Hermann-Josef Tenhagen

Teure Verträge Wir sind über 55, aber nicht blöd

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Ob Handy-, Gas- oder Bankvertrag – Unternehmen zocken mittelalte Menschen oft ab. Das müssen wir uns nicht bieten lassen.
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Westend61 / Getty Images

Kürzlich haben wir in der Redaktion über die besonderen Anforderungen und Wünsche der über 55-Jährigen gesprochen. Die sind viele, allein 1964 kamen in Deutschland 1,35 Millionen Babys zur Welt – doppelt so viele wie im Jahrgang 2012. Und die wollen nicht mehr die leicht erreichbaren Opfer sein, für die mancher Banker und Versicherungsverkäufer sie offenkundig lange gehalten haben.

Ein kleiner Auszug aus unseren Überlegungen:

Banken

In der Bank werde auch ich mit Ü55 besonders zuvorkommend behandelt. Offenbar aus drei Gründen. Erstens wird angenommen, dass das Gehalt nach diversen Beförderungen mit Mitte 50 stimmt, dass zweitens die Kinder wohl aus dem Haus sind und drittens womöglich auch bald die erste Lebensversicherung ausgezahlt wird. Beim Neuanlegen meines Geldes kann der Finanzdienstleister also auf dicke Provisionen hoffen.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Aber wie geht das? Dabei wird oft gar nicht versucht, besonders großen Unsinn zu verkaufen. Es reicht, uns ein im Prinzip vernünftiges Produkt etwas zu teuer anzubieten. 50.000 Euro aus der Lebensversicherung in einem gemanagten weltweit anlegenden Fonds mit zwei Prozent Gebühren einzuzahlen, bringen für Bank und Fonds jedes Jahr 1000 Euro Gebühren und bei mancher Bank noch mal ein bis zu 2000 Euro hoher Ausgabeaufschlag. Dabei wäre ein ähnliches, wahrscheinlich sogar besseres Investment in Aktien auch mit 250 Euro jährlicher Gebühr und fast keinem Ausgabeaufschlag  möglich.

Sollte man als Mittfünfziger schon Fonds gekauft haben, nimmt das Gespräch schnell den gegenteiligen Verlauf. Dann kommt das Argument: »Sie sollten Ihr Geld unbedingt noch vor der Rente komplett in sichere Anlagen umschichten!« Denn: Beim Umschichten bleibt immer was beim Berater hängen.

Schwierig wird es, wenn einer aus unserer Altersgruppe doch noch viel Geld von der Bank will. Einen großen Immobilienkredit zum Beispiel. Denn dann sieht der Dienstleister am Horizont langsam das Rentenalter. Das macht zurückhaltend. »Kann der das denn in Rente immer noch bezahlen?«

Versicherer

Von nun an geht es bergab, jedenfalls als Versicherungskunde. Bei der Autoversicherung fürchtet man verlangsamte Reflexe, mehr Unfälle halt. Also wird der Schutz Jahr für Jahr teurer , selbst wenn man in der gleichen Schadensfreiheitsklasse fährt wie die Jüngeren. Da hilft es nur, Versicherer zu vergleichen und auch noch mal zu wechseln. Ich persönlich mach jetzt sogar Telematik.

In der Krankenversicherung haben frühere Regierungen beschlossen, dass es jetzt an der Zeit ist, einen Teil von uns endgültig bei der privaten Krankenversicherung einzusperren. Nicht dass irgendeiner auf den Gedanken kommt, im Alter bei niedrigerem Einkommen zurück in den günstigeren Schoß der gesetzlichen Krankenkasse  zu wechseln.

Das kann ich sogar verstehen: das Spiel, sich in der Jugend privat krankenzuversichern, weil das mit 30 und gutem Einkommen billiger ist – und im Alter zurück in die gesetzliche, um wieder billiger zu fahren. Das ist allerdings unsozial. Auf der anderen Seite, sind viele junge Erwachsene gutgläubig gewechselt und müssen nun feststellen, dass das Leben nicht gelaufen ist wie geplant. Und die Krankenversicherung nicht mehr bezahlbar. Dahinter steckt oft echte Not.

Eigentlich aber würde ich mir wünschen, dass die Regierenden dafür sorgen, dass die Konkurrenz zwischen gesetzlichen Krankenkassen und privaten Versicherern real ist , dass also, wer sich privat versichert in der Jugend nicht (so viel) spart, im Alter aber auch nicht am Hungertuch nagen muss, weil die Beiträge alles wegfressen.

Warum wird nicht festgelegt, dass die Kostenobergrenze der durchschnittlichen gesetzlichen Krankenkasse im Alter auch die Obergrenze der privaten Versicherer wird? Dann müssten die entsprechend vorsichtiger kalkulieren und die (jungen) privat Versicherten mehr zahlen.

Hausratversicherung

Das ist auch so ein Ü55-Phänomen. Tatsächlich tauschen Menschen meines Alters häufig ausgediente Möbel gegen teurere, gediegenere Varianten aus: Geld genug ist da, keine Kleinkinder, die auf Sofas hopsen. Beim zweiten Jugendstilsofa und der eleganten Küche für 30.000 Euro, die bis ins hohe Alter funktionieren soll, ist eine solche Hausratversicherung ja auch prinzipiell sinnvoll. Und auch eine, die den Wert des Hausrats realistisch ermittelt oder über eine Pauschale sicherstellt, dass der ganze Hausrat im Schadensfall auch ersetzt werden kann . Wenn sie nur nicht so teuer wäre. Schon im vergangenen Jahr haben die Versicherer von jedem bezahlten Beitragseuro in der Sparte weniger als 40 Cent für Schäden ausgegeben. Und im September hat der neue Chef des Versicherungsverbandes GDV, Jörg Asmussen, vorgerechnet, dass noch nie seit 1981 so selten eingebrochen worden ist wie im Corona-Jahr. Das heißt, die zu bezahlenden Schäden bei den Hausratversicherern nehmen weiter ab. Nur wir Kunden sehen nix davon, höchstens wenn wir uns mal ein neues Angebot von der Konkurrenz machen lassen .

Internet und Mobilfunk

Okay, wir sind keine Digital Natives. Aber doof sind wir nun auch nicht. Nicht nur haben wir immer die teuersten und schicksten neuen Phones und Laptops gekauft. Auch die Datenvolumen unserer Verträge sind großzügig bemessen (die Preise auch). Nervig nur, dass meine jüngeren Kollegen immer mal wieder darauf hinweisen, dass ich mit meinem alten Mobilfunkvertrag von den Netzanbietern besonders gemolken werde. Der Treue ist der Dumme, ist hier das Prinzip.

Also wechseln Sie ab und zu den Internetprovider, die Anbieter fürs Handynetz – und kaufen Sie die neuesten Geräte lieber ein halbes Jahr nach der großen Markteinfühung. Die haben meistens keine Kinderkrankheiten mehr und billiger sind sie auch .

Strom – und Gas

Treusein ist dumm, gilt auch hier. Wer länger bei einem Anbieter bleibt oder womöglich nie wechselte, zahlt in beiden Märkten einen hohen Preis. Fair ist das nicht, denn die Anbieter haben ja mit treuen Altkunden die niedrigsten Kosten. Und doch bekommen die jungen Kunden die besseren Preise. Lassen Sie sich das nicht bieten! Jung genug zum Wechsel sind Sie allemal. Das ist bei Strom und Gas nämlich ganz besonders leicht. Einfach beim neuen Anbieter unterschreiben – und der kündigt auch gleich für Sie den alten. Die nickelige Tour der Anbieter, treue Altkunden auch noch die Sonderangebote der Neukunden querfinanzieren zu lassen, die sollten Sie sich nicht bieten lassen. Wechseln Sie mit, alle paar Jahre wenigstens. Und wenn Ihr Anbieter besonders großzügige Bonusangebote für Neukunden macht, überprüfen Sie Ihren eigenen Preis noch mal extra. Der verschenkt womöglich gerade Ihr Geld an die Neuen. 

Altersvorsorge

Wie wir es auch wenden, das ganz große Los haben wir Ü55er in diesem Bereich nicht gezogen. Unser künftiges Rentenniveau ist seit 1990 immer wieder gekürzt worden. Wir sind die ersten Jahrgänge, die bis 67 arbeiten sollen und unsere Rente sollen wir dann auch noch zu fast 100 Prozent versteuern. Bei den Riester-Verträgen, die wir jetzt als Steuerzahler als Ersatz für die Rentenkürzungen selbst subventionieren, profitieren manche Anbieter mehr als die Kunden. 180.000 Riester-Sparer bekommen inzwischen regelmäßig eine kleine Rente von den Versicherern, schrieben die uns diese Woche. 

Wohnen

Wenigstens ein Bereich, in dem wir Mittelalten das große Los gezogen haben (dürften). Unser Mietvertrag ist so alt, dass kein Vermieter Ihre Miete über die aktuell gültigen Mietspiegel hinaus erhöhen kann. Das heißt, Sie bezahlen die Hälfte des Mietpreises für 30-Jährige – jedenfalls pro Quadratmeter (in den meisten Großstädten). Und wenn Sie glücklicher Eigentümer einer Immobilie sind, haben Sie die Hütte wahrscheinlich vor 20 Jahren günstig gekauft und mit den niedrigen Zinsen des vergangenen Jahrzehnts noch früher (schon fast) abbezahlt. Nicht dran rühren…

Blöd bloß, dass der Umzug in eine kleinere Wohnung nicht so einfach ist. Auch nicht der Wechsel aus dem Stadtrand in die Innenstadt (oder umgekehrt, je nach Neigung). Die Kinder sind zwar aus dem Haus, es braucht nicht mehr so viel Platz, eher einen Fahrstuhl oder eine gute Infrastruktur in unmittelbarer Nähe. Aber das ist nicht so einfach, weil Sie das Neumieten wie das Neukaufen viel zu teuer kommt.

Wie sind keine Leos

Mit unseren  Problemen abfinden müssen wir uns nicht. Was das Wohnen angeht, auch in der Altersvorsorge oder bei der Krankenversicherung. Wir, die über 55-Jährigen, sind ab jetzt schließlich die geburtenstarken Jahrgänge. Und wir gehen eigentlich ganz gern wählen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht ein paar Fußangeln, die für uns Mehrheitszeitgenossen ausgelegt werden, wegräumen könnten. Mit unserer schieren Zahl, als Kunden, als Wähler, als Steuerzahler.

Eins kann ich Euch Jüngeren versprechen: Demonstrieren haben viele von uns gelernt: in Leipzig, Berlin und im Bonner Hofgarten.

Als wir noch jünger waren, haben einige von uns leider manche der damals über 55-jährigen als »Leos« angesehen und behandelt. Leos stand damals für »leicht erreichbare Opfer«, denen man unnütze Fondsanteile, Lehman-Zertifikate und Bausparverträge mit 77 Jahren verkaufen konnte. Solche Leos werden wir nicht.

Leo heißt auf Latein Löwe. Die schlafen viel, sind zwar nicht immer die Schnellsten, aber jagen sehr erfolgreich im Rudel. Seht euch vor.

Echtes Postscriptum: Meine Tochter macht mich darauf aufmerksam, dass wir ihr – auch im Gefühl unserer neuen Stärke – den gemeinsamen Planeten nicht auf der Intensivstation überlassen sollten.