30 Jahre Tschernobyl Ökostrom ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Seit der Katastrophe von Tschernobyl ist unsere Stromwelt viel freundlicher geworden. Wir können den (Öko-)Anbieter wählen - und sogar sparen.
Atomkraftwerk Tschernobyl

Atomkraftwerk Tschernobyl

Foto: Andreas Stein/ dpa

Vor 30 Jahren radelte ich in Bonn im T-Shirt durch den radioaktiven Regen. In Tschernobyl war nach einem Atomexperiment ein Reaktor in die Luft geflogen. Radioaktive Wolken zogen über ganz Europa und läuteten das Ende der Stromwirtschaft ein, wie wir sie in Deutschland kannten.

Damals bekamen wir unseren WG-Strom von RWE. Ich wechselte im Sommer darauf die Universität, ging zur Freien Universität (FU) nach Berlin. Dort analysierten wir Studenten, wie sehr die deutschen Stromkonzerne auch Atomkonzerne waren, welche Risiken durch Atomkraftwerke und welche wirtschaftlichen Konsequenzen durch die Atomwirtschaft drohten.

In dem folgenden Jahrzehnt versuchten sich bundesweit die ersten Stadtwerke wieder von den Strommonopolisten mit den Atomkraftwerken zu lösen. In Aachen und Karlsruhe frickelten Ingenieure an einer Photovoltaikanlage auf dem eigenen Hausdach. Und die konservative westfälische Landgemeinde Raesfeld ließ ein Windrad bauen zur Stromversorgung für ihr Klärwerk.

Zur Jahrtausendwende verabschiedete eine rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) , das den gut vernetzten Ingenieuren einen wirtschaftlichen Rahmen und mit seiner großzügigen Förderung den Zugang zu Milliardensummen für den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie gab.

Aus Ingenieurkollektiven in Berlin-Kreuzberg wurden Solarkonzerne in Bonn und Bitterfeld. Deutscher Ökostrom wird heute nach Frankreich exportiert, wenn französische Meiler wegen zu wenig Wasser in der Rhône mal wieder still stehen. Und das EEG-Gesetz wurde zum Exportschlager deutscher Gesetzgebung überhaupt.

Das Wohl und Wehe der großen Stromkonzerne juckt uns nicht mehr

Die Folge für uns Verbraucher: Das Wohl und Wehe der großen Stromkonzerne juckt uns nicht mehr. Der Strom kommt trotzdem aus der Steckdose, zum Beispiel, weil mein Bruder als Stromerzeuger auf seinem Kuhstall ein riesiges Solardach installiert hat. Ökostrom statt Atomstrom ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Ein Jahrzehnt lang haben westfälische Bauern eher ein Solardach installiert als einen neuen Trecker gekauft, ganz unabhängig vom Parteibuch, und damit Kapazitäten geschaffen. Konservative Landesregierungen in Schleswig-Holstein schützen Windpark-Projekte genauso vor Naturschützern wie vor Atom-Lobbyisten. Ein Wald von Windrädern (nun ja) verziert heute die Landschaft Vorpommerns.

Will ich einen Stromvertrag abschließen, kann ich dem früheren Monopolisten (in Bonn RWE, in Berlin Bewag/Vattenfall) was husten. Für meine Wohnung in Berlin-Mitte bekomme ich bei guten Stromvergleichsrechnern 450 unterschiedliche Tarife angeboten , viele deutlich billiger als der Ex-Monopolist.

Beherzige ich als informierter Verbraucher ein paar Grundregeln, maximale Vertragslaufzeit 12 Monate, maximale Kündigungsfrist danach ein Monat, keine Vorkasse und verzichte auf komplizierte Bonusregeln, bleiben immer noch 40 Angebote übrig, darunter viele, mit denen ich einige hundert Euro spare. Auch und sogar der Ökostrom  schlägt vom Preis her den lokalen Versorger Vattenfall um Längen. Würde ich 3000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbrauchen, bezahlte ich in Berlin bei Vattenfall im Basistarif 953 Euro. Beim Ökostromanbieter meiner Wahl, EWS Schönau, sind es 886 Euro im Jahr. Die Stromrebellen aus Schönau gehören zu denen, die auf die Katastrophe von Tschernobyl mit einem eigenen neuen ökologischen Stadtwerk reagiert haben. Ich könnte aber auch für 718 Euro Ökostrom von Grünwelt bekommen, den der Stromhändler für seine Kunden billig an der Börse gekauft hat.

Gleichzeitig sind die deutschen Stromkonzerne mit den Atommeilern wirtschaftlich stehend k.o. Das liegt nur zum Teil daran, dass der Staat sie mit dem EEG verpflichtet hat, die neuen Ökostromer großzuziehen oder ihre Meiler nach dem Atomausstieg abzuschalten. Langfristig viel schlimmer für die Bilanzen ist ihr atomares Erbe. Strahlende Meiler zum teuren Abreißen und gemeingefährlicher Atommüll, für den es (bislang) keinen sicheren Platz gibt.

Als man vor dreißig Jahren über den Atommüll diskutierte, glaubten die Protagonisten der Atomwirtschaft noch, ihn relativ günstig in einem Salzstock in Gorleben vergraben zu können. Das schreckliche Experiment unserer Forschungselite mit der Einlagerung im Salzstock Asse  in Niedersachsen hatte noch nicht seine hässliche Fratze gezeigt.

Rund 24.000 Jahre beträgt die Halbwertzeit des häufigsten Plutoniumisotops (Plutonium-239). Damit das auf ein ungefährliches Maß an Radioaktivität abklingen kann, verlangen die deutschen Strahlenschutzbehörden inzwischen eine sichere Einlagerung für eine Million Jahre . Der Gorlebener Salzstock ist nicht mal für einen Bruchteil dieser Zeitspanne geeignet.

Auf den Kosten des atomaren Erbes werden wir sitzenbleiben

Die Konzerne, die heute noch die Verantwortung für die sichere Entsorgung des Atommülls tragen, sitzen in der Falle. Müssten sie auch nur für 10.000 Jahre (3000 Managergenerationen) die sichere Einlagerung und Bewachung ihres Atommülls bezahlen, wären sie wirtschaftlich k.o. Solche künftigen Verpflichtungen sind für private Unternehmen nicht tragbar. Das müsste eigentlich auch jeder Wirtschaftsprüfer testieren.

Deswegen ist es nur konsequent, wenn die Atomkonzerne uns den Müll zurückgeben. Wir können als Gesellschaft nicht auf diese Weise pleitegehen. Die 23 Milliarden Euro Rückstellungen, die wir Steuerzahler dafür erhalten sollen, sind angesichts dieser Verpflichtungen fast schon ein Taschengeld.

Den Atomstrom sind wir losgeworden, die Macht der Atomkonzerne ist gebrochen. Aber auf den Kosten des atomaren Erbes werden wir sitzenbleiben. Der einstimmige Bericht der Kommission zur Überprüfung der Finanzierung des Atomausstiegs bringt es auf den Punkt . Uns als Gesellschaft bleibt gar nichts anderes übrig, als das ungeliebte atomare Erbe anzunehmen.

Das Verursacherprinzip galt für Atomkonzerne ohnehin noch nie wirklich. Die Konzerne haben auch das Risiko des Betriebs der Meiler auf die Gesellschaft abgewälzt. Passiert ein großer Unfall, sind sie bis zur Abschaltung des letzten AKW nur mit wenigen Milliarden Euro Versicherungsleistung  dabei. Den Rest bezahlen wir, mit unserer Gesundheit und mit unserem Geld.

Zum Radeln im T-Shirt war es mir am Dienstag, den 30. Jahrestag von Tschernobyl, zu kalt. Aber der GAU damals hat unsere Welt verändert. Unsere Stromwelt ist viel freundlicher geworden. Wir können den Stromanbieter wählen - und unsere neue Stromerzeugung hinterlässt unseren Kindern kein ähnlich monströses Erbe.

In einem meiner alten Schränke muss noch der Orden des weißrussischen Tschernobyl-Liquidators liegen, der mir damals seine Auszeichnung übergab mit der Auflage, die Wahrheit über die Katastrophe zu schreiben. Das Interview mit einem weißrussischen Strahlenmediziner und der Text waren 1990 meine ersten Beiträge für die "taz". Ich weiß nicht, ob der Mann noch lebt.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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