Geldanlage Beraten und verkauft

Wo soll man bei all den Krisen sein Geld anlegen? Professionelle Hilfe wäre gut, und der Vermögensberater der Hausbank möchte gerne helfen. Aber kann man jemandem trauen, der seine Dienste umsonst offeriert - und sich nicht einmal einen gescheiten Anzug leisten kann?
Beratungsgespräch: "Wir empfehlen den Power Put auf den Topix Mid 400"

Beratungsgespräch: "Wir empfehlen den Power Put auf den Topix Mid 400"

Foto: Corbis

Meine Mutter war ganz aufgeregt. "Ich bekomme einen Vermögensberater", sagte sie.

"Wow", entgegnete ich. "Ich wusste gar nicht, dass du einen brauchst."

Mutter wusste das auch nicht. Ihr Erspartes ruht seit Vaters Tod bei einer Bankfiliale am Stadtrand. Dort rentierte es weitgehend finanzunoptimiert vor sich hin, bis eines Tages ein Brief von der Bank kam: Das gesamte Asset Management für Wealthy Individuals werde im Haupthaus zentralisiert. Meine Mutter war zunächst wenig begeistert, dass sie wegen ihres Depots fortan in die Innenstadt fahren sollte. Aber der stellvertretende Filialleiter sagte: "Im Haupthaus, da sitzen die Profis, Frau König. Echte Trüffelschweine, die holen mehr für Sie raus."

Vier Wochen später sitzen wir bei unserem Trüffelschwein. Es heißt Herr Einhorn und ist um die dreißig. Unser Asset Manager hat seine Haare zurückgegelt, er trägt Hornbrille und Hosenträger. Kurzum: Er versucht so auszusehen wie ein Wall-Street-Banker. Sein C&A-Anzug, die Plastik-Swatch und die Gummipalme hinter seinem Schreibtisch konterkarieren dieses Unterfangen.

Als ich ihm unsere Anlagewünsche erläutere, schaut er sehr miesepetrig. "Wir sind sehr konservativ", sage ich. "Meine Mutter möchte keine Optionsscheine oder so was, lieber Bundesschatzbriefe oder Dax-Aktien - Papiere, die man jahrelang liegenlassen kann."

Herr Einhorn nickt bedächtig. Dann sagt er: "Ich habe mir erlaubt, Ihre Depotstruktur zu analysieren." Er dreht seinen Flachbildschirm herum, zeigt auf ein paar bunte Tortendiagramme und murmelt er etwas von "ungenügender Beimischung" sowie "dringend gebotener Risikodiversifizierung". Unser Vermögensoptimierer redet jetzt sehr schnell und ich kann sehen, wie die Augen meiner Mutter so matt wie Milchglasscheiben werden.

Turbo-Powerputs auf den Topix Mid 400

Plötzlich knallt er drei Papiere auf den Schreibtisch: "Die neuesten Tipps unserer Aktienresearch! Welches Produkt möchten Sie kaufen?"

Ich lehne mich vor: "Power Put auf den Topix Mid 400" steht da. Und: "Quanto Turbozertifikat".

"Klingt alles sehr spekulativ", wende ich ein. "Wir wollten doch eher was Konservatives."

Herr Einhorn streicht die Frontpartie seines 199-Euro-Dreiteilers glatt und lächelt gequält. "Natürlich, natürlich. Da suche ich Ihnen ein paar Supersachen raus."

Seitdem vergeht kaum eine Woche, ohne dass dieser Schmalspur-Aktienstratege meine Mutter anruft, die dann wiederum bei mir durchklingelt, mit Panik in der Stimme: "Tommy, ich hab' solche Angst um unser Geld! Herr Einhorn hat gesagt, es drohen hohe Verluste, wenn wir nicht umschichten. Wegen des ... des Dabbeldipp."

Ich rate ihr stets, überhaupt nichts zu tun. Bei den Bundesschatzbriefen wird bestimmt nicht allzu viel schiefgehen. Schon Börsenguru André Kostolany hat ja gesagt, man solle Anleihen kaufen und sich schlafen legen. Oder waren das Aktien?

Es gibt leider wenig Gutes über bankeigene Vermögensberater zu sagen. Eigentlich überhaupt nichts. Deren Tipps fallen in der Regel in eine von drei Kategorien: Analystenempfehlung, Aktienfonds oder Depotumschichtung. Kunde König kennt sie alle und liefert Ihnen hier die Übersetzung des Börsenkauderwelsches, ganz ohne Agio und Beratungshonorar:

1. Jetzt Daimler akkumulieren - heißer Tipp aus unserer Analyseabteilung!

Übersetzung: Unser Eigenhandel hat sich übel verzockt, und ein paar unserer Großkunden ebenfalls. Deshalb haben wir jetzt genug Daimler-Aktien, um damit die Vorstandsetage zu tapezieren. Und da kommst du ins Spiel. Kauf uns die Lappen ab. Na los - das Kursziel, das sich unsere Analysten ausgedacht haben, ist doch wohl traumhaft.

2. Die Konjunktur dreht - das Depot muss umstrukturiert werden!

Übersetzung: Deine Aktien schimmeln jetzt bereits seit einem Jahr vor sich hin. Mag sein, dass du damit Geld verdienst. Aber denk' doch einmal an deinen armen Vermögensberater! Der verdient schließlich nur etwas, wenn du long gehst. Oder short. Worin du investieren sollst? Egal. Hauptsache, es bewegt sich was.

3. Gemanagte Aktienfonds unserer Bank machen mehr Rendite!

Übersetzung: Mehr Rendite für uns. Wir kassieren nicht nur einen fetten Aufschlag beim Kauf, sondern unser Fondsmanager bekommt außerdem jedes Jahr 0,5 Prozent des Fondswerts - egal, wie sehr er sich verspekuliert. Ein weiteres Plus: Die ganzen überschüssigen Daimler-Aktien (siehe Punkt 1) kippen wir einfach in deinen Fonds. Und wenn du dich irgendwann beschwerst, dass der Fonds eine Gurke ist, schlagen wir dir Punkt 2 vor.

Mit Vermögensberatung hat so etwas wenig zu tun - eher mit Verrat am Kunden. Aber wer sich in die Fänge dieser Leute begibt, trägt zumindest eine Mitschuld. Warum? Weil ordentliche Beratung immer Geld kostet. Gute Ärzte, Rechtsanwälte oder Steuerberater haben ihren Preis. Nur der Vermögensfuzzi von der Bank, der offeriert seine Dienste umsonst. Und deshalb sollte jedem klar sein, dass er bekommt, was er bezahlt hat: Im Normalfall nämlich nichts.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de .