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05. April 2018, 07:54 Uhr

Selbstversorgung in Großstädten

Mein Strom ist auch dein Strom

Von Dominik Reintjes

Die eigene Stromversorgung - was auf dem Land schon gut läuft, soll auch bei Mietern und Hausbesitzern in deutschen Großstädten besser funktionieren. Die Digitalisierung hilft dabei.

Autos, Fahrräder oder Wohnraum - in Großstädten wird geteilt, was geteilt werden kann. Künftig soll das auch in größerem Stil mit selbst erzeugtem Strom möglich sein. Mehrere Unternehmen arbeiten daran.

Das Unternehmen Sonnen etwa produziert seit 2011 Stromspeicher und verkauft diese wahlweise mit oder ohne Solaranlage an Haushalte und Firmen. Jede verkaufte Batterie kann digital mit anderen Batterien vernetzt werden. So entsteht eine Community, in der Strom untereinander geteilt werden kann.

"Wir haben in den ersten Jahren ausschließlich Speichersysteme an Personen verkauft, die in einem Ein- oder Zweifamilienhaus wohnen", sagt Christoph Ostermann, Geschäftsführer und Gründer von Sonnen. Diese Kunden würden fast nur auf dem Land oder am äußeren Rand von Ballungszentren leben. Nun will Ostermann auch Haushalte innerhalb von Großstädten erreichen. Im vergangenen Jahr rief das Unternehmen aus dem Allgäu auf einer Veranstaltung großspurig die "urbane Energierevolution" aus. Die ersten Schritte immerhin sind schon gemacht.

Herr Hein in Hamburg

Zum Beispiel in Hamburg: Auf dem Dach seines Reihenhauses im Norden der Stadt hat Wolfgang Hein 25 Solarmodule installieren lassen. Elf der Module sind nach Westsüdwest gerichtet, von seinem Dach aus in Richtung der Start- und Landebahn des Hamburger Flughafens. Die übrigen 14 nach Ostnordost, in Richtung Schleswig-Holstein.

Die von seiner Solaranlage erzeugte Energie wird in einer Batterie im Keller gespeichert. Dieser Batteriespeicher ist mannshoch und würde ohne das leuchtende Logo der Sonnen GmbH auch als normaler Sicherungskasten durchgehen. Sobald die Batterie im Keller geladen ist, wird die überschüssige Energie, die Hein nicht verbraucht, an Community-Mitglieder abgegeben, die gerade Strom benötigen.

Hamburg hat bundesweit nicht den Ruf, eine besonders sonnenreiche Stadt zu sein. Mit dem Ertrag aus der Solaranlage ist Hein dennoch zufrieden: "Es ist gar nicht so schlimm. Die Sonne scheint auch an regnerischen Tagen mal durch die Wolkendecke auf unser Dach." Durchschnittlich würden seine Frau und er am Tag zwischen acht und zehn Kilowattstunden Strom verbrauchen, die Solaranlage erzeuge an guten Tagen bis zu 35 Kilowattstunden.

Falls das Hamburger Wetter gar nicht mitspielt und mehr Strom benötigt wird, als die Solaranlage abwirft, springt für den 69-Jährigen die Community ein: Er erhält 4250 Kilowattstunden kostenlosen Strom pro Jahr von anderen Mitgliedern. Seine monatlichen Stromkosten liegen bei 19,99 Euro - das ist der Mitgliedsbeitrag.

Noch rentiert sich die Anlage nicht: Hein konnte seine Stromkosten durch die Selbstversorgung pro Monat zwar um rund 40 Euro reduzieren, erzählt er. Allerdings läuft sein Kredit für die Solaranlage und die Batterie mit 170 Euro pro Monat noch etwa neun Jahre. Erst danach dürfte er auch jeden Monat Geld sparen.

Die Daten über Stromverbrauch und Erzeugung kann er über verschiedene bunte Kurven auf seinem Computer kontrollieren. "Wenn ich nicht unterwegs bin, schaue ich mindestens zwei Mal am Tag auf die Daten der Anlage. An sonnenreichen Tagen aber auch gerne öfter", da mache es besonders viel Spaß. Nicht verwunderlich: Für Strom, den er an Community-Mitglieder abgibt, erhält er etwa zwölf Cent pro Kilowattstunde.

Herr Gaedicke in Berlin

Eine Solaranlage kam für Michael Gaedicke nicht infrage: Das Dach seines Hauses in Berlin sei dafür nicht optimal ausgerichtet und zu verbaut, sagt der Grünen-Politiker aus dem Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf.

Auch wenn er sich nicht selbst versorgen kann, Strom aus erneuerbaren Energien bezieht er trotzdem. Und mit der Batterie in seinem Keller will er zur Entlastung des deutschen Stromnetzes beitragen: An besonders sonnigen oder windigen Tagen kann Energie aus dem Stromnetz auf seiner Batterie zwischengespeichert werden. Dadurch soll ein umweltschädlicher Netzausbau verhindert werden. Dieser wäre bei einer dauerhaften Netzüberlastung notwendig.

Gaedicke erhält von Sonnen 2200 Kilowattstunden kostenlosen Strom pro Jahr dafür, dass er seine Batterie als Zwischenspeicher zur Verfügung stellt. Wie Wolfgang Hein in Hamburg zahlt er pro Monat 19,99 Euro. Allerdings liegt sein Jahresverbrauch bei durchschnittlich knapp 3400 Kilowattstunden - 1200 mehr, als Sonnen ihm kostenlos garantiert. Dieser Anteil wird mit 23 Cent pro Kilowattstunde verrechnet. Für die Batterie habe er 4000 Euro bezahlt. "In gut sechseinhalb Jahren sollte ich die Kosten für die Batterie durch meine monatliche Ersparnis wieder reingeholt haben."

Glaubt man Sonnen-Geschäftsführer Ostermann, so kommen seine Stromspeicher nach und nach vom Land in die Großstädte. In äußeren Stadtteilen wie bei Wolfgang Hein ist teilweise gar eine Selbstversorgung möglich. Gerade Mieter von Wohnungen scheinen es aber noch schwer zu haben, an zu Hause erzeugten Strom zu kommen, zumindest bei Sonnen. Denn den Vermieter von der Installation eines Batteriespeichers zu überzeugen, dürfte einigen Mietern schwerfallen. Die deutschen Städte stehen anscheinend noch ganz am Anfang dieser "urbanen Energierevolution", wenn sie denn überhaupt begonnen hat.

Doch immerhin: Konkurrenzlos ist Sonnen, das 2016 neben Tesla oder Amazon als eines der innovativsten Unternehmen weltweit ausgezeichnet wurde, in den deutschen Großstädten nicht. Die Online-Plattform Enyway ist ein Marktplatz für sauberen und regionalen Strom: Besitzer von Windrädern, Solar- oder Biogasanlagen stellen sich auf der Plattform vor und bieten ihren selbst erzeugten Strom zum Verkauf an. Anders als bei Sonnen sieht man genau, von wem der Strom für die Wohnung oder das Eigenheim kommt. Große Unternehmen wie Tesla oder LG stellen eigene Stromspeicher her. Wenn sie den Community-Gedanken noch stärker verfolgen, dürfte Sonnen die Konkurrenz näherkommen.

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