Rückkehr des Tagesgelds Wo Sparer wieder Zinsen bekommen

Es gibt Tagesgeldkonten, die tatsächlich wieder Zinsen abwerfen - zumindest für eine Weile. So finden Sie passende Angebote.
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Tagesgeld lebt: Jahrelang bröckelten die Zinsen auf kurzfristig verwahrtes Geld. Doch nun revitalisiert der Branchenprimus, die ING-Diba, sein Tagesgeldkonto. Die Tochter der holländischen Großbank ING bietet Neukunden für die ersten vier Monate immerhin 1 Prozent.

Die Konkurrenz Rabodirekt, quasi die niederländische Version der Volks- und Raiffeisenbanken, hatte schon vorher auf die ordentlichen Zinsen von 0,3 Prozent noch einmal einen Zinsbonus von 0,36 Prozentpunkten draufgelegt für die kommenden vier Monate. Die niederländischen Genossenschaftsbanker offerieren ihren Bonus nicht nur für Neukunden, sondern auch für Bestandskunden. Vorbildlich. Den Aufschlag gibt es aber nur für frisches Geld.

Auch sonst ist es ein wenig wie zuletzt beim Fußball: Oranje rules bei den Zinstabellen für besonders sichere Anlagen. Neben den beiden Großbanken bietet auch die niederländische Konkurrenz Money You, eine Tochter der ABN Amro und die weltgrößte Autoleasing-Gesellschaft Leaseplan - ebenfalls aus Holland - gute Zinsen .

Große Konkurrenz kommt nur von der Consorsbank, der deutschen Tochter der französischen Großbank BNP Paribas. Das Institut hatte zu Jahresbeginn ein Prozent Zinsen auf dem Tagesgeldkonto geboten - für sechs Monate. Die Zahl der Konten sei heute noch "etwas höher als zu Beginn des Jahres", schreibt die Bank auf Anfrage.

Es hängt am Wechselwillen

Deutsche Banken aber reagieren nicht. Dafür andere Anbieter aus der italienischen und französischen Nachbarschaft. Zum einen ist es die Tochter der Generali, die Cosmosdirekt: deren Tagesgeld-Angebot schwankt seit dem Frühjahr zwischen 0,5 und 0,4 Prozent. Und nimmt man noch den Markt für Festgeld dazu, spielt die Onlinetochter der Crédit Agricole, die Crédit Agricole Consumer Finance, groß auf: Sie zahlt für zwei Jahre aktuell 1,1 Prozent und für drei Jahre sogar 1,2 Prozent .

Für Geldanleger stellt sich zunehmend die strategische Frage: Lohnt es sich überhaupt, von einem Sonderangebot zum nächsten zu hoppen? Oder ist das für den überschaubaren Ertrag doch zu nervig?

Meine Antwort: Es kommt drauf an. Wenn Sie gerade viel Geld bewegen können und die Nerven haben für das Zinshoppen, dann lohnt sich das Wechseln. 50.000 Euro zu 1 Prozent für vier Monate bringen 167 Euro Zinsen.

Nützlich für Zinshopper, sie müssen anders als früher nicht mehr unbedingt zum Postamt um die Ecke und dort 30 Minuten Schlange stehen für das Post-Ident-Verfahren. Die meisten großen Banken bieten inzwischen das Video-Ident-Verfahren. Sie können sich damit vom heimischen Computer für ein solches Konto anmelden .

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Wenn Sie daraus aber eine Strategie machen wollen, dann sollten Sie einen weiteren Trick beherrschen: Schließen Sie Ihr Konto jeweils wieder völlig - es reicht nicht, es bloß leerzuräumen, sobald die Zinsen niedrig sind. Wer das Konto ganz schließt, wird von den Banken nach sechs oder zwölf Monaten wieder als Neukunde akzeptiert. Und hat so wieder Zugang zu den schönen Neukundenangeboten.

So schnell wird es nicht besser werden

Wem das zu stressig ist, der suche sich für die zwei bis drei Monatseinkommen, die als eiserne Reserve auf dem Tagesgeldkonto liegen sollten, einen dauerhaft guten Anbieter. Also einen, der zuletzt nachgewiesen hat, dass er die Zinsen über längere Zeit hoch hält. So 0,3 Prozent bis 0,5 Prozent sind im Verlauf der vergangenen zwölf Monate ziemlich kontinuierlich bei mehreren Banken drin gewesen .

Höhere Zinsen sind dort aber vorläufig nicht zu erwarten. Ich habe nachgefragt: Sprecher von Consorsbank, Cosmosdirect, ING-Diba, aber auch bei den Zinsportalen Weltsparen, Savedo und Zinspilot bestreiten unisono, dass es mit den Zinsen auf dem Tagesgeldmarkt insgesamt kurzfristig nach oben gehen könnte. Während Cosmosdirekt bei den kurzfristigen Zinsen wenigstens eine "Bodenbildung" erkannt haben will, beobachtet man bei Zinspilot, dass die Zinsen für Bestandkunden in den vergangenen drei Monaten noch einmal nach unten gezeigt hätten.

Bleibt die Frage: Sind Sie allein als Zinshopper? Mit harten Zahlen wollte sich diese Woche keiner der Akteure zu dieser Frage äußern. Aber die Kombination aus Zinserhöhung und Marketing sei aktuell sicher der "einfachste und schnellste Weg" zur Gewinnung von Neukunden, so einer der Banker.

Vielleicht. Unklar ist einfach, ob die, die reinspringen, tatsächlich gleich wieder raushüpfen, sobald das Begrüßungsgeld gezahlt ist. Marktführer ING-Diba hatte zum Jahresbeginn nach eigenen Angaben 6,8 Millionen Tagesgeldkunden, auf den Konten liegen über 100 Milliarden Euro. Nachdem die Bank im April die Zinsen beim Tagesgeld auf praktisch null senkte (0,01 Prozent), hätten sich die "Anzahl der Konten und das Volumen kaum verändert". Daten wollte die ING-Diba allerdings nicht rausgeben, um diese Einschätzung zu belegen. Na ja.

Dazu passend: Consorsbank meldet etwas höhere Zahlen als zu Jahresbeginn, sie war ja auch bis zum März mit einem 1-Prozent-Angebot für sechs Monate unterwegs - und zahlt immer noch 0,6 Prozent für Neukunden.

Die bequemere Alternative

Bei Cosmosdirekt heißt es hingegen, dass sie eine "Zurückhaltung bei Wechsel durch neue Zinsangebote beobachten". Das lässt dort auf wenige Zinshopper schließen. Schade, denn Konkurrenz kann das Geschäft nur beleben, wenn die Verbraucher sie auch nutzen.

Eine bequemere Alternative gäbe es ja am Markt, jedenfalls im Prinzip: Zinsportale wie Weltsparen, Zinspilot oder Savedo könnten Vereinbarungen mit ihren Kunden treffen, dass Sie das Geld von einer ihrer angeschlossenen Banken zur nächsten schieben, je nachdem, wer den besten Zins bietet. Technisch und rechtlich wäre das kein Problem. Der Kunde müsste dann nur noch sagen, wie sicher die Bank sein soll,  welcher Einlagensicherung sie zum Beispiel angehören soll.

Tatsächlich aber findet auch das kaum statt. Andreas Wiethölter, der Marketing Chef von Savedo und Zinspilot erklärt sogar, dass die Neukundenangebote sich im Wettbewerb für Tagesgeldkunden bei ihnen "nicht bemerkbar" machten. Die beiden Portale hatten im August allerdings auch erst 155.000 Kunden. Weltsparen berichtet, man beobachte unter seinen mehrere zehntausend Kunden zwar auch Hopper, aber deren Anteil sei eher gering.

Da stellt sich die Frage: Warum gehen die großen Banken trotzdem mit Neukundenzinsen auf den Markt? Offenbar lohnt sich das noch. Neukundenzinsen sind dort erfolgreiche Werbung und sie sehen, dass zumindest einige Kunden reagieren. Damit steigt die Zahl der Kunden wenigstens zeitweise. Zum nächsten Stichtag kann die Bank dann melden, dass man wieder gewachsen sei.

Und dann gibt es natürlich die - durchaus berechtigte - Hoffnung, dass ein größerer Teil dieser Neukunden eigentlich gar keine Hopper sind, sondern träge genug sind und nach Ablauf des Sonderzinses einfach bleiben.

Deshalb meine Bitte an Sie: Wenn Sie auf die Jagd gehen, nehmen Sie die Werbegeschenke mit. Aber werden Sie danach nicht zu gemütlich. Machen Sie den Verbleib bei der neuen Bank davon abhängig, ob Sie anschließend gescheite Angebote für ihr Geld bekommen. Etwas Besseres als 0,01 Prozent finden Sie überall.