Tops und Flops der Börsengänge Ein gutes Jahr für die Mutigen

Im Börsenjahr 2013 bestätigte sich eine Regel: Höre bloß nicht auf Experten! Vorab totgesagte Neuemissionen haben ihre Aktionäre reich gemacht. Vermeintlich sichere Immobilienaktien erwiesen sich als schlimme Wertvernichter.

Twitter-Börsengang: Gegen alle Prognosen ein Erfolg
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Twitter-Börsengang: Gegen alle Prognosen ein Erfolg

Von Christian Kirchner


Wenn Erfolg bei der Geldanlage zumindest zu einem kleinen Teil auch darauf beruht, dass man nicht immer nur das tun sollte, was einem intuitiv naheliegend, logisch und richtig erscheint - dann liefert der Markt für Börsengänge im Jahr 2013 ein wunderbares Beispiel für diese These.

Was gab es für einen Bohei um den Börsengang des Kurznachrichtendienstes Twitter Anfang November! Jeder wurde für verrückt erklärt, der auch nur darüber nachdachte, diesen fundamental völlig überteuerten Hoffnungswert zu kaufen. Und was passierte? Die Aktie hat allein im Dezember mehr als 50 Prozent zugelegt.

Und umgekehrt konnte ausgerechnet die nüchterne Ratio ins Verderben führen. Sind nicht deutsche Wohnimmobilien so etwas wie der neue Goldstandard, wenn es um sinnvolle Anlagen geht? Reale Werte, quasi inflationsgeschützt? In diesem Umfeld hatten Banken leichtes Spiel, die Aktien der Immobilienkonzerne Deutsche Annington und LEG Immobilien zu platzieren - zwei der überschaubaren sechs Börsengänge, die hierzulande im abgelaufenen Jahr über die Bühne gingen. Doch deren Kursentwicklung ist ausgesprochen schlecht: Relativ zum MDax-Index für mittelgroße deutsche Aktien hinkt die Deutsche Annington um elf und die LEG Immobilien gar um 34 Prozent hinterher.

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In der Breite war 2013 indes ein starkes Jahr für jene Mutigen, die sich an Neuemissionen wagten. Im Schnitt um rund 20 Prozent gingen die Kurse ab Emission bis heute nach oben, in den USA legten Neuemissionen im Schnitt gar 63 Prozent zu. Ein kleiner Rückblick auf die weltweiten Höhepunkte des Jahres 2013 im Markt für Börsengänge:

  • Der größte Börsengang: BB Seguridade

Mit einem Erlös von umgerechnet rund 4,3 Milliarden Euro ging der größte Börsengang des Jahres in Brasilien über die Bühne: Dort brachte im April die Banco do Brasil ihre Versicherungssparte unter dem Namen BB Seguridade an die Börse. Gemessen am Emissionspreis von 17 brasilianischen Real haben die Zeichner ein gutes Geschäft gemacht, da der Kurs inzwischen bei 24 Real steht - das entspricht einem Plus von über 40 Prozent. Welches umso höher einzuschätzen ist, als dass der brasilianische Aktienmarkt insgesamt mit einem Minus von 15 Prozent zu den wenigen Verlierern des Börsenjahres 2013 gehört.

Der überraschendste: Osram

Im Juli brachte Siemens seine Leuchtmittelsparte Osram in Form eines sogenannten Spin Offs an die Frankfurter Börse. Für je zehn gehaltene Siemens-Aktien gab es eine neue Osram-Aktie. Kurz vor Handelsbeginn der neuen Osram-Aktien notierten Siemens-Aktien daher mit einem kleinen Abschlag, dafür erhielten die Halter aber auch neue Osram-Aktien eingebucht, deren erster Kurs Anfang Juli 24 Euro betrug.

Und von da an eigentlich kräftig abschmieren müssten, wie viele orakelten. Denn, so die Logik: Siemens sei ein Dax-Konzern, Osram nicht. Wer Osram-Aktien gar nicht wolle, werde die Aktien zügig verkaufen. Und viele Großinvestoren - etwa die passiven Dax-Fonds, die stumpf dem Index folgen und über 20 Milliarden Euro verwalten - die seien quasi gezwungen, die Osram-Anteilsscheine gleich nach Handelsaufnahme auf den Markt zu werfen. Was aber passierte? Die Osram-Aktien begannen von der ersten Minute des Handels an eine bis heute laufende Kletterpartie, die die Aktie auf aktuell 41 Euro steigen ließ. Macht ein Plus von 71 Prozent zum ersten Kurs.

Vermutlich wird man von Osram wieder häufiger hören, wenn es um einen potentiellen Aufstieg in den Deutschen Aktienindex Dax geht - für den ist die Aktie nämlich dank der fulminanten Kursentwicklung in den nächsten ein bis zwei Jahren durchaus ein Kandidat.

Der spektakulärste: Twitter

Twitter mag bereits extrem hoch bewertet an den Markt gekommen sein, die Intuition erinnerte einen fatal an den Wahnsinn der Jahrtausendwende. Die anschließende Kursentwicklung aber auch: Um 145 Prozent gegenüber dem Emissionspreis stieg die Aktie seit dem Börsendebüt Anfang November. Das tägliche Handelsvolumen von Twitter-Aktien überstieg zuletzt das aller 30 Dax-Aktien zusammen. Twitter ist defizitär, aber mit dem 74fachen des Jahresumsatzes an der Börse bewertet. Und damit gemessen an der Marktkapitalisierung wertvoller als die Lufthansa, ThyssenKrupp und Lanxess zusammen. Ob das nun gegen Twitter oder für ThyssenKrupp, Lufthansa und Lanxess spricht - oder gegen Aktien überhaupt -, muss jeder Anleger selbst für sich entscheiden.

  • Der beste und der schlechteste weltweit: REC Solar/ PanAsialum Holdings

Die Tops und Flops unter den weltweiten Neuemissionen mit wenigstens 100 Millionen. Dollar Emissionserlös sind ein Spiegelbild auch des Börsenjahres: Vier der fünf Börsenneulinge mit den höchsten Gewinnen debütierten in den USA oder Europa - wo die Börsen weit besser liefen als in Asien und Südamerika. Und vier der fünf Neulinge mit den größten Verlusten gingen in Asien an die Börse, wo die Aktienmärkte per saldo nur auf der Stelle traten.

Rund zwei Drittel büßte der Aktienkurs des chinesischen Aluminiumkonzerns PanAsialum Holdings gemessen am Emissionspreis seit seinem Debüt im Januar an der Börse Hongkong ein. Damit trägt er die rote Laterne der Neulinge 2013. Dabei war die Emission bei Privatanlegern 53fach überzeichnet. Sowohl hinter der anfänglichen Euphorie als auch dem Absturz steht die hohe Abhängigkeit PanAsialums von Aufträgen von Apple-Zulieferern, für die der Konzern Aluminium herstellt.

Den besten Schnitt hingegen machten Investoren beim norwegischen Solarunternehmen Renewable Energy Corp. (REC). Der Konzern spaltete sich im Oktober in zwei Teile: jenen für die Herstellung von Silizium, der seitdem unter REC Silicon fungiert, und die Photovoltaik-Sparte, die nunmehr REC Solar heißt. Im Zuge der Aufspaltung brachte der Mutterkonzern auch neue Papiere der Photovoltaik-Tochter REC Solar an die Börse - die gemessen am Ausgabepreis um 320 Prozent zulegen konnten.

Wertet man die Aufspaltung nicht als eigenen Börsengang, haben Zeichner mit dem im Juli an der Börse Hongkong eingeführten Casino- und Immobilienkonzern Macau Legend Development den besten Schnitt gemacht - hier ging es gemessen am Emissionspreis um 240 Prozent aufwärts.

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unixv 30.12.2013
1. alles beim alten!
zocken bis der Arzt kommt, verlieren gibt es nicht, wenn doch ... es zahlt der Steuerzahler, wer sonst!
tino.reichardt 30.12.2013
2. Das ist mir neu
Zitat von unixvzocken bis der Arzt kommt, verlieren gibt es nicht, wenn doch ... es zahlt der Steuerzahler, wer sonst!
Also, wenn mein Aktienfonds nach unten geht, kann ich den vom Steuerzahler wieder aufstocken lassen!? Hurra, es lebe der Kommunismus und die Unmündigkeit der Bürger
naklar? 30.12.2013
3. Aktien sind nicht das Übel, das Übel ist, was Banken und Politiker daraus gemacht ...
... haben. Dank der Banken haben Aktienwerte überhaupt keinen Bezug mehr zur Realität eines Unternehmens. Gut finanziell ausgestattete Unternehmen sind meistens unterbewertet und sogenannte Blasen in der Wirtschaft sind total überbewertet. Auch in der Bankenkrise sind die Reichen die Profiteure. Otto-Normal hat sein ganzes Spar-Vermögen verloren; nur für die Reichen waren es einkalkulierte Verluste, die man mit gezieltem Nachkaufen wieder einholen konnte. Nur zur Erinnerung: Man benötigt erst einmal Geld um es anzulegen. Und daß dies immer weniger für Otto-Normal möglich ist; dafür haben die Blockparteien, welche die letzten 20-Jahre an der Macht waren, gründlich gesorgt. Es macht eben einen Unterschied ob man Aktien für 1000€ oder gleich für 10000€ ordern kann. Fazit: Aktien sind eine sinnvolle Möglichkeit für Unternehmen Geld einzusammeln um nötige Investitionen zu tätigen. Wäre dies nicht möglich, dann wären viele erfolgreiche Unternehmen nie erfolgreich geworden aufgrund der Abzocke durch Bankzinsen oder durch nicht erhaltene Darlehen. Dividenden um 4% sind keine Zockerrei und sollten generell möglich sein, bei einem gesunden Unternehmen. Gewinnsteigerungen um die 20% ("Deutsche Bank Vorgabe unter Ackermann") würde ich eher als Zockerrei bezeichnen und fernab jeglicher Realität.
FraSoer 30.12.2013
4. Value Investment
Es ist zwar ganz richtig, dass man mit Aktien wie Twitter schnell sehr viel Geld verdienen kann. Dummerweise weiß niemand im Voraus wann die Aktie plötzlich wieder ihren Wert verliert, immerhin entspricht der derzeitige Kurs in keiner Weise dem Wert der Firma. Sprich, wer schnelle "ungerechtfertigte" Gewinne macht, der wird das Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso schnell wieder verlieren. Wer langfristig von der Börse profitieren möchte, der muss sich ein Portfolio in unterschiedlichen Branchen und vielleicht sogar Ländern anlegen. Dann ist es auch nicht so wild wenn eine einzelne Aktie an Wert verliert.
UweZ+ 30.12.2013
5. ...:-)))
Zitat von sysopAPIm Börsenjahr 2013 bestätigte sich eine Regel: Höre bloß nicht auf Experten! Vorab totgesagte Neuemissionen haben ihre Aktionäre reich gemacht. Vermeintlich sichere Immobilienaktien erwiesen sich als schlimme Wertvernichter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/twitter-und-osram-top-immobilien-flop-das-verrueckte-boersenjahr-2013-a-941235.html
Tolle Sache...! Der gekoppelte Handel ausfallträchtiger Immobiliendarlehn und zugehöriger Kreditausfallversicherungen hatte ja auch schon viele "Aktionäre reich gemacht". Auch 15 % Zinsen für augenscheinlich riskante Staatsanleihen haben Wertpapier-Erwerber nachweislich "reich gemacht". Ganz generell beinhalten die Marktsegmente organisiert-kriminelle(r) Betrug und/oder Schutzgelderpressung logischerweise erhebliches Potential, ehrenwert-finanzfamiliäre Investoren reich zu machen... Dummerweise sitzen heutig beide oben genannten Gruppen von "Reichen" entweder auf Papierchen ohne Wert, oder haben alternativ erfolgreich gezockt, und lustige Eurönchen, respektive herzallerliebst putzige Dollars eingesackt. Und das in Zeiten, wo fast alle Mitmenschen ihre € und $ loswerden wollen, weil die deren zockerisch aufgeblähten Geldmengen nicht mehr trauen und der Besitz von €- und $-Kapital mit real verlust-aversiv schmerzlichen Aufbewahrung-Gebühren belegt wird...-) Und weit und breit immer noch kein Schwein in Sicht, das all die supidupi Börsenpapierchen, Euros und Dollars noch in Realwertiges eintauschen wollte, wenn er solcherlei nach menschlichem Ermessen schlicht Unmögliches denn überhaupt könnte...:-))
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