Umstrittene Geldanlage Bäckereikette wirbt bei Kunden um Darlehen

"Fünf Brötchen und eine Unternehmensanleihe, bitte!" Anleger können einer hessischen Bäckereikette Geld leihen. Die Firma lockt mit hohen Zinsen. Auch andere Mittelständler geben Anleihen aus. Verbraucherschützer warnen vor hohen Risiken.
Werbebroschüre der Bäckerei Heberer: Warnung vor hohen Zinsversprechen

Werbebroschüre der Bäckerei Heberer: Warnung vor hohen Zinsversprechen

Foto: dapd

Berlin - Es klingt nach einem handfesten Angebot. Schon ab tausend Euro sei die "Investition ins goldene Handwerk" möglich, wirbt die Mühlheimer Bäckereikette Heberer. Sie bietet ihren Kunden nicht nur frisches Gebäck an. Seit August verkauft das Unternehmen auch Firmenanleihen. Beim Brötchenkauf bekommen Kunden einen Werbezettel in die Hand gedrückt. Heberer verspricht darin einen festen Zinssatz von sieben Prozent.

Hohe Rendite, solides Gewerbe, dürfte so mancher Anleger anerkennend sagen. Noch dazu besteht die in Offenbach gegründete Bäckerei schon seit 1891. Doch Verbraucherschützer warnen vor Firmenanleihen. "Prinzipiell raten wir Kleinanlegern von Investitionen in einzelne Unternehmensanleihen ab", sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Nur wer über ein breit gestreutes Portfolio verfüge, solle überhaupt über den Kauf solcher Schuldverschreibungen nachdenken. Viele Firmenanleihen seien riskant und undurchsichtig.

Auch bei der Heberer-Anleihe sieht Nauhauser Gründe, warum Kleinanleger besser die Finger davon lassen sollten. Die Bäckerei lässt ihre Anleihen nicht von Rating-Agenturen bewerten. Auch an der Börse wird das Papier nicht gehandelt, somit kann kein Kursverlauf darüber Auskunft geben, wie andere Anleger das Risiko einschätzen.

Die Bäckereikette tritt den Warnungen des Verbraucherschützers entgegen: Potentielle Anleger fänden "umfassende Informationen", sagt Unternehmenssprecher Ralf Beke-Bramkamp. Zudem würden auch nicht alle Bürger den Urteilen von Rating-Agenturen vertrauen. Wichtiger sei, dass der Familienbetrieb in vierter Generation bereits seit 120 Jahren bestehe. Eine Anleihe sei "für viele Verbraucher offenbar eine sicherere Anlage als andere Papiere". Ein hoher Bekanntheitsgrad und viele Kundenkontakte habe Heberer dazu bewogen, Anleihen auszugeben.

Anleger reißen sich um Anleihen von Valensina und Katjes

Die Bäckereikette ist kein Einzelfall. Bei vielen mittelständischen Unternehmen boomt derzeit das Geschäft mit Firmenanleihen. Während die Banken vor einer Kreditklemme warnen, besorgen sich viele Mittelständler ihr Kapital woanders: Firmenanleihen werden in der Regel schon ab 1000 Euro ausgegeben und sind damit insbesondere für Kleinanleger attraktiv. Die Zinsen liegen oft zwischen sieben und acht Prozent und sind damit deutlich höher als bei Sparbüchern.

Das Interesse der Anleger ist groß: Der Safthersteller Valensina musste bereits nach zweieinhalb Stunden die Ausgabe seiner Anleihen beenden, weil sie bereits fünffach überzeichnet waren. Bei Katjes dauerte es nur eine halbe Stunde, da gab es bereits mehr als doppelt so viele Interessenten als der Süßwarenhersteller mit seinem 30 Millionen Euro schweren Anleihenpaket bedienen konnte.

Bei Heberer sollen bis zum August kommenden Jahres zwölf Millionen Euro zusammenkommen. Fast die Hälfte der Anleihen wurde schon verkauft. "Wir sind mit dem Verlauf vollauf zufrieden", erklärt das Unternehmen.

Hoher Zins bedeutet hohes Risiko

Es gebe einige Gründe, weshalb Unternehmen auf diese Finanzierungsmethode setzen, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Die Banken sind restriktiver geworden durch die hohen Anforderungen bei der Kreditvergabe." Gleichzeitig wollten viele mittelständische Unternehmen nicht an die Börse. "Sie wollen keine Macht an Aktionäre abgeben." Kurz rechnet damit, dass in Zukunft noch mehr Mittelständler Anleihen verkaufen werden. "Das ist ein Markt, der sich noch entwickelt."

Interessenten rät der Aktionärsschützer, sich mindestens die Unternehmenszahlen, die Geschichte und das Geschäftsmodell des Unternehmens anzusehen. "Auf Ratings alleine sollte man sich nicht verlassen." Insgesamt sei eine realistische Risikoeinschätzung jedoch "extrem schwer für Laien". Jedem Anleger sollte zudem klar sein: Viele Firmenanleihen mit hohem Zinssatz seien vergleichsweise riskant. "Der Zins ist ein Risikopreis", sagt Kurz.

Die Risiken müssen im Wertpapierprospekt zur Anleihe aufgeführt werden. Bei Heberer ist dieser 122 Seiten dick. Darin heißt es, dass die Unternehmensgruppe Verbindlichkeiten in Höhe von insgesamt 26 Millionen Euro habe. Sollten diese nicht zurückgezahlt werden, könne dies für Heberer "unmittelbar bestandsgefährdend" sein. "In einem solchen Fall müssen die Anleger damit rechnen, dass sie mit ihren Ansprüchen aus der Inhaber-Schuldverschreibung ausfallen", heißt es in dem Prospekt.

"Achtung, Gefahr des Totalverlusts"

Übersetzt heißt das: Der Anleger würde sein Geld wohl nicht wiedersehen. "Wir halten den Fall für ausgeschlossen", sagt der Heberer-Sprecher. In den Werbezetteln, die in den Bäckereien ausliegen, ist auch kein Wort über einen möglichen Ausfall zu lesen. Das erzürnt Verbraucherschützer Nauhauser. "Neben den sieben Prozent Rendite, die auf den Werbezetteln angepriesen werden, müsste in dicken, schwarzen Buchstaben stehen: Achtung, Gefahr des Totalverlusts", fordert er. In dem Wertpapierprospekt gingen die Risikohinweise in der Masse der Informationen unter.

Heberer aber sieht sich nicht in der Pflicht und verweist auf das Vorgehen anderer Firmen. Der Unternehmenssprecher sagt: "Die Anleihen werden mit Instrumenten beworben, die in der Branche üblich sind."

Felix Frieler und Felix Werdermann, dapd
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