Philosophin Salecl "Kapitalismus ist die Neurose der Menschheit"

Freiheit ist gut, oder? Nicht immer, argumentiert die Philosophin Renata Salecl. Im modernen Kapitalismus sei die Freiheit zur "Tyrannei der Wahl" zwischen Karriereoptionen und Kaffeevarianten verkommen - mit dem ständigen Risiko des Scheiterns.
Starbucks-Filiale: Kapitalismus als Wahlfreiheit zwischen Kaffesorten

Starbucks-Filiale: Kapitalismus als Wahlfreiheit zwischen Kaffesorten

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Frau Salecl, bei der Schnellimbisskette Subways müssen Sie ein knappes Dutzend Entscheidungen fällen, ehe Sie in Ihr belegtes Baguette beißen können. Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie in Ihren Vorlesungen von einer "Tyrannei der Wahl" sprechen?

Salecl: Ich versuche, Orte wie Subways zu meiden. Und wenn ich doch mal dort bin, bestelle ich immer dasselbe. Mit "Tyrannei der Wahl" bezeichne ich eine Ideologie, die im postindustriellen Kapitalismus entstanden ist. Es begann mit dem amerikanischen Traum, mit der Idee des Self-made Man, der sich vom Tellerwäscher zum Millionär hocharbeitet. Nach und nach wurde aus dieser Karriereperspektive ein universelles Lebenskonzept. Heute glauben wir, alles wählen zu können: Wen wir lieben, wie wir aussehen, selbst die Wahl des Kaffees will gut überlegt sein. Das ist äußerst schädlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Salecl: Weil wir uns ständig gestresst fühlen. Überfordert. Und schuldig. Denn wenn es mir schlecht geht, ist das gemäß dieser Ideologie meine eigene Schuld. Ich habe die falsche Wahl getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ich mich richtig entscheide?

Salecl: Dann ist da stets das Gefühl, dass etwas noch Besseres hinter der nächsten Ecke wartet. So sind wir nie wirklich zufrieden. Und legen uns nur ungern fest.

SPIEGEL ONLINE: "Lasst den Pöbel nichts entscheiden! Er ist zu dumm dazu": So argumentieren seit Jahrhunderten Autokraten. Wollen Sie etwa sagen, die haben recht?

Salecl: Nein. Ich kritisiere nicht die politische Wahlfreiheit, sondern die Perversion dieses Konzepts durch den Kapitalismus. Die Illusion, ich hätte die Macht über mein Leben.

SPIEGEL ONLINE: Aber die habe ich doch. Ich kann frei entscheiden, was ich will, auch wenn es mich stresst.

Salecl: Ganz und gar nicht. Eine befreundete Psychologin erzählte mir einmal von einer Patientin. Die hatte eine gute Schul- und Universitätsausbildung, einen guten Job, ein Haus, einen liebevollen Ehemann. "Ich habe alles in meinem Leben richtig gemacht", sagte die Frau. "Aber ich bin immer noch nicht glücklich." Die Frau hat nie das gemacht, was sie will, sondern immer nur das, von dem sie glaubte, dass die Gesellschaft es von ihr erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Wir sollten also stärker unser persönliches Glück verfolgen?

Salecl: Auch das ist eine Illusion. Glück ist zur Leistungsvorgabe verkommen. Die Welt ist voll mit Frauenzeitschriften, die uns vorschreiben, was uns glücklich macht. Voll mit Facebook-Statusmeldungen, die uns zeigen, wie viel andere aus ihrem Leben machen. Es gibt sogar Indexe, die angeblich erfassen, wie glücklich verschiedene Nationen sind. "Du musst glücklich sein", lautet der gesellschaftliche Imperativ. Wenn du es nicht bist, hast du versagt.

SPIEGEL ONLINE: Die Botschaft lautet aber auch: Du hast die Wahl. Dadurch hast du mehr Kontrolle über dein Leben.

Salecl: Ja. Dabei stimmt das nur bedingt. Denn die Folgen unserer Entscheidungen können wir ja noch immer nicht kontrollieren. Das ist der nächste Schritt: Wir wollen nicht nur die Wahlfreiheit, wir wollen auch eine Garantie, dass das, was wir wählen, genauso ist, wie wir es uns vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben wir so viel Angst loszulassen?

Salecl: Weil wir jedes Mal, wenn wir uns für etwas entscheiden, etwas anderes verlieren. Man sieht es an Leuten, die Autos kaufen. Manche lesen nicht nur vor dem Kauf Produktrezensionen, sondern auch danach - um sich zu vergewissern, dass sie wirklich richtig gewählt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich keine Wahl habe, weil ich mir nichts leisten kann - bin ich dann glücklicher?

Salecl: Paradoxerweise nein. Eine der größten Errungenschaften des Kapitalismus ist gerade, dass sich selbst der proletarische Sklave wie ein Meister fühlt. Dass selbst er glaubt, er habe die Wahl, sein Leben zu ändern. Die Ideologie des Selfmademan treibt uns an, wir arbeiten mehr, konsumieren mehr, am Ende konsumieren wir uns selbst. Die Folgen sind Burnout, Bulimie und andere Zivilisationskrankheiten.

SPIEGEL ONLINE: Warum behandeln wir uns selbst so mies?

Salecl: Schon Sigmund Freud sagte, dass Leiden uns eine seltsame masochistische Freude bereitet. Die Tyrannei der Wahl nutzt diese Schwäche aus. Die Überflussgesellschaft überfordert uns, wir leiden, wir zerstören uns selbst. Und wir können einfach nicht damit aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Aber wir sind doch nicht nur die Opfer. Immerhin haben wir selbst dieses System erschaffen, und solange wir konsumieren, wird es fortbestehen. Am Ende reflektiert Kapitalismus doch nur die menschliche Natur.

Salecl: Das stimmt. Freud hat auch gesagt, der Mensch wähle seine eigenen Neurosen. Kapitalismus ist die Neurose der Menschheit.

SPIEGEL ONLINE: Es geht aber auch anders. In London gibt es ein Restaurant, das nur ein einziges Gericht anbietet; vor seiner Tür stehen die Leute Schlange. Eine Berliner Firma verkauft T-Shirts, ohne dass Kunden sie vorher gesehen haben.

Salecl: Das sind clevere Marketingstrategien. Es ist wie mit einem Kind. Wenn man es im Kino fragt, welchen Film es sehen will, ist es überfordert. Wenn man ihm kurz darauf vorschlägt, okay, lass uns "James Bond" sehen, sagt es vermutlich: "Nein, Mama, genau den Film nicht." Wenn es keine Grenzen mehr gibt, suchen wir uns neue.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir je wirklich frei sein?

Salecl: Nein. Aber wir können entspannter leben. Wir können akzeptieren, dass unsere Entscheidungen nicht rational sind. Dass wir uns immer an der Gesellschaft orientieren. Dass wir jedes Mal, wenn wir etwas wählen, etwas anderes verlieren. Und dass wir die Folgen unserer Entscheidungen kaum kontrollieren können.

Das Interview führte Stefan Schultz auf der TED-Konferenz in Edinburgh