Volle öffentliche Kassen Und jährlich grüßt der Steuerrekord

Der deutsche Staat hat 2016 so viele Steuern eingenommen wie nie zuvor - genauso wie 2015, 2014, 2013 und fast jedes Jahr davor. Warum ist das so? Und zahlen die Bürger in Deutschland deshalb auch immer mehr?

Steuerakten
DPA

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Ein Gastbeitrag von Stefan Bach


"Die Überbesteuerung ist nicht ein Zwischenfall, sondern vielmehr Prinzip", schrieb Altmeister Karl Marx 1867 in seinem Hauptwerk "Das Kapital". Nicht erst heute ist die Steuerbelastung hoch. In früheren Zeiten waren die Steuern auch bei geringeren Belastungsquoten meist noch viel drückender, denn die Menschen hatten geringe Realeinkommen, viele nicht einmal genug zum Leben. Gemessen daran leben wir heute im Paradies.

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Trotzdem berichten die Medien ständig von Rekordsteuereinnahmen - wohl, um das Unbehagen an der hohen Steuerbelastung der Mittelschichten zu artikulieren. Gemeint sind damit die absoluten Steuereinnahmen in Euro pro Jahr.

Solche Rekorde sind jedoch nicht besonders überraschend, denn in einer wachsenden Wirtschaft steigen die Steuereinnahmen mit steigendem Einkommen und Konsum automatisch. Und so gibt es Jahr für Jahr "die höchsten Steuereinnahmen aller Zeiten", selbst wenn sich die Belastung gar nicht ändert und die gesamtwirtschaftliche Steuerquote konstant bleibt, und damit auch die durchschnittliche Belastung der Bürger.

Zum Autor
  • DIW
    Stefan Bach arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht er zu Steuern, Sozialpolitik und Verteilung. Sein Buch "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?" erscheint in diesen Tagen im Westend Verlag. Der Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

Tatsächlich gab es im hier betrachteten Zeitraum von 1970 bis 2016 in 43 Jahren Rekordsteuereinnahmen - nur in vier Jahren ging das Steueraufkommen zurück, nämlich 2001, 2002, 2004 und 2009. In den ersten drei dieser Jahre gab es deutliche Steuerentlastungen aufgrund der Steuerreformen der rot-grünen Bundesregierung, und das Wirtschaftswachstum war gleichzeitig zu schwach, um diese Ausfälle zu kompensieren. Im Jahr 2009 gab es die schärfste Rezession der Nachkriegszeit, bei der das Bruttoinlandsprodukt um vier Prozent zurückging - dementsprechend brachen die Steuereinnahmen ein.

Sinnvollerweise muss man die Steuerbelastungen auf das Einkommen beziehen, um die zeitliche Entwicklung der Steuerbelastung zu zeigen oder Personen und Gruppen zu vergleichen - und dann sieht es deutlich weniger spektakulär aus.

So hat sich die gesamtwirtschaftliche Steuerquote, also das Steueraufkommen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, seit den Siebzigerjahren bemerkenswert stabil entwickelt und liegt gegenwärtig bei 23 Prozent. Dieses Niveau ist zwar höher als in den vergangenen zehn Jahren, liegt aber unter den Belastungen Ende der Neunziger- oder Mitte der Siebzigerjahre - von Rekordsteuereinnahmen kann also keine Rede sein.

So ganz falsch ist der Eindruck der hart arbeitenden Mitte natürlich nicht, dass ihre Steuerbelastungen gestiegen sind - durch "kalte Progression" und Verbrauchsteuern einschließlich der Ökostrom-Umlage aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). (Eine grafische Erklärung der "kalten Progression finden Sie hier).

Wenn also die Belastungen der Mittelschicht gestiegen und die gesamtwirtschaftliche Steuerquote konstant geblieben ist, müssen logischerweise die Steuerbelastungen unten oder oben gesunken sein. Vor allem die Spitzenverdiener wurden über die vergangenen beiden Jahrzehnte sukzessive entlastet - bei den Spitzensteuersätzen, der Unternehmen- und der Kapitaleinkommensteuer sowie bei der Vermögensbesteuerung - obwohl es nur bei ihnen größere Realeinkommenszuwächse gab.

Steuerdebatte in Bildern

Hohe Steuern schaden der Wirtschaft, das deutsche Steuersystem ist das komplizierteste der Welt und die Einnahmen im Staatshaushalt sprudeln zu immer neuen Rekorden. In unserer Serie entlarvt Stefan Bach die größten Steuermythen. Bisher erschienen:

Teil 1: Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen
Teil 2: Der Mythos von der Bierdeckelreform
Teil 3: Ist Steuernsparen den Deutschen wirklich wichtiger als Sex?

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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
k.ockenga 02.09.2016
1.
Was niemand je für möglich gehalten hat, jetzt ist es also endlich doch erreicht, ein steuerlicher Perpetuum! Die Begehrlichkeiten sind geweckt. Möglichst für jeden ein Zuckerle. Jeder Unsinn ist für Wahlkampfzwecke vorprogrammiert. Besser wäre es, für die astronomischen Summen die gesamte Infrastruktur zu erneuern und auszubauen. Aber schon sind die Zivilisations-, Mobilitäts- und Brückenverweigerer, die Morgenthau-Grüne auf ihrer Platte und laufen Sturm.
willi_ac 02.09.2016
2. Guter Beitrag
Unaufgeregt, Dinge in einen größeren Zusammenhang stellend, Probleme aufzeigend. Gerne mehr davon.
martina_guggenmos 02.09.2016
3. Lustiger Autor
Zitat: "Und zahlen die Bürger in Deutschland deshalb auch immer mehr?" Nö nö das liefern uns die Marsmänchen lautet die Antwort. Natürlich wird immer mehr gezahlt. Diese fiesen kleinen Gesellen namens Politiker kaufen damit weltweit Reputation und Ansehen ein und das eigene Volk muss eben darben. Genau dafür werden sie auch gewählt. Dummes Volk zeugt dumme Politiker so ist das eben.
bewwan 02.09.2016
4. Das mag bei der Einkommensteuer stimmen....
...allerdings betrachtet man natürlich selbst auch die übrigen Abgaben, z.B. an die Sozialversicherung. Und gab es beispielsweise bei den Krankenkassenbeiträgen Erhöhungen, dann muss ich natürlich (Baujahr 86) privat mehr vorsorgen für das Alter, was auch zu Mehrausgaben führt im Vergleich zu den früheren Generationen. Und, "gefühlt", sinken trotz hoher Steuereinnahmen gewisse Leistungen und Standards ab, siehe Infrastruktur, Sicherheitsausgaben... Grundsätzlich geht es mir und vermutlich den meisten Deutschen trotzdem gut, aber dieser Artikel ist dann doch stark vereinfacht, weil er nur die Steuerbelastung betrachtet und man selbst natürlich alle Aufwendungen einbezieht.
schillers_locke 02.09.2016
5. 10 %
Das Ende verrät es: Klientelpolitik. Eigentum entlastet, oder lässt sich entlasten?
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