Steuern Der Mythos von der Bierdeckelreform

Die Steuern sind kompliziert, dunkel und unergründlich, lautet eine weitverbreitete Meinung. Neoliberale wollen sie vereinfachen - und senken. Doch dahinter steckt nur eine romantische Sehnsucht.

Einkommensteuererklärung: Können Steuern überhaupt einfach sein?
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Einkommensteuererklärung: Können Steuern überhaupt einfach sein?

Ein Gastbeitrag von Stefan Bach


"Steuervereinfachung" war Mitte der Nullerjahre ein großes Thema: Die Steuererklärung sollte auf einen Bierdeckel passen. Paul Kirchhof, der einflussreiche "Professor aus Heidelberg", reüssierte mit seinem Reformvorschlägen zur radikalen Erneuerung und Vereinfachung des Steuerrechts.

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Doch können Steuern überhaupt einfach sein? Im Prinzip ja, aber dann kann man keine große Rücksicht auf die Gerechtigkeit nehmen. Wirklich einfach wäre eine Kopfsteuer, die für alle gleich ist. Wollte man so das gesamte Steueraufkommen erheben, müsste jeder Bürger 700 Euro im Monat zahlen, vom Baby bis zum Greis. Das ist offensichtlich nicht sinnvoll.

Daher besteuern wir wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in Form von Einkommen, Konsum oder Vermögen. Aber diese wirtschaftlichen Größen sind nicht einfach zu fassen: Lohneinkommen muss man anders ermitteln als Gewinneinkommen, Vermietungseinkommen anders als Kapitaleinkommen. Konsum muss man erfassen, also irgendwie zählen, und das Vermögen ist kompliziert zu berechnen.

Uns Deutschen wird häufig Überkorrektheit und übertriebene Einzelfallgerechtigkeit nachgesagt. "Summum ius, summa iniuria", wusste schon Altmeister Cicero. "Höchstes Recht kann größtes Unrecht sein."

Zum Autor
  • DIW
    Stefan Bach arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht er zu Steuern, Sozialpolitik und Verteilung. Sein Buch "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?" erscheint in diesen Tagen im Westend Verlag. Der Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

Unbestritten ist unser Steuersystem zu wild gewuchert und sollte an vielen Stellen zurückgeschnitten werden. Hier wäre mehr Mut zur Pauschalisierung gefragt, auch wenn man es nicht allen recht machen kann. Viele Konzepte und Begriffe sind mehr als 100 Jahre alt und müssten dringend erneuert werden. Aber dazu muss man sich in das mühselige Kleinklein der Steuertechnik begeben und mit den meisten Lobbyisten der Republik anlegen.

Daher sollte man immer skeptisch sein gegenüber Vorschlägen zur grundlegenden Steuervereinfachung. Im Massengeschäft der Steuerpraxis sind es weniger die vielbemühten Steuervergünstigungen und Sonderregelungen, die Steuerberater, Finanzämter und Finanzgerichte beschäftigen, sondern die grundlegenden Fragen der Erfassung und Bewertung von Umsätzen, Einkommen und Vermögen.

Hier geht es um die Abgrenzung der Betriebsausgaben und Werbungskosten von den privaten Lebenshaltungskosten, Ansatz- und Bewertungsfragen in der Steuerbilanz oder die Besteuerung von grenzüberschreitenden Transaktionen oder Fusionen und Aufteilungen von Unternehmen.

Dabei muss notgedrungen mit unbestimmten Rechtsbegriffen gearbeitet werden, die oftmals gestaltungs- und damit streitanfällig sind. Und auch bei einem niedrigen Flat-Tax-Satz von 25 Prozent à la Kirchhof lohnt es sich immer noch, mit dem Finanzamt ausgiebig darüber zu streiten. (Lesen Sie hier mehr zur Flat Tax und anderen Steuerbergriffen)

Einfach ist leider schnell das Gegenteil von gerecht, das ist eine alte Lebenserfahrung. "Die machen es sich zu leicht", so schimpfen wir oft über unsere Mitmenschen. Weitgehende Vereinfachungen und Pauschalierungen reduzieren auch im Steuersystem nicht nur die Einzelfallgerechtigkeit, sie können sogar wirtschaftliche Nachteile und Wachstumsverluste auslösen.

Wenn zum Beispiel Unternehmer echte Kosten nicht mehr von der Steuer abziehen dürfen, werden sie ihre Produktion anpassen, also verringern. Wenn Arbeitnehmer Pendlerkosten oder doppelte Haushaltsführung nicht mehr anerkannt bekommen, sind sie weniger bereit, einen weiter entfernten Job anzunehmen. Wenn Krankenschwestern oder Facharbeiter ihre Nacht-, Sonn- und Feiertagszuschläge voll versteuern müssen, verlangen sie höhere Löhne für die unangenehmen Arbeitszeiten. Wenn ihnen das in Zeiten der Vollbeschäftigung bei Fachkräften gelingt, müssen die Kunden mehr zahlen. Wenn Vermieter pauschaliert besteuert werden und Schuldzinsen oder andere Kosten nicht mehr absetzen können, bauen und renovieren sie weniger.

In der Steuervereinfachungseuphorie steckt die romantische Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt und der guten alten Zeit. Doch die ist schnell verflogen, wenn konkrete Vorschläge gemacht werden und sich deren Folgen abzeichnen.

Steuerdebatte in Bildern

Hohe Steuern schaden der Wirtschaft, das deutsche Steuersystem ist das komplizierteste der Welt und die Einnahmen im Staatshaushalt sprudeln zu immer neuen Rekorden. In unserer Serie entlarvt Stefan Bach die größten Steuermythen. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch. Bisher erschienen:

Teil 1: Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen

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insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
Putin-Troll 30.08.2016
1. Oder aber...
Wie wäre es damit, in ELSTER mal ein gutes Tutorial einzubauen? Wenn man man mal kapiert hat, was das Formular von einem will, ist das mit dem Ausfüllen nämlich gar nicht mehr so schwierig. Nur so weit muss man erst einmal kommen.
Bernd S 30.08.2016
2. Klar geht es einfach
Der Autor unterstellt, dass man ein einfaches (und damit dann zwangsweise nach gesellschaftlichen Kriterien ungerechtes) Steuersystem braucht, wenn es auf einen Bierdeckel passen soll. Das stimmt nicht. Man braucht ein "einfach strukturiertes" Steuersystem, das ist etwas anderes als "einfach". Man kann die Struktur so viel besser machen, dass mit zwei, drei Parametern (z.B. Entfernung zum Arbeitgeber, Familienstand, Höhe des Jahreseinkommens) für 95% der Arbeitnehmer die Höhe der Steuer direkt feststeht. Die restlichen 5% brauchen dann einen zweiten Bierdeckel. Zudem können die Verfahrensweisen deutlich verbessert werden. Als Beispiel sei hier Schweden genannt (stehen nicht im Ruf des Neoliberalismus), dort können die meisten Arbeitnehmer ihre Steuererklärung per SMS machen. Das ist ein sehr kleiner Bierdeckel!!!
akkronym 30.08.2016
3. Es ist nicht die romantsiche Sehnsucht
..der Neoliberalen, welche hinter dem Wunsch nach "einfacheren" Steuern steckt, so ein Blödsinn. Es steckt das zynische und glasklar gesteckte Ziel den Staat an den Rand zu drängen, die Solidarsystem zu zerschlagen und alle Bereiche des Lebens, darunter auch die Daseins-Vorsorge, durch die gezielte Schwächuchung der Solidargemeinschaft Saat, zu privatisieren. Diese vorangetrieben Privatisierung hat nichts, aber auch gar nichts mit Romantik zu tun, sondern ausschließlich mit schonungslosem, zynischem Rendite-Streben. Dies mit einer romantischen Idee zu Verbrämen, das allein ist schon ein reichlich skrupelloses Schurkenstück
latrodectus67 30.08.2016
4. Ja, hier ist wieder die Alternativlosigkeit
"Lohneinkommen muss man anders ermitteln als Gewinneinkommen, Vermietungseinkommen anders als Kapitaleinkommen. Konsum muss man erfassen..." soso, muss man das? Ja offensichtlich, denn wenn ein Mensch arbeitet dann muss er alle Sozialabgaben usw zahlen. Wenn aber 10 Euro arbeiten, dann müssen die keine solche Abgaben leisten. Ist Alternativlos, gelle? Wäre ja auch zu "einfach" Und dann die Bedrohungen, Huch "Wenn Arbeitnehmer Pendlerkosten oder doppelte Haushaltsführung nicht mehr anerkannt bekommen, sind sie weniger bereit, einen weiter entfernten Job anzunehmen." Dann wird er mit HartzIV eben dazu gebracht werden es zu tun, es ist nicht so dass Mensch in Deutschland als Arbeitnehmer eine große Wahl hätte. Alles zusammen ein Artikel der imho vermitteln will "So wie es ist ist es wunderbar und vor allem GERECHT". Klar deswegen wird die obere Decile der Bevölkerung ja auch immer reicher, während für die Rentner schaffen bis 69 angedacht wird.
rstevens 30.08.2016
5. Super Artikel
Zusammengefasst: Das Steuerrecht ist zu kompliziert aber vereinfachen ist auch kompliziert. Gut, dass wir das mal gehört haben. Ja, eine deutliche Vereinfachung des Steuerrechts wird zu Verwerfungen führen. Liebgewonnene Vergünstigungen fallen weg. Es ist aber längst nicht klar, ob das immer nachteilig ist. Außerdem ist die Ausgangslage auch nicht ideal. Es ist ja sicher nicht so, als dass wir ein hochoptimiertes, perfekt austariertes Steuersystem haben. Daher bin ich schon dafür, diesen gewachsenen Molloch mal mutig zu entrümpeln.
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