Ökoboom in Texas Gratisstrom für alle

In Texas gibt es Windstrom im Überfluss, die ersten Versorger beginnen, ihn nachts zu verschenken. Für manche Ökonomen ist das erst der Anfang: Sie versprechen, dass es Licht und Wärme bald überall auf der Welt zum Nulltarif gibt.
Windpark in Texas: Rotoren bis zum Horizont

Windpark in Texas: Rotoren bis zum Horizont

Foto: LM Otero/ AP

Texas, Reich der Ölpumpen? Das ist nur noch die halbe Wahrheit. In dem US-Südstaat stehen auch gigantische Windparks, die gut zehn Prozent des Stroms produzieren. Durch den Rotorenboom gibt es Elektrizität in Texas oft im Überfluss - vor allem nachts, wenn der Verbrauch niedrig ist, weil die meisten Menschen schlafen.

Dutzende Energieversorger ziehen daraus nun Konsequenzen. Das Unternehmen TXU Energy etwa verschenkt zwischen 21 und 6 Uhr seinen Strom, wie die "New York Times" diese Woche berichtete . Es will Kunden animieren, die Waschmaschine oder den Geschirrspüler auch mal nachts laufen zu lassen, sprich: Strom zu verbrauchen, wenn gerade zu viel davon da ist.

Selbstlos ist das nicht: Firmen wie TXU hoffen auf engere Kundenbindung und auf niedrigere Betriebskosten für die vom Stromüberangebot oft überlasteten Netze.

Der Gratisstrom aus Texas ist die nächste Stufe eines globalen Trends: Die erneuerbaren Energien verändern das System der Stromversorgung fundamental - in immer mehr Ländern. Vielerorts fließt heute so viel erneuerbare Energie durch die Netze, dass der Verbrauch an die Produktion angepasst werden muss, denn die verändert sich mit jeder Windböe und mit jeder Wolke, die die Sonne verdunkelt. Mit diesem technischen Wandel endet allmählich die Zeit der starren Stromtarife.

In Italien etwa bekommen Kunden des Versorgers Enel eine Prämie, wenn sie sich zu Zeiten, in denen der Verbrauch hoch ist und die Netze belastet sind, besonders sparsam verhalten. Auch in Deutschland gibt es längst nicht mehr nur für die Nachtspeicherheizung Nachttarife. Zum Nulltarif gibt es den Strom hierzulande zwar nicht, da Netzgebühren, Ökostromumlage und andere Kosten auf die Stromrechnung aufgeschlagen werden. Aber doch deutlich günstiger als zum Normaltarif.

Für manche Ökonomen ist das nur der erste Schritt des Wandels. Der Bestsellerautor Jeremy Rifkin  etwa sieht bereits eine Zeit anbrechen, in der es Strom und Wärme Tag und Nacht zum Nulltarif geben könnte. Ähnlich wie beim Telefonieren: Dort gab es auch erst den Abend-Spartarif (an den sich nur noch ältere Leser erinnern dürften). Einige Jahre später dann kam die Flatrate.

Der Stromsektor könnte sich ähnlich entwickeln: Der Boom der erneuerbaren Energien beschleunigt sich und erfasst immer mehr Länder; die Produktionskosten für Ökostromanlagen fallen; die Stromproduktion steigt rasant. Es gibt zwei Zahlen, die diese Entwicklung besonders deutlich machen:

  • Im ersten Halbjahr 2015 übertraf die Leistung aller weltweit installierten Windräder erstmals die aller kommerziellen Atomkraftwerke.
  • Die Preise für die Paneele von Solaranlagen sind zwischen 2008 und 2014 um gut 75 Prozent gefallen.

Viele Energieanalysten erwarten, dass sich der Boom der erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren fortsetzt - auch wenn er sich durch das derzeitige Ölpreistief womöglich etwas verlangsamt. Der Trend ist demnach klar: Strom soll es immer öfter im Überfluss geben, die Kosten für die Kilowattstunde sollen dadurch immer weiter sinken. "Die Rettung (des Klimas) wird billig", schreibt  der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman.

Rifkin verspricht gar eine Null-Margen-Gesellschaft - eine Welt, in der die Umwelttechnik so effizient wird, dass es Energie irgendwann zum Selbstkostenpreis gibt. Zwischen 2030 und 2040 soll es laut Rifkin so weit sein. Die Ära der Ölscheichs und Gas-Oligarchen wäre dann vorbei. Menschliche Bedürfnisse wie Licht und Wärme würden gratis befriedigt. Die Produktionskosten vieler Industriesektoren würden sinken.

Es ist die Vision eines digitalisierten, hyperproduktiven Nachhaltigkeitskapitalismus. Ob sie je wahr wird, ist noch ungewiss. Doch schon jetzt ist klar: Die Verbraucher können von dem neuen nachhaltigeren Energiesystem auf viele Arten profitieren. Einen kleinen Vorgeschmack darauf liefern die Gratisangebote in Texas.

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