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13. Juli 2010, 15:49 Uhr

Studie

Outdoor-Hersteller fallen bei sozialer Verantwortung durch

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Die Outdoor-Branche steht für Freiheit und Naturverbundenheit, doch mit ihrer Verantwortung nehmen es die Hersteller nicht so ernst. Nun geraten sie massiv in die Kritik - denn obwohl eine Jacke gerne mal 600 Euro kostet, werden die Arbeiter in den Produktionsländern abgespeist.

Hamburg - Das "Men's Lithium Jacket" bringt echte Bergsteiger zum Schwärmen: Die "extrem warme Daunenjacke" bietet sich für "Extremtouren wie Höhenbergsteigen, Expeditionen, Polarreisen und andere Aktivitäten bei tiefen Minustemperaturen" an, die "Kapuze schließt den Kopf sicher ein", die Fronttaschen sind durch die spezielle Öffnungshilfe auch mit Fäustlingen leicht zu öffnen." So bewirbt der Hersteller Vaude seinen Superanorak, für den der Kunde immerhin stolze 600 Euro bezahlen soll.

Ziemlich viel Geld für ein einzelnes Kleidungsstück - trotzdem sind immer mehr Menschen bereit, es auszugeben. Denn der Outdoormarkt boomt, längst sind Marken wie Vaude, Jack Wolfskin, The North Face oder Columbia nicht mehr nur Gebirgsfreunden, Wander-Freaks und Naturfetischisten ein Begriff. Die Branche verzeichnete in den vergangenen Jahren meist Zuwachsraten im zweistelligen Bereich und hat sich längst vom Spezialanbieter zum Hersteller angesagter Alltagskleidung entwickelt, dessen Läden in keiner Innenstadt fehlen dürfen.

Was die meisten Kunden nicht wissen: Obwohl die Marken mit ihrem Image vom "Draußen zuhause" (Jack Wolfskin), dem "Spirit of mountain sports" (Vaude) und Bildern von waghalsigen Kletterern oder todesmutigen Tiefschneefahrern werben, unterscheiden sie sich in einem kaum von anderen Textilherstellern - bei der Art und Weise, wie die teuren Lifestyle-Klamotten hergestellt werden.

"Die Outdoor-Hersteller werben kräftig mit den Begriffen Nachhaltigkeit, Fairness und soziales Engagement, tatsächlich aber werden die Jacken, Schuhe und Rucksäcke - nicht anders als bei großen Textildiscountern - weltweit für Hungerlöhne produziert", sagt Kirsten Clodius von der Christlichen Initiative Romero (CIR), deutscher Träger der internationalen " Kampagne für saubere Kleidung". In den Zulieferbetrieben seien Ausbeutung, erzwungene Überstunden und Einschüchterung von Gewerkschaftsmitgliedern an der Tagesordnung.

Lohnkosten machen 0,4 Prozent des Preises aus

Das zeigt eine Studie, für die die Kampagne 15 international tätige Unternehmen der Branche nach ihrem Geschäftsgebaren befragt hat - und das Ergebnis ist ernüchternd. So lässt der deutsche Hersteller Vaude unter anderem in der Militärdiktatur Burma produzieren. Das US-Unternehmen Patagonia legt zwar großen Wert auf die Wiederverwertbarkeit seiner Materialien, kümmert sich aber kaum um die Arbeitsbedingungen. Konkurrent Marmot Mountain hat zwar einen Verhaltenskodex, kündigt die Überprüfung seiner Fabriken aber grundsätzlich vorher an - unter welchen Bedingungen die Arbeiter tatsächlich arbeiten, ist so kaum zu prüfen. Und der deutsche Traditionshersteller Schöffel verzichtet gleich ganz auf solche Kontrollen und hat auch keine Vorkehrungen getroffen, wie die Mitbestimmung von Arbeitern in den Ländern gesichert werden kann, in denen Gewerkschaftsrechte eingeschränkt sind.

Dazu kommt: Wenn überhaupt verlangen auch Branchenriesen wie The North Face von ihren Zulieferern nur, den Arbeitern den gesetzlichen Mindestlohn zu zahlen. Der aber liegt in klassischen Textilproduktionsländern wie Bangladesch, Indonesien, Vietnam oder El Salvador oft weit unter dem, was eine Familie tatsächlich zum Leben braucht.

Dabei machen die Lohnkosten zum Beispiel bei einem Trekkingschuh nach Schätzungen der "Kampagne für saubere Kleidung" gerade mal 0,4 Prozent des Endpreises aus. Dem stehen eine Handelsmarge von 50 Prozent und ein Gewinn von 13,5 Prozent gegenüber.

"Wir wollen nicht, dass die Bevölkerung leiden muss"

Die Ignoranz der Hersteller erstaunt, denn eigentlich nimmt die Branche und ihre naturbewusste Klientel im Vergleich zum Rest der Bekleidungswirtschaft meist eine Vorreiterrolle ein - vor allem, wenn es um Umweltfreundlichkeit und Klimaschutz geht. "Die Outdoor-Firmen haben früh erkannt, dass sie sehr kritische Kunden haben, die viel Wert auf die saubere Produktion der Waren legen", sagt Kirsten Brodde, Bloggerin und Expertin für grüne Mode. Dazu gehörten natürlich auch die Arbeitsbedingungen - sie seien aber nur ein Glied in der gesamten Produktionskette.

Bei den Unternehmen selbst gibt man sich insgesamt offen für die Kritik - und für die Thematik als solche. So gibt etwa Vaude unumwunden zu, das eigene Engagement in Birma immer wieder kritisch zu hinterfragen. Man habe sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, arbeite dort aber mit einem Produzenten zusammen, den man seit vielen Jahren kenne und der den Menschen in Birma einen sicheren und aus ethischer Sicht einwandfreien Job biete, sagt Jan Lorch von Vaude. "Wir wollen nicht, dass die Bevölkerung leiden muss, nur weil ihre Regierung unfähig und Menschen verachtend agiert." Auch deshalb habe man auf gewisse Standards gedrängt, lasse den Standort in Birma etwa auf gewisse Standards nach SA 8000 überprüfen.

Kunden fragen nach Produktionsbedingungen

Bei Patagonia verweist man darauf, dass man Mitglied der Fair Labor Association (FLA) sei, eine unabhängige Organisation, in der sich Mitarbeiter von Firmen, Universitäten und arbeitsrechtlichen Vereinigungen zusammengeschlossen hätten, um Arbeitsrecht und Arbeitsbedingungen weltweit zu verbessern. "Die FLA hat eine Liste unserer Zulieferer und überprüft jedes Jahr fünf Prozent davon ohne vorherige Anmeldung", heißt es bei Patagonia. Allerdings verlangt die FLA nur die Zahlung eines gesetzlichen Mindestlohns, nicht aber einen Existenzlohn. Bei Marmot heißt es, man sei mit verschiedenen Organisationen und Multi-Stakeholder-Initiativen aktuell im Gespräch, eine Mitgliedschaft in einer Initiative solle möglichst bald realisiert werden. Auch den Verhaltenskodex nehme man sehr ernst, eine externe Zertifizierung und unabhängige Bewertung sei ebenfalls geplant.

Bislang interessierten sich die Outdoor-Käufer vor allem für die Frage, wie viel Energie für die Produktion einer Jacke verwendet wird und ob die Materialien recyclebar sind. Doch das ändert sich - immer häufiger wollen die Kunden inzwischen wissen, wo und zu welchen Bedingungen ihre Kleidungsstücke hergestellt werden, hat man etwa bei Globetrotter festgestellt, dem größten Outdoor-Händler in Europa. "Seit zwei bis drei Jahren fragen die Kunden gezielt nach den Produktionsbedingungen", sagt Jens Kreklau von Globetrotter, "und strafen die Firmen knallhart ab, die sich nicht ausreichend darum kümmern."

Daran kommen die Unternehmen langfristig nicht vorbei, das zeigt die Reaktion von Jack Wolfskin, einem der führenden europäischen Outdoor-Hersteller: Die Firma ist zum ersten Juli der sogenannten "Fair Wear Foundation" (FWF) beigetreten. Vaude will bis spätestens Ende September beitreten. Der holländische Zusammenschluss von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen gilt als einer der strengsten und sorgfältigsten Kontrolleure von Arbeitsbedingungen. Wer sich hier überwachen lässt, meint es ernst.

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