Stress im Supermarkt Genervt vom Einkaufswagen-Paradox

Mit Einkaufswagen ist es wie mit Autos: Sie werden immer größer. Ächzend und fluchend schiebt Tom König seinen Shopping-SUV durch den Lebensmitteldiscounter - bis er an der Kasse fast dem Wahnsinn verfällt. Warum nur ist die Einpackfläche so unverschämt klein?
Großer Wagen, enge Gänge: Der Einkaufsstress steigt

Großer Wagen, enge Gänge: Der Einkaufsstress steigt

Foto: dapd

Er wird einfach nicht voll. Ich habe schon zwei Paletten Milch, genug Penne für ein sizilianisches Familienfest und die gesamte Ernte einer Biobauern-Kommune in meinem Einkaufswagen versenkt. Nun ist gerade mal der Boden bedeckt.

Mit Einkaufswagen ist es wie mit Autos. Sie werden immer wuchtiger. Früher lenkte ich mit zwei Fingern ein zierliches Gefährt durch den Feinkostladen. Heute schiebe ich die Entsprechung eines Porsche Cayenne durch den Megastore, und zwar beidhändig.

Das ist anstrengend, denn anders als Autos haben Einkaufswagen keine Servolenkung, und die einzige PS liefert ein lahmer Gaul namens Tom König.

Ein Sprecher des Trolley-Marktführers Wanzl bestätigt, Einkaufswagen hätten sich in den vergangenen Jahren "immer weiter vergrößert".

Aber warum?

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe.

  • Einer ist der Siegeszug der Discounter. Es geht eben keiner mehr dreimal die Woche zu Feinkost Habermann. Stattdessen bevorratet man sich lieber, möglichst für den ganzen Monat.
  • Der zweite Grund, über den die Branche freilich ungern spricht: Große Einkaufswagen dienen nicht so sehr den Kundenbedürfnissen, sondern eher der Kundenmanipulation.

Das kann man nachlesen. Das "Praxishandbuch Werbung"  rät:

"Verwenden Sie besonders große Einkaufswagen. So haben Ihre Kunden nie den Eindruck, sie hätten zu viel Geld ausgegeben. Ist noch Platz, haben Ihre Kunden eher das Gefühl, sie hätten etwas Wichtiges vergessen."

Ein allzu simpler Psychotrick

Die Masche ist plump, könnte aber funktionieren. Wenn, ja wenn die Marketingexperten des Einzelhandels ihr manipulatives Konzept nicht selbst ad absurdum führten.

Das kapiere ich, als ich meinen Wagen zur Kasse schieben will. Ich müsste zunächst wenden. Das geht aber nicht. Denn der Einkaufswagen ist so lang, wie der Gang breit ist.

Zufall? Mitnichten. Das "Praxishandbuch" sagt:

"Verengen Sie die Gänge. Kunden, die im Sauseschritt durch Ihr Geschäft eilen, haben keine Augen für Impulsprodukte. Deshalb sollten Sie die Abstände zwischen Ihren Regalen keinesfalls zu großzügig gestalten, sondern natürliche Stopps für Raser einbauen."

Einer dieser natürlichen Stopps ist ein Früchtetee-Display, das ich zu spät bemerke. Ich will meinen Monsterkäfig noch bremsen, doch die Götter der Impulserhaltung sind gegen mich. Rumms! Dutzende Packungen "Fühl Dich Frühling"-Tee purzeln zu Boden.

Große Wagen, schmale Gänge - wer denkt sich so etwas aus? Schon jetzt schwöre ich mir, nächstes Mal ein Tragekörbchen zu nehmen. Doch der gesamte Wahnwitz des Systems offenbart sich erst an der Kasse.

Je größer der Wagen, desto kleiner die Einpackfläche

Dort nämlich hat ein anderer Marketingexperte (oder vielleicht derselbe) verfügt, dass jene Fläche, auf der ich gleich meine 50 Kilo Einkaufsgut sortieren möchte, totes Kapital ist. Sie trägt nichts zur Flächenproduktivität bei, wie man in der Branche sagt. Und deshalb muss sie weg. Das ist bei Lidl so, aber auch bei Rewe oder Aldi.

In meinem konkreten Fall wurde der Abstellplatz auf 50 x 50 Zentimeter geschrumpft. Die Abmessungen des Einkaufswagens betragen jedoch rund 50 x 80 x 60 Zentimeter. Ich wusste ja, dass im Marketing immer jene BWL-Studenten landen, die nicht so gut rechnen können. Aber ich ahnte nicht, dass es so schlimm ist.

Mit meinen vom ganzen Geschiebe bereits tauben Armen kloppe ich die Einkäufe blindlings zurück in den Wagen, während die Frau an der Scannerkasse dreimal so schnell Sachen nachschiebt, wie ich sie wegräumen kann.

Erdbeeren, Joghurts und Kartoffelchips fliegen in hohem Bogen in den Einkaufswagen. Dort verwandeln sie sich in einen interessanten Brei, den man vielleicht als "Crunchy Strawberry Cream" vermarkten könnte.

Eine Spur aus Milch und Saft hinter mir herziehend, verlasse ich den Supermarkt. Am Ausgang hängt ein Foto des breit grinsenden Marktleiters. Darunter steht: "Zufrieden? Sagen Sie's weiter! Nicht? Dann sagen Sie's mir!"

Jetzt sage ich dir mal was: Wenn es eine höhere Gerechtigkeit gibt, dann hat der Teufel für dich und den Marketingexperten schon eine steile Rampe reserviert. An deren Fuß warten zwei XXL-Einkaufswagen, randvoll mit Raviolidosen.

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