Pleite des Reiseveranstalters Das können Thomas-Cook-Geschädigte jetzt tun

Wer Reisen beim Pleite-Konzern Thomas Cook gebucht hat, muss noch immer auf sein Geld warten - und wahrscheinlich bekommt er nur einen Bruchteil zurück. Trotzdem gibt es Kniffe, seine Chancen zu verbessern.

FRIEDEMANN VOGEL/ EPA-EFE/ REX

Eine Kolumne von


Vor acht Wochen ist mit Thomas Cook die zweitgrößte Reisegesellschaft Europas pleitegegangen. 660.000 Kunden saßen direkt fest. Weitere Hunderttausende mussten auf ihre schon gebuchten Reisen verzichten. Die Urlauber sitzen nun auf einem Schaden von mehreren Hundert Millionen Euro - allein in Deutschland. Und so wie es aussieht, wird ein Großteil dieses Schadens nicht erstattet. Das heißt nicht, dass Urlauber sich das gefallen lassen müssen.

Bei den Pleiten von Air Berlin und Germania hat es gut funktioniert, wenn Urlauber, die mit Kreditkarte gezahlt hatten, ein sogenanntes Chargeback-Verfahren auslösten. Zumindest wenn die Kunden hartnäckig blieben. Bei einer Pauschalreise sollte das gar nicht nötig sein: Schließlich sind alle Kunden gegen Insolvenz versichert. Normalerweise zumindest.

Der sogenannte Reisesicherungsschein wurde nach einigen spektakulären Pleiten Ende des vergangenen Jahrtausends eingeführt. Er sichert nicht nur finanziell ab, sondern soll auch garantieren, dass die Reisenden bei einer Pleite wohlbehalten zurückkommen.

2015 hatte die EU die entsprechende Richtlinie noch einmal modernisiert, 2017 setzte das die Große Koalition in deutsches Recht um.

Doch im Fall Thomas Cook greift diese Richtlinie nur unzureichend.

Die große Mehrzahl der Thomas-Cook-Reisenden hatte bei den Konzernunternehmen Air Marin, Neckermann, Öger Tours oder Bucher Reisen gebucht. An der Vielzahl der Marken kann man schon erahnen, dass es sich hier um einen ganz Großen der Touristikbranche handelt.

Thomas Cook war offenbar größer als die Fantasie des Gesetzgebers: Nur 110 Millionen Euro für Schäden innerhalb eines Jahres ist die gesetzlich vorgeschriebene Versicherungssumme. Nach der Thomas-Cook-Pleite zeigte sich schnell, dass das nicht reichen würde. Und, oh Wunder, der Versicherer Zurich, der die Sicherungsscheine für Thomas Cook ausstellte, bürgt auch genau nur für diese Summe.

Von den 110 Millionen ging bisher schon einiges ab: Die Rückholung von über 100.000 Cook-Kunden direkt nach der Pleite kostete bereits rund 60 Millionen Euro. Hinzu kommt, dass aus Sicht des Versicherers auch noch die Pleite eines kleinen Konkurrenten mit sieben Millionen Euro Kosten aus dem 110-Millionen-Topf- bezahlt werden soll.

Zurich schreibt mir diese Woche, dass sich schon bis zum 1. November 150.000 Kunden gemeldet und über 250 Millionen Euro Schaden geltend gemacht hätten. Überschlägig ergibt sich, das Zurich den Kunden Anfang Dezember weniger als 20 Prozent Entschädigung anbieten will. Mit anderen Worten: Wer für seine Familie für 5000 Euro eine Pauschalreise gebucht und gezahlt hat, bekommt nur rund tausend Euro zurück.

Die Schuld an diesem finanziellen Desaster verteilt sich auf drei Beteiligte:

  • Da ist einmal das insolvente Unternehmen Thomas Cook: Als Branchenriese hätte es bei mehreren Versicherern Schutz einkaufen sollen.
  • Dann wäre da die Versicherung Zurich, die vertraglich nur verpflichtet ist, 110 Millionen Euro zu zahlen, aber einen Großteil des Geldes schon verplant hat.
  • Aber auch die Bundesregierung hat ihren Anteil: Schließlich hat sie verschlafen, eine vernünftige Absicherung für den Reisegiganten vorzuschreiben. In Österreich hätte die Absicherung durch den Versicherer mindestens 380 Millionen Euro betragen (zehn Prozent des Jahresumsatzes der versicherten Reiseunternehmen), in vielen anderen EU-Ländern ist eine Einschränkung der Entschädigung gar nicht vorgesehen.

Es gehört wenig Fantasie dazu zu vermuten, dass sich die drei Protagonisten nun ein langes Geplänkel liefern werden, bei dem am Ende die Kunden die Dummen sind.

Dabei müsste das nicht sein. Denn alle Beteiligen haben Möglichkeiten, die Lage für die Kunden zu verbessern:

  • Der Insolvenzverwalter der Thomas Cook sollte ganz genau wissen, wer schon Reisen bei den Konzerntöchtern angezahlt hat - und wie viel Geld dabei im Spiel ist. Die Insolvenzverwalter der Tochterfirmen könnten einfach eine Liste der Reisenden als Gläubiger zur Verfügung stellen, niemand müsste sich anmelden, niemand würde vergessen werden. Allerdings stellten die Insolvenzverwalter Hermann, Wienberg und Wilhelm bisher keine solche Liste bereit. Ihre Presseagentur konnte nicht einmal die Gesamtzahl der potenziellen Reisekunden-Gläubiger nennen. Im Dezember sollen die Reisenden angeschrieben werden.
  • Die Bundesregierung erklärt immer wieder öffentlich, dass der Versicherer die 110 Millionen Euro Versicherungssumme für die Schäden der Kunden zusätzlich zur Rückholung bezahlen müsste. Bislang hat die Regierung aber das Unternehmen Zurich nicht dazu gebracht, sich der staatlichen Rechtsauffassung anzuschließen. Es stellt sich dabei die Frage, ob die Regierung Zurich nicht zwingen müsste, im Sinn der Gleichbehandlung aller Geschädigten eine Rechnung an die zurückgeholten 140.000 Urlauber zu schreiben und einen Teil der Rückholkosten den anderen Urlaubern gutzuschreiben. Dann bekämen alle Geschädigten vielleicht jeweils 30 Prozent ihres Schadens ersetzt. Für Zurich allerdings wäre das ein PR-Desaster.

Dieser ganze Schlamassel war absehbar: Thomas-Cook-Konzern, Versicherer und der Staat haben ein solches Desaster billigend in Kauf genommen. Seit 2001 warnten Reisefachleute davor, dass die 110-Millionen-Regeln angesichts des schnell wachsenden Reisemarkts nicht angemessen war. 2017 kaum die Einsicht hinzu, dass der Thomas-Cook-Konzern inzwischen ein wackelnder Gigant war.

Was Kunden tun können

Wenn Sie als Kunden nicht auf diese unendliche Geschichte warten wollen und Ihre Reise mit der Kreditkarte oder mit PayPal angezahlt haben, haben Sie noch eine andere Option. Sie können das Chargeback-Verfahren einleiten oder den Käuferschutz von PayPal nutzen. Das hat bei den Pleiten von Airberlin und Germania gut funktioniert.

Beim Chargeback sorgt die eigene Bank für eine Rücküberweisung, wenn die Leistung vom abrechnenden Unternehmen gar nicht erbracht worden ist. Das dürfte unzweifelhaft der Fall sein.

Die Regeln von Mastercard und Visa sehen dieses Chargeback auch vor, wenn der Versicherer eines Reiseveranstalters nicht leisten will oder kann. Dann wird dem Kunden entweder der Restschaden oder die komplette Summe zurücküberwiesen. Noch bleibt abzuwarten, wie die Banken das genau umsetzen. Denn der Fall Thomas Cook ist auch für sie eine neue Erfahrung. Vor einem Chargeback muss jedenfalls klar sein, wie viel die Zurich nun genau zahlt.

Für das Chargeback-Verfahren halten die Banken Formulare bereit, entweder online oder in der Filiale. Daneben brauchen Sie noch die Buchungsunterlagen und das Schreiben des Versicherers, dass er nicht für die gesamten Kosten aufkommt. Seien Sie aber hartnäckig. Denn vermutlich werden wieder viele ahnungslose oder nur bequeme Bankangestellte erklären, dass in diesem Fall kein Chargeback möglich ist.

Gläubiger von Thomas Cook wären dann die Firmen, die beim Chargeback von den Kreditkartenkonzernen herangezogen werden. Die können dann dem Insolvenzverwalter - und vielleicht auch der Bundesregierung Druck machen.

Und die Kunden wären ausnahmsweise das Problem los.

insgesamt 20 Beiträge
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mingolan 30.11.2019
1. Eine Möglichkeit haben Sie vergessen
Die EU-Richtlinie sieht keine Möglichkeit zur Haftungsbeschränkung vor. Dadurch, dass der Bund diese aber eingeführt hat, könnte eine fehlerhafte Umsetzung der Richtlinie vorliegen, die eine Staatshaftung begründet. Die Zurich hat im Übrigen genau den Versicherungsschutz angeboten, die Thomas Cook bei ihr eingekauft hat. Und Thomas Cook hat genau den Versicherungsschutz eingekauft, den sie gesetzlich benötigten. Der Schwarze Peter liegt daher allein beim Bund.
claus7447 30.11.2019
2. Geduld ....
... nun nicht jedermanns Stärke. Ja ich bin Betroffener. es geht dabei lediglich um eine Anzahlung - die liegt aber auch bereits über 1.000 Euro. Eingereicht hatte ich die Schadenssumme unmittelbar nach Eröffnung der Insolvenz. Obwohl TC bis dato immer noch verlauten lies das Reisen ab 1.10 und dann 1.1. durchgeführt werden. Mittlerweile hat sich die Zurich gemeldet, das mein Fall an die Abwicklungsfirma weitergereicht ist. Auf Anfrage meiner Creditkartenbank kam sofort eine Antwort - ja - reichen Sie den Fall ein, sobald feststeht wie viel die Versicherung nicht bezahlt. Weiteres sei im Moment allerdings nicht möglich.
schoeneberg 30.11.2019
3. Unglückliches Bild
Leider habe ich bei vielen Medien wie zum Beispiel in der Tagesschau oder jetzt bei Ihnen immer wieder gesehen, dass die Pleite von Thomas Cook mit Bildern von deren Flugzeugen unterlegt sind. Ich finde diese Darstellung unglücklich da die Verbindung zur noch bestehenden Condor hier leider unterschwellig besteht und deren Versuch wieder auf die Beine zu kommen somit unterminiert werden. Irgendwie scheinen Flugzeuge ja immer noch eine tolles Anziehungsvermögen zu haben, dass man immer wieder diese Bilder zu den Berichten zeigen muss. Ich habe keine persönlichen Verbindung zur Condor, finde es aber immer wieder erstaunlich wie man mit solchen unreflektierten Darstellungen die eigene Wirtschaft schwächt.
Tobi2995 30.11.2019
4. @Kommentar #3
Ich verstehe, worauf sie hinaus wollen. In der konkreten Abbildung wird allerdings kein Condor-Flugzeug gezeigt, sondern eines der Thomas Cook Airlines Balearic. In dem Fall ist der Verweis so falsch nicht...
Hyperion2206 30.11.2019
5. Nur 2 Schuldige
Ich kann dem Autor hier nur bedingt Recht geben. An diesem Debakel gibt es nur 2 Schuldige: 1. Thomas Cook, weil sie aus Geiz nicht für ausreichendem Versicherungsschutz gesorgt hat. 2. Die Bundesregierung, weil sie die gesetzlich vorgeschriebenen Deckungssumme nicht an die heutigen Gegebenheiten angepasst hat. Den Versicherer trifft hier keine Schuld. Dieser leistet doch tatsächlich nur dafür, wofür Thomas Cook auch bezahlt hat.
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