Teure Energie Krieg in der Ukraine treibt Inflation in Deutschland auf 7,3 Prozent

Wegen des Ukrainekriegs und extrem steigender Energiepreise verliert das Geld dramatisch an Wert: Die Inflationsrate lag laut einer ersten Schätzung im März bei 7,3 Prozent. Das ist der höchste Stand seit rund 40 Jahren.
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Importiertes Erdgas kostete zuletzt dreieinhalb Mal so viel wie vor einem Jahr – die jüngsten Kriegsverwerfungen noch nicht einberechnet

Foto: Andrey Rudakov / Bloomberg / Getty Images

Die Verbraucherpreise explodieren: Im März ist die Inflationsrate in Deutschland voraussichtlich auf 7,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat kräftig gestiegen. Sie erreichte damit den höchsten Stand seit mehr als 40 Jahren, wie das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung mitteilte. Ähnlich hoch war die Rate in Deutschland demnach zuletzt im Herbst 1981, getrieben durch die Folgen des ersten Golfkrieges. Im Februar dieses Jahres hatte die Teuerungsrate noch bei 5,1 Prozent gelegen.

Eine deutlich höhere Inflationsrate war wegen der stark steigenden Energiepreise erwartet worden, Ökonomen hatten aber mit einem Anstieg auf »nur« 6,3 Prozent gerechnet. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist Tanken und Heizen aber nochmals deutlich teurer geworden. Das belastet Unternehmen genauso wie Privatleute.

Nahrungsmittel ebenfalls deutlich teurer

Die Menschen in Deutschland mussten laut Statistischem Bundesamt im März 39,5 Prozent mehr für Haushaltsenergie und Kraftstoffe ausgeben als im Vorjahresmonat. Erdgas kostete bereits im Februar dreieinhalb Mal so viel wie vor einem Jahr, die jüngsten Kriegsverwerfungen noch nicht mal mit einberechnet. Im März wiederum verteuerten sich auch Nahrungsmittel weiter – um 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Schätzungen für das Gesamtjahr gehen von einem Wert über sechs Prozent aus. Das wäre die höchste jährliche Teuerungsrate seit der deutschen Wiedervereinigung 1990. Die Bundesregierung hat inzwischen ein Paket geschnürt, um die Menschen angesichts der stark gestiegenen Energie- und Spritpreise zu entlasten.

Ob das reicht? Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kletterte die Teuerungsrate im März auf 7,6 Prozent – und damit auf den höchsten Stand seit 1973. In Hessen stieg die Inflation mit 8,0 Prozent auf dem höchsten Wert seit 48 Jahren.

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Unternehmen wollen Preise anheben

Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. »Auch die Preise für Nahrungsmittel und Industriegüter dürften im Zuge des Einbruchs der Weizenexporte aus der Ukraine und Russland beziehungsweise aufgrund neuer Störungen der Lieferketten zusätzlichen Auftrieb erhalten«, schrieb die Deutsche Bundesbank etwa in ihrem Monatsbericht für März.

Wegen der höheren Kosten wollen zudem so viele Unternehmen wie noch nie ihre Preise in den kommenden drei Monaten anheben, wie das Münchner Ifo-Institut mithilfe einer Umfrage ermittelte. »Der Angriff Russlands auf die Ukraine treibt nicht nur die Energiekosten in die Höhe, sondern auch die Preise vieler Agrarrohstoffe«, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Entsprechend fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband für den Fall weiter steigender Preise zusätzliche Entlastungen.

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Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern – weil sie sich für einen Euro dann weniger leisten können. Das Geld verliert an Wert, von ihren Einkommen, Renten, Kapitaleinkünften oder Sozialleistungen können sich die Menschen deutlich weniger leisten.

Wohlstand in Deutschland bedroht

Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte auf die Entwicklung mit höheren Zinsen reagieren, hält bislang aber noch immer an ihrer sehr lockeren Geldpolitik fest. »Für die europäische Geldpolitik wird die Situation von Woche zu Woche schwieriger. Die hohe Inflation und weitere Störungen der Produktionsabläufe drohen das Wirtschaftswachstum auf den Nullpunkt abzubremsen«, warnt Michael Heise, Chefvolkswirt von HQ Trust.

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Die »Wirtschaftsweisen«, die die Bundesregierung in ökonomischen Fragen beraten, haben wegen der Folgen des Ukrainekriegs ihre Konjunkturprognose bereits deutlich nach unten geschraubt. Der Sachverständigenrat erwartet nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent. Trotz dieser Schwäche sollte die EZB laut Heise den Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes vorantreiben, »um eine gefährliche Verfestigung der Inflation über längere Zeiträume zu verhindern«.

Sollten die Lieferungen russischer Energie gestoppt werden, könnte sich die Lage weiter zuspitzen. Es droht Ökonomen zufolge gar eine Inflationsrate in Höhe von zehn Prozent. »Manche Unternehmen würden ihre Produktion wohl einstellen müssen und mehr Menschen in Kurzarbeit schicken«, sagte der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, der »Passauer Neuen Presse«.

Die EZB strebt für den Euroraum insgesamt stabile Preise bei einer jährlichen Teuerungsrate von zwei Prozent an. Europas Währungshüter rechnen für den Währungsraum der 19 Länder im laufenden Jahr mit einer Teuerungsrate von 5,1 Prozent.

apr/hba/dpa/Reuters