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20. Oktober 2010, 11:04 Uhr

Süße Spots

Verbraucherschützer fordern Verbot von Kinder-Werbung

Süßigkeiten, Limonade, Kartoffelchips - die Fernsehwerbung strotzt vor Spots, die sich direkt an Kinder wenden. Ärzte und Verbraucherschützer fordern die Regierung auf, den Unternehmen die Reklame zu verbieten. Denn beworben werden vor allem ungesunde Dickmacher.

Berlin - Pro Jahr sieht ein Kind zwischen 20.000 und 40.000 TV-Werbespots - das sind bis zu hundert am Tag. In der Hälfte der Spots würden Speisen und Getränke angepriesen, sagt der Münchener Kinderarzt Berthold Koletzko. Und diese sind zumeist alles andere als gesund. Vor allem werden Produkte beworben, die zu viel Salz, Zucker oder Fett enthalten.

Weil Kinder bis zwölf Jahre besonders anfällig für Werbung sind und deren "überredenden" Charakter noch nicht erkennen können, verstärke die Industrie die Probleme von Übergewicht und ungesunder Ernährung, sagt Koletzko. "Das zeigen Studien der Weltgesundheitsorganisation und der Europäischen Union."

Zudem gebe es eine Tendenz, dass Unternehmen ihre Werbung an immer jüngere Kinder richten - um sie schon frühzeitig auf bestimmte Markenvorlieben zu trimmen. Der Arzt plädiert deshalb dafür, Werbung komplett zu verbieten, die sich an Kinder unter zwölf Jahren wendet.

Doch obwohl die Bundesregierung dies bereits 2008 angekündigt hat, ist laut Verbraucherschützern zu wenig geschehen. Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV), Gerd Billen, kritisiert die Verhaltensregeln des Deutschen Werberats als "zu unkonkret" und fordert die Regierung auf, "ihrer Ankündigung Taten folgen zu lassen und für einen Verzicht von Kinderwerbung zu sorgen".

15 Prozent der Kinder sind übergewichtig

Ein großes Problem ist laut Billen, dass selbst die geltenden Regeln nicht eingehalten werden: "Wir führen jährlich viele Verfahren gegen Hersteller, die die Grenze des Erlaubten immer wieder neu austesten", sagt er - und bemängelt, dass es zu wenige Kontrollen und Strafen gebe. Um die Position der Verbraucher zu stärken, brauche es "eine Marktaufsicht, die Werbung und Marketing systematisch beobachtet und bei Verstößen einschreitet". Das müsse eine unabhängige Instanz sein, fordert Billen.

Denn allein um Schokolade und Süßigkeiten zu bewerben, würden Hersteller dreimal so viel Geld ausgeben wie den Krankenkassen für Gesundheitsprävention zur Verfügung steht. "Die Folge: 15 Prozent aller 3- bis 17-Jährigen sind übergewichtig."

Am offensichtlichsten ist die Kinderwerbung zweifellos im Fernsehen, vor allem bei Privatsendern wird alle 15 bis 20 Minuten ein Werbeblock mit Spots für Schokolade, süßen Joghurts und Limonaden gezeigt. Doch Kinderarzt Koletzko kritisiert, dass die Unternehmen auch im Internet, in Zeitschriften und im Umfeld von Schulen konkret um Kinder werben. Inzwischen gebe es zwar schon in 85 Prozent der Industrieländer Regulierungen für Fernsehwerbung. Doch nur in Schweden und Norwegen sei Werbung, die sich direkt an Kinder unter zwölf Jahren wendet, bislang komplett untersagt.

cte

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