht hat das Kind gar nicht begriffen, was hinter der Verpackung steckt oder was es mit dem Spielzeug anfangen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und wie finden Eltern das richtige Spielzeug - auch dann, wenn Kinder ihre Wünsche noch nicht selbst äußern können?

Palm-Walter: Eltern sollten ihre Kinder vor allem beobachten. Dann sehen sie, ob das Kind zum Beispiel gerne Tiere mag oder ob es sich viel bewegt und über ein Fahrzeug freut. Auch ein Entwicklungsschritt kann neue Ideen bringen. Wenn Kinder ihr Interesse für Stifte entdecken, dann haben sie vielleicht Lust auf Malen. Grundsätzlich gilt: Kleinkinder brauchen Spielsachen zum Stapeln, Bauen und auch Liebhaben. Auch Bewegung, Gestalten und Experimentieren und Rollenspiele sollten Spielsachen möglich machen.

Zur Person
  • Ingetraud Palm-Walter
    Ingetraud Palm-Walter, Jahrgang 1958, ist seit 1996 im Vorstand von "spiel gut". Die Erzieherin hat drei inzwischen erwachsene Söhne und eine 19 Monate alte Enkelin. Ärger über schlechtes Spielzeug brachte Palm-Walter vor mehr als 30 Jahren zu dem Verein, der Spielsachen testet und bewertet sowie Verbraucher berät. "spiel gut" finanziert sich über den Verkauf von Ratgebern, auch das Bundesfamilienministerium gewährt einen Zuschuss. Zudem zahlen Firmen, die mit der "spiel gut"-Auszeichnung auf ihren Produkten werben, einen Pauschalbetrag. Mehreinnahmen daraus gehen zurück ans Ministerium.
SPIEGEL ONLINE: Kann ich mich denn auf Altersangaben verlassen?

Palm-Walter: Leider setzen viele Hersteller ihre Altersangaben zu weit herunter. Sie begründen das mit dem Konkurrenzkampf in der Branche und damit, dass Kinder heutzutage eine kürzere Kindheit haben und nicht mehr so lange spielen. Also wollen Hersteller früher ansetzen. Es gibt etwa schon Gesellschaftsspiele für Zwei- bis Zweieinhalbjährige. Aber wir von 'spiel gut' haben die Erfahrung gemacht, dass sich erst Kinder ab drei Jahren an Spielregeln halten können.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Spielsachen werben Hersteller damit, dass Kinder gefördert werden oder damit lernen. Was bringen denn Förder- und Lernspielsachen?

Palm-Walter: Beim Spielen lernen Kinder immer. Für ein kleines Kind ist auch das Bauen eines Turms schon anstrengend. Eltern denken, sie müssten ihre Kinder früh fördern. Der Druck ist da gestiegen. Aber wenn Kinder nicht mehr zweckfrei spielen können, dann können sie auch die Lust am Spielen verlieren. Reines Lernspielzeug sehe ich skeptisch. Das wichtigste ist, dass Kinder sich dem Spielzeug gerne zuwenden. Dadurch erfahren sie am ehesten ihre Selbstwirksamkeit und können Selbstbewusstsein entwickeln.

Fotostrecke

6  Bilder
Spielzeug-Trends: Bei Kindern beliebt, von Eltern geächtet
SPIEGEL ONLINE: Und dürfen Spielsachen auch mal blinken, dudeln und laut sein?

Palm-Walter: Auch so was darf es geben. Aber ein Übermaß an Reizen verhindert ein tieferes Spiel. Verkäufer argumentieren gerne, dass Kinder sehr bunte Sachen mögen. Eltern dürfen sich bei der Farbharmonie aber auch auf ihren eigenen Geschmack verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkenne ich denn qualitativ gutes Spielzeug?

Palm-Walter: Gutes Spielzeug muss nicht immer teuer sein. Es sollte aber Sicherheitsstandards einhalten (hier finden Sie Tipps der Verbraucherzentrale) und aus Material bestehen, das nicht schnell kaputt geht. Wenn möglich, sollten Sie Spielzeug auspacken und in die Hand nehmen. An einem Lauflernwagen oder einem Puppenwagen kann man gerne mal ein bisschen rütteln, um zu sehen, ob er wacklig ist und ob die Verbindungen halten. Bei Puppenkleidern kann man sich auf der Innenseite die Naht anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Holzspielzeug denn besser als Plastik?

Palm-Walter: Kinder sollten unterschiedliche Materialen kennenlernen. Im Sandkasten ist Kunststoff-Spielzeug einfach viel praktischer. Aber wenn ein Kind zum Beispiel sehr viel Kraft hat, kommt es vielleicht mit einem Laufrad aus Holz besser zurecht als mit einem leichten Kunststoffrad.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Eltern gehört das Tablet oder Smartphone zum Alltag. Darf man kleine Kinder schon mit Spiele-Apps hantieren lassen?

Palm-Walter: Digitale Spiele sind mit Vorsicht zu genießen. Je älter Kinder sind, desto eher kann man sie heranführen. Kinder sollten grundlegende Erfahrungen mit Dreidimensionalität haben, denn Raumerfahrung ist mit einem Tablet oder Smartphone nicht machbar.

SPIEGEL ONLINE: Auch das Gender-Thema treibt manche Eltern um. Sollte man Mädchen bewusst einen Werkzeugkasten vorsetzen und Jungs eine Puppe?

Palm-Walter: Kinder suchen sich ihr Lieblingsspielzeug selbst aus. Jungen und Mädchen sollten einfach verschiedenes ausprobieren dürfen. In den Kitas haben Kinder da eigentlich viel Auswahl.

SPIEGEL ONLINE: Und was mache ich, wenn mein Kind sich eine Barbie wünscht, ich diese Puppen aber komplett ablehne?

Kanzlerinnen-Barbie: Mit dieser Puppe kann Ihr Kind alles erreichen. Palm-Walter: Ich finde es nicht gut, Kindern Sachen zu schenken, von denen man selbst nicht überzeugt ist. Ich habe meinen inzwischen erwachsenen Söhnen zum Beispiel keinen Gameboy gekauft. Wenn Eltern nicht jeden Wunsch erfüllen, zeigt das auch, dass sie sich Gedanken machen und ihnen ihre Kinder etwas wert sind. Aber wenn man bestimmte Sachen nicht kauft, muss man dem Kind auch Alternativen anbieten.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Kinderzimmern herrscht eh schon ein Überangebot an Spielzeug. Wie kann man trotzdem das Interesse der Kinder wecken?

Palm-Walter: Ein frisch aufgeräumtes Zimmer bewirkt oft schon etwas. Denn im Durcheinander gehen viele Sachen oft unter. Eltern können auch überlegen, ob Spielsachen immer in offenen Regalen liegen müssen oder vielleicht einfach mal in einer Kiste verschwinden. Wenn man bestimmte Sachen nur begrenzt anbietet, kann die Lust aufs Spielen wieder steigen.

SPIEGEL ONLINE: Im Fachgremium von "spiel gut" beurteilen Sie jedes Jahr rund 600 Spielsachen. Was hat Ihnen zuletzt besonders gut gefallen?

Palm-Walter: Ein Bausatz für ein Rutscheauto, das vom Design her sehr schön gemacht ist. Da können sich auch schraubbegeisterte Väter gut austoben. Interessant fand ich auch, dass es Ritterburgen oder auch Schiffe aus stabilem Karton gibt, in denen Kinder spielen können. Diese Sachen kann man wieder abbauen und platzsparend zur Seite räumen.

Plüschpferd auf Piratenparteitag: Rosa und trotzdem total kritisch
DPA

Plüschpferd auf Piratenparteitag: Rosa und trotzdem total kritisch

Das Interview führte Maria Marquart



insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BettyB. 28.01.2015
1. Kaufen, warum nicht
Um aber die Bude nicht vollzustopfen, wäre es geschickt und klug, Kinder dazu zu bringen, nicht mehr genutztes Spielzeug gezielt zu verschenken oder als Spende weiterzuleiten.
Sebamo 28.01.2015
2. Muss man Kindern überhaupt einen Spielzeugwunsch erfüllen?
Ich denke, grundsätzlich nicht. Es sei denn, es handelt sich um wirklich pädagogisch sinnvolles Spielzeug. Ansonsten müssen Kinder vor allem gefordert werden, sie sollten so früh wie möglich lernen, dass das Leben nicht zum Spaß-haben da ist. Disziplin, Fleiß und Gehorsam sind mindestens genauso wichtig wie pädagogisch sinnvolles Spielzeug. Wenn das Kind seine Spielsachen nicht wegräumt, muss es sie weggenommen bekommen. Wenn das Kind nicht auf die Eltern hört, muss es ähnliche Konsequenzen geben. Gewalt ist selbstverständlich komplett tabu.
Max Super-Powers 28.01.2015
3.
Also ich sehe das ganz einfach: Zum Geburtstag, Weihnachten etc darf mein Sohn sich etwas wünschen. Das bekommt er dann auch - Punkt. Meine Frau und ich sehen keinen Sinn darin, nur nach der Maxime "Hauptsache pädagogisch wertvoll" zu handeln. Ein Kind ist ein Kind, hat kindliche Wünsche. Ins harte Leben kommt der Kleine noch früh genug. Allerdings muss ich sagen, dass er für quasi alle anderen Spielzeuge, die er übers Jahr hinweg will, sein Taschengeld opfern muss. Das hat weniger mit Geiz unsererseits zu tun, sondern eher damit, dass der Junge ein Gefühl für Geld bekommen soll. Allerdings: Trotz modernem Blinkespielzeug: Seine mit Abstand liebste Beschäftigung sind seit Jahr und Tag die vier Kisten Legoteile, aus meinen Altbeständen, die er mal bei seinen Großeltern entdeckte. Wir packten ihm noch alle auffindbaren Anleitungen dazu, und bekamen als Ergebnis, dass sich unser Junior an regnerischen Tagen problemlos mehrere Stunden alleine in seinem Zimmer mit Lego beschäftigen kann - vom Stil her würde ich mal sagen, er will Architekt werden und seine Bauwerke anschließend in den Weltraum schießen^^. Aber auf eines achte ich dann doch: Im Hintergrund läuft Bruce Springsteen und nicht etwa Zuckowski und Konsorten. Mein Sohn soll menschenwürdig aufwachsen^^
Max Super-Powers 28.01.2015
4.
Zitat von SebamoIch denke, grundsätzlich nicht. Es sei denn, es handelt sich um wirklich pädagogisch sinnvolles Spielzeug. Ansonsten müssen Kinder vor allem gefordert werden, sie sollten so früh wie möglich lernen, dass das Leben nicht zum Spaß-haben da ist. Disziplin, Fleiß und Gehorsam sind mindestens genauso wichtig wie pädagogisch sinnvolles Spielzeug. Wenn das Kind seine Spielsachen nicht wegräumt, muss es sie weggenommen bekommen. Wenn das Kind nicht auf die Eltern hört, muss es ähnliche Konsequenzen geben. Gewalt ist selbstverständlich komplett tabu.
Ohne Ihnen zu nahe zu treten, aber irgenwie kann mir Ihr Kind (so Sie denn eins haben) ein wenig Leid tun. Wo bleibt denn bei dieser Denkweise der Spaß, das "Kind-sein", das Unbeschwerte? Klar, Disziplin und Fleiß sind wichtige Tugenden, aber Kinder werden heute ja schon fast noch im Mutterleib "gefördert". Irgendwann blicken solche armen Geschöpfe zurück und fragen sich, warum sie nie eine echte, unbeschwerte Kindheit hatten. "sie sollten so früh wie möglich lernen, dass das Leben nicht zum Spaß-haben da ist". Wofür denn dann? Nur um zu arbeiten und sich abends ernst anschweigen, weil einem der Chef keine weiteren Überstunden erlaubt?
Nachtschwester Ingeborg 28.01.2015
5.
Zitat von SebamoIch denke, grundsätzlich nicht. Es sei denn, es handelt sich um wirklich pädagogisch sinnvolles Spielzeug. Ansonsten müssen Kinder vor allem gefordert werden, sie sollten so früh wie möglich lernen, dass das Leben nicht zum Spaß-haben da ist. Disziplin, Fleiß und Gehorsam sind mindestens genauso wichtig wie pädagogisch sinnvolles Spielzeug. Wenn das Kind seine Spielsachen nicht wegräumt, muss es sie weggenommen bekommen. Wenn das Kind nicht auf die Eltern hört, muss es ähnliche Konsequenzen geben. Gewalt ist selbstverständlich komplett tabu.
Ihr erster Satz erklärt den Inhalt Ihres gesamten Beitrags; wunderbar...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.