Hermann-Josef Tenhagen

Strom, Heizung, Krankenkassen Was 2022 alles teurer wird – und wie Sie sich dagegen wehren

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Lebenshaltungskosten steigen so stark wie lange nicht mehr. Doch mit diesen Tipps lässt sich die Belastung zumindest begrenzen.
Tanklastwagen mit Heizöl: Bis zu 300 Euro Unterschied

Tanklastwagen mit Heizöl: Bis zu 300 Euro Unterschied

Foto: Rolf Poss / IMAGO

Mit 22 Tipps können Sie Ihre eigene Finanzsituation 2022 deutlich verbessern, schrieb ich vergangenen Woche. Gleichzeitig sollten Sie sich immer dort wehren, wo Verschlechterungen drohen.

Und die drohen häufiger als erwünscht.

Die Inflation hat im vergangenen Jahr deutlich angezogen – um 3,1 Prozent schätzt das Statistische Bundesamt . Die wichtigsten Mehrkosten 2022 haben alle mit dem Thema Energie zu tun. Weil Rohöl deutlich teurer ist als im vergangenen Jahr, liegen auch die Preise für Sprit und Heizöl deutlich höher. Beim Heizöl haben sich die Preise vom Jahreswechsel 2021 zum Jahreswechsel 2022 von 50 auf 80 Cent pro Liter drastisch erhöht.

Beim Sprit stiegen sie von 1,23 Euro für den Liter E10 im Dezember 2020 auf 1,60 Euro im Dezember 2021.

Gegen die Steigerung an sich können Sie wenig tun, denn Sie können als deutsche Autofahrerin die Opec nicht zwingen, das Öl billiger zu verkaufen. Auch die CO₂-Abgabe werden Sie nicht los . Die hat schon die vorige Bundesregierung beschlossen. Und nun hat die Mehrheit im Herbst ja mehr Klimaschutz gewählt. Nach acht Cent (inklusive Mehrwertsteuer) im Jahr 2021 ist die Abgabe 2022 folgerichtig noch einmal um 1,5 Cent pro Liter Diesel oder Heizöl gestiegen.

Aber natürlich können Sie auch kurzfristig einiges tun, damit es für Sie nicht ganz so teuer wird.

Sie können zum Beispiel den Anbieter beim Heizöl wechseln. Der Preis unterscheidet sich je nach Händler um zehn Cent pro Liter, macht bei einem 3000-Liter-Tank 300 Euro. Die sparen Sie natürlich .

Auch beim Benzin sind ähnliche Preisunterschiede zu sehen. Ich schreibe immer von 15 Cent pro Liter je nach Tageszeit und Tankstelle in Großstädten. Aber das gilt oft auch auf dem Land. Am vergangenen Wochenende lag der Preis für einen Liter E10 im Zehn-Kilometer-Umkreis meines Elternhauses am Niederrhein zwischen 1,559 Euro und 1,679 Euro. Für eine Tankfüllung von 50 Litern sparte die Info aus der Tank-App glatt sechs Euro . Hinzu kommen immer die Möglichkeiten zum spritsparenden Autofahren. Der Testfahrer im Video des Bayerischen Rundfunks  schafft fast ein Viertel Einsparung und braucht die gleiche Zeit für den Weg nach München.

Auch bei Erdgas und Strom droht seit Wochen Ungemach. Gashändler und Stromkonzerne erhöhen die Preise gleich aus drei Gründen:

  • Erstens ist die Energienachfrage weltweit nach dem Corona-Einbruch wieder gestiegen;

  • zweitens machen die europäischen Treibhausgas-Zertifikate für die noch nicht abgeschaltete Braunkohle gerade auch den deutschen Strom teurer;

  • und drittens haben sich viele Händler mächtig verspekuliert. 2020 waren die Preise für Strom als auch für Gas kurzfristig so niedrig, dass sich mancher am kurzfristigen Spotmarkt eine goldene Nase verdiente.

An der Tankstelle: Vergleichen spart viel Geld

An der Tankstelle: Vergleichen spart viel Geld

Foto: Rolf Poss / IMAGO

Für 2021 und 2022 haben manche Gashändler weiter darauf spekuliert, sich mit kurzfristigen Verträgen weiter niedrige Preise sichern zu können. Vielleicht haben sie auch auf einen neuen Lockdown im Zuge der Coronapandemie gesetzt. Stattdessen haben sie keine mittel- oder langfristigen Lieferverträge abgeschlossen, die zwar teurer waren, aber eben auch einen bestimmten Preis für lange Zeit garantierten. (Die seriöseren Anbieter haben das getan.) Dass kurzfristige Preise auch heftig steigen können, geriet in Vergessenheit.

Ihre kurzfristige Gegenstrategie als Kunde hier: vergleichen! Wenn Ihr Anbieter Ihnen eine Preiserhöhung schickt, vergleichen Sie den in der Erhöhung genannten Arbeitspreis mit dem günstigsten Arbeitspreis seriöser Anbieter, den Sie aktuell bekommen können. Beziehen Sie dabei vor allem auch das heimische Stadtwerk ein .

Es kann sein, dass Sie trotz der Erhöhung keinen günstigeren Anbieter finden. Dann beißen Sie in den sauren Apfel und akzeptieren Sie den neuen Preis. In der Grundversorgung sind die Preise seit Herbst im Schnitt um 18 Prozent gestiegen, haben meine Kolleginnen bei »Finanztip« für 40 große Versorger ermittelt  – obwohl die Preise in der Grundversorgung eigentlich träge sind.

Erhöht Ihr Anbieter die Preise um mehr als 50 Prozent, können Sie einen preiswerteren Tarif finden. Schließen Sie aber keine Verträge für 24 Monate ab. Denn beim Gas könnte es immerhin sein, dass der russische Staatskonzern Gazprom nach der Betriebsgenehmigung der umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2 beweisen will, wie hilfreich mehr russische Pipelines sind. Klimapolitisch ist das fragwürdig, aber wenn der Gaspreis für Sie wieder fällt, dann bekommen Sie im Anschluss einen preiswerteren Vertrag.

Auch beim Strom sollten Sie mit langfristigen Verträgen vorsichtig sein. Es ist erklärtes Ziel der neuen Bundesregierung, die Finanzierung der EEG-Umlage über den Strompreis 2023 zu beenden. Die Umlage beträgt aktuell noch 3,7 Cent je Kilowattstunde. Nach den Preiserhöhungen zu Beginn dieses Jahres könnte eine Preissenkung folgen. Gute und seriöse Stromangebote finden Sie mit dem Rechner von »Finanztip«. 

Auch auf lange Sicht lässt sich viel sparen

Das waren die Dinge, die Sie kurzfristig erreichen können. Aber damit sollten Sie sich nicht zufriedengeben. Wer etwas langfristiger an die Sache herangeht, kann sich zu einem guten Teil abkoppeln von Strom- oder Gaspreisen – und womöglich auch von der klassischen Tankstelle.

  • Eine neue Heizung mit Wärmepumpe und Solarthermie vom Dach macht Sie unabhängiger von den Kapriolen eines wild gewordenen Gasmarktes. Die Förderung vom Staat beträgt schnell 10.000 Euro .

  • Und weil auch die hohe staatliche Förderung für E-Autos weitergeht, sind diese eine interessante Alternative. Bis zu 40.000 Euro Kaufpreis beträgt die Förderung 9000 Euro . Für gut 10.000 Euro ist das preiswerteste E-Auto in Deutschland dann neu zu haben . Mit einem E-Auto können Sie sogar Geld verdienen – über die Treibhausgasminderungsquote. Mindestens 250 Euro im Jahr sind drin; damit können Sie aktuell rund 700 Kilowattstunden Strom tanken und etwa 4000 Kilometer weit fahren .

  • Auch die Fotovoltaikanlage auf dem Dach, die den Strom für 10 bis 14 Cent erzeugt, hilft Ihnen in turbulenten Zeiten wie diesen, wenn zum Beispiel die Dortmunder Energie und Wasserversorgung (DEW21) von Neukunden in der Grundversorgung 66,5 Cent oder die Frankfurter Mainova sogar rund 79,9 Cent pro kWh verlangt. Über Portale wie Selfmade-energy oder Photovoltaik-Angebotsvergleich finden Sie einen günstigen Handwerker . Wer kein eigenes Haus hat, hat vielleicht aber einen Balkon und kann mit einer Balkonsolaranlage wenigstens einen Teil der Kosten sparen. Die kann jeder selbst anbringen .

  • Der eigene Stromspeicher  in der Garage lohnt sich bei den aktuellen Strompreisen ziemlich sicher. Solaranlage und Speicher lohnen noch mehr, wenn Sie im Homeoffice sind. 150 Kilowattstunden mehr Verbrauch im Jahr durch Homeoffice hat das gemeinnützige Portal CO₂-Online ausgerechnet . Macht rund 50 Euro bei den alten Preisen, bei den aktuellen Mondpreisen für Neukunden oft auch das Doppelte.

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Wer eine eigene Immobilie hat, ist also klar im Vorteil im Kampf gegen hohe Energiepreise. Für Mieter mit klammem Geldbeutel gibt es immerhin Unterstützung vom Staat: Prüfen Sie unbedingt, ob Sie wohngeldberechtigt sind, denn beim Wohngeld ist schon 2021 ein Energiezuschlag gezahlt worden. Mögliche weitere Zuschläge sollen 2022 folgen. Im Koalitionsvertrag ist vorgesehen, »kurzfristig einen einmalig erhöhten Heizkostenzuschuss zu zahlen.« Der wird auch oft nötig sein, um höhere Nebenkostenabrechnungen im Sommer oder Herbst 2022 zu verkraften. Auf Wohngeld haben Sie übrigens ein Anrecht, wenn das Einkommen niedrig ist und die Miete hoch. Eine Million Haushalte in Deutschland nehmen dieses Recht aktuell nicht wahr .

Über den Ärger über die Preisturbulenzen am Energiemarkt und unverschämte Anbieter sollten wir nicht vergessen, dass es noch andere Kostentreiber zu diesem Jahreswechsel gibt. Da wären etwa die Bahn und auch die Krankenkassen:

  • Ein Teil der Krankenkassenmitglieder muss 2022 deutlich tiefer in die Tasche greifen. Vor allem die AOKs haben zu Beginn des Jahres die Zusatzbeiträge erhöht. Das trifft über 20 Millionen Versicherte. Neun der elf AOKs haben erhöht, nur die AOK Plus und die AOK Niedersachsen sind bei den Beiträgen stabil geblieben. Die größte Steigerung verlangt die AOK Rheinland/Hamburg, ein halbes Prozent mehr . 0,5 Prozent mehr Beitrag bedeuten für eine Teilzeitkraft mit 1000 Euro brutto zwar nur rund 2,50 Euro mehr Beitrag im Monat oder 30 Euro im Jahr. Bei 4000 Euro im Monat zwackt diese AOK aber schon 10 Euro Beitrag im Monat ab, 120 Euro im Jahr. Genauso viel muss der Arbeitgeber draufzahlen. Wenn Sie mit Ihrer Kasse zufrieden sind, leben Sie mit solchen Erhöhungen. Wenn aber nicht, verrät Ihnen dieser Rechner , wie viel Beitrag Sie beim Wechsel sparen können.

Und dann gibt es noch ein paar kleinere Positionen, die bei engem Geldbeutel aber auch wehtun können.

  • Die Bahn hat im Dezember mal wieder zugeschlagen. Der Preis ist für Fernstrecken um drei Prozent gestiegen. Auch die Bahncards werden drei Prozent teurer . Und Achtung für alle Handyverächter: Zugtickets beim Schaffner lösen, das geht seit 1. Januar nicht mehr. Online mit dem Handy oder dem Computer können Sie das in den ersten Minuten nach der Abfahrt noch im Zug machen, aber nicht mehr beim Schaffner. Mein Tipp. Die kostenlose Bahn-App auf dem Smartphone ist echt komfortabel.

  • Das Porto steigt. Für Postkarten von 60 auf 70 Cent, für Briefe von 80 auf 85 Cent und auch für Großbriefe je 5 Cent mehr. Einschreiben kosten sogar 15 Cent mehr. Aber Sie beherrschen ja die E-Mail und Messenger-Dienste. Gerade auch viel Geschäftspost darf inzwischen elektronisch erledigt werden .

  • Unter den Lastern wird das Rauchen zusätzlich belastet. Eine Packung Zigaretten mit 20 Stück kostet 2022 rund zehn Cent mehr, im kommenden Jahr noch mal zehn Cent. Und auch Wasserpfeifentabak soll höher besteuert werden. Gegensteuern – Sie wissen schon. Rauchen kostet Sie zehn Jahre Lebenszeit .

Die Energiekosten werden in diesem Jahr das Feld, in dem sich entscheidet, ob Sie mit Ihrer Haushaltskasse gut über die Runden kommen. Ich werde Sie dabei begleiten.

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